TV-Tipp

Doku zeigt das Leben arabischer Transpersonen in Israel

Zur ARTE-Sendung »Die Schöne aus Gaza«: Im Zentrum des Dokumentarfilms stehen Transfrauen im Nahen Osten, die zwischen Hoffnung und existenzieller Bedrohung ihren Weg suchen. Foto: arte © Unité/Phobics

Sie beten zu Allah, gehen auf den Strich und werden von ihren Landsleuten nicht selten fast totgeprügelt. Eine Arte-Dokumentation in der Nacht zum Samstag porträtiert transsexuelle Araber, die vor Diskriminierung aus Gaza flüchteten, um sich in Tel Aviv ihren Traum eines selbstbestimmten Lebens zu erfüllen.

Über eine dieser Personen wird erzählt, sie sei als Junge zu Fuß aus Gaza nach Tel Aviv gekommen, um dort eine Frau zu werden, zur »Schönen aus Gaza«. Diese Urban Legend, die transsexuelle Version einer Geschichte aus Tausendundeiner Nacht, benutzt Yolande Zauberman als Aufhänger. Nach den Dokumentarfilmen »Would you have sex with an Arab?« (2011) und »M« (2018) bildet »La Belle de Gaza« (so der Originaltitel) den Abschluss einer Trilogie.

Dabei taucht die Regisseurin tief ins Nachtleben Israels ein. Die französische Filmemacherin, Tochter jüdisch-polnischer Einwanderer, realisierte ihren neuen Film im Rotlichtviertel in Tel Aviv. Hier trifft sie ausschließlich Transpersonen, die vom Mann zur Frau wurden, und die sich prostituieren. Beim Zusehen mutet das an wie in einem frühen Film von Pedro Almodóvar.

Die in halbdunklen Straßenecken entstandenen, schummrigen Bilder dokumentieren eine Oase der Sicherheit im Nahen Osten, in der sich Menschen mit abweichender sexueller Orientierung vor Verfolgung einigermaßen sicher fühlen können.

Gewalt von Landsleuten

Der Film entstand noch vor dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023. In einigen Gesprächen, die Yolande Zauberman mit Transpersonen führt, ist jener Konflikt, der zum schlimmsten Massenmord an Juden seit dem Holocaust führte, jedoch bereits spürbar. So erzählt ein arabischer Transsexueller, er sei von Landsleuten zusammengeschlagen und dazu gezwungen worden, blutüberströmt zu einem Checkpoint im Westjordanland zu rennen. Die Peiniger hofften, dass er für einen Terroristen gehalten und erschossen würde – so dass man die Schuld den Israelis in die Schuhe schieben konnte.

Der Film zeigt dieses Milieu nicht nur von der düsteren Seite. Porträtiert werden auch Prominente wie Talleen Abu Hanna, ein christlich-arabischer Israeli aus Nazareth. 2016 wurde Talleen zur »Miss Trans Israel« gewählt. Dieser Wettbewerb, der für seine versöhnliche Botschaft der Koexistenz gelobt wurde, brachte Teilnehmer aus dem jüdischen, muslimischen und christlichen Glauben zusammen.

In der beeindruckendsten Szene dieser dokumentarischen Streifzüge spricht Talleen mit dem Vater, der gerade am Steuer sitzt und einen Linienbus durch die Nacht lenkt. Die emotionale Aussprache zwischen beiden gipfelt in einem Moment, in dem der Vater erklärt: »Ich habe mich verfahren.« Talleens Gesicht, das sich geisterhaft in der Seitenscheibe des Busses spiegelt, erscheint unterdessen wie eine schillernde Ikone.

Die titelgebende »Schöne aus Gaza« bleibt allerdings bis zum Ende des Films unauffindbar. Gibt es sie vielleicht nicht wirklich? Diese Frage, so spürt man, ist vielleicht gar nicht so wichtig. Sie motiviert die filmische Suchbewegung in einer Halbwelt. Im Zuge dieser Suche verbindet die Regisseurin Gespräche mit arabischen Transpersonen zu einem lebendigen Kaleidoskop aus Schicksalen, Träumen und Sehnsüchten.

Einsilbige Protagonisten

Alle im Film zu Wort kommenden Transpersonen, so deutet der Film an, verkörpern eine Facette der »Schönen aus Gaza«. Kommt allerdings die Rede zuweilen konkret auf Gaza, so werden die Protagonisten recht einsilbig. Eine der porträtierten Transpersonen tritt nur in einem halbdurchsichtigen Schleier vor die Kamera. Angehörige in Gaza sollen die Person nicht wiedererkennen. »Wenn ich zurückkehre, werden mich meine Brüder töten.« Transpersonen würden in Gaza »von der Familie vom Dach gestoßen. Ich habe viele solcher Videos gesehen.«

Mit seiner rauen, ungeschliffenen Machart ist dieser Film eine Zumutung, im positiven Sinn. In Gesprächen über »die große OP« erfährt man manches Detail, über das man vielleicht gar nicht so genau Bescheid wissen wollte. Die Protagonisten sind exaltierte - aber ungemein sympathische - Selbstdarsteller. Diesen Transpersonen - die, wie der Film ebenfalls zeigt, auch in Tel Aviv auf der Hut sein müssen - gibt Yolande Zauberman eine Stimme. Und zwar ohne auf dogmatische Sprachregelungen zurückzugreifen.

Protest von Aktivisten

Der Film porträtiert Menschen, die nicht nur hinsichtlich ihrer sexuellen Orientierung einer Minderheit angehören. Sie leben obendrein direkt an der weltpolitisch brisantesten Konfliktlinie überhaupt. So erhielt der Film nach seiner Premiere auf den Filmfestspielen in Cannes 2024 zwar ein überwiegend positives Presseecho, wurde aber auch massiv kritisiert.

Diverse propalästinensische Aktivistengruppen warfen Yolande Zauberman »Pinkwashing« vor. Indem ihre Dokumentation durch die positive Darstellung Tel Avivs als Zufluchtsort für Transpersonen Israels Image aufbessere, würde die Regisseurin von der problematischen Politik ablenken. Unter dem Druck dieser Kampagne wurde die geplante Vorführung auf dem Cinemamed-Festival in Brüssel im Dezember 2024 abgesagt. In einem Interview erklärte Yolande Zauberman: »Ich habe diesen Film nicht gedreht, um zu zeigen, dass Israel Transmenschen besser behandelt, aber es ist nun mal so.«

»Die Schöne aus Gaza«, Regie: Yolande Zauberman, Arte, Freitag 19. Juni (Sa 20.06.), 0.35 Uhr und ab dem 18. Juni in der Arte-Mediathek.

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