Finale

Der Rest der Welt

Sie hat die Haare schön. Foto: Getty Images / istock

Mein Ex-Friseur, von dem ich mich aus Kostengründen trennen musste, hat mir eine E-Mail geschickt. »Sichert euch jetzt noch die letzten Termine, bevor die Salons in Berlin zwangsgeschlossen werden«, appellierte der Inhaber des Szene-Ladens in Prenzlauer Berg am 13. März an seine Kundinnen.

Email »Mit schönen Haaren in die Quarantäne!« Fast wäre ich dem Ruf gefolgt, wollte aber meinem neuen Friseurladen »Herr & Frau Knorke« in Kreuzberg treu bleiben. Ich habe die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Vier Tage, nachdem ich die E-Mail ignoriert hatte, musste mein Mann in Quarantäne. Ich blieb mit Mann und Sohn in unserer Wohnung in Friedenau.

Prenzlauer Berg und Kreuzberg waren auf einmal Welten entfernt. Aber der Haarschnitt war mein geringstes Problem. Mich sah ja niemand. Viel schlimmer war beginnender Muskelschwund, das fehlende Langhanteltraining rächte sich schnell.

Ich trainierte ersatzweise mit zwei vollen Weinflaschen, aber nachdem mir der Weißwein aus kontrolliert organischem Anbau völlig unkontrolliert aus der Hand gerutscht war, gab ich es wieder auf.

Hometrainer Meine Rettung war ein alter Hometrainer auf unserem Balkon, dort schien bis zwölf Uhr mittags die Sonne. Ich hielt mein Gesicht schräg ins Licht und grölte den Liedtext von »Bruttosozialprodukt« laut mit: »Sie amputierten ihm sein letztes Bein. Und jetzt kniet er sich wieder mächtig rein ...« Zum Glück haben die Nachbarn meinen Gesang ertragen. Ich hatte noch mehr Glück: Wir sind nicht krank geworden.

Die Quarantäne endete, die Sommerzeit begann. Auf unserem Balkon scheint jetzt die Sonne bis 13 Uhr. Ich habe meine Haare mit Ansatztönung aus der Drogerie gefärbt und strampele auf dem Hometrainer zum Hit von Fehlfarben: »Ein Jahr (Es geht voran)«. Sehr überrascht war ich, als Anfang April Herr Knorke anrief.

Ob ich einen Termin wolle? Man sei auf Wochen ausgebucht. »Moment mal«, unterbrach ich ihn, »ihr seid doch geschlossen, vergebt ihr jetzt schon Termine?« »Klar, warum denn nicht?«, fragte Knorke.

Geflügelschere »Gut, dann am 15. Mai«, sagte ich und glaubte keine Sekunde an die Lockerung der Corona-Kontaktsperre und einen neuen Haarschnitt. Hauptsache, mein Friseur fühlt sich gefragt! Was mache ich bis 15. Mai? Friseurscheren sind in der Drogerie ausverkauft. Zur Geflügelschere will ich nicht greifen, davon raten die Experten im Internet dringend ab.

Falls mich jemand auf meine Haare anspricht, werde ich mich mit der Omerzeit herausreden. Zwischen Pessach und Schawuot ist Haareschneiden verboten. Aber es gibt eine Ausnahme: Lag BaOmer, der 12. Mai! Für den Fall, dass Knorke seinen Termin nicht halten kann, habe ich bei Amazon für den »Good Hair Day« der Juden und Jüdinnen schon eine hochwertige Friseurschere bestellt. Wie das Ergebnis aussieht, werden Sie nie erfahren.

Isolation Falls unsere Regierung Frauen in ihren besten Jahren gezielt sozial isolieren will, sollte sie die Friseurläden bis Ende des Jahres geschlossen halten. Wahrscheinlich bin ich nicht die Einzige, die dann auf den Einkauf bei Edeka verzichtet und lieber in den eigenen vier Wänden bleibt.

Sehen!

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