Musik

Der Mann, der die 13 fürchtete

Arnold Schönberg wurde am 13. September 1874 in Wien geboren. Foto: picture alliance / brandstaetter images/Votava

Musik

Der Mann, der die 13 fürchtete

Zum 75. Todestag des Komponisten Arnold Schönberg

von Axel Brüggemann  10.07.2026 12:20 Uhr

Arnold Schönberg wuchs mitten im jüdischen Wien auf, im traditionell orthodoxen 2. Gemeindebezirk, der Leopoldstadt. Und trotzdem spielte das Judentum in seiner Erziehung wohl keine große Rolle. Sein Vater kam aus Ungarn, arbeitete als Schumacher und war eher an der Arbeit für die junge österreichische Sozialdemokratie interessiert als an seinen religiösen Wurzeln. Auch Schönbergs Mutter, die aus einer Familie mit großer jüdischer Tradition kam (einer ihrer Vorfahren war Kantor), hat den Glauben in Wien offenbar nicht aktiv praktiziert.

Für all das gibt es verschiedene Anhaltspunkte: Musikalisch wurde Schönberg weniger in der Synagoge als von der populären Wiener Musik geprägt, von den Walzern und Opern-Potpourris, die von den Blaskapellen im Prater gespielt wurden. Schon in frühen Jahren komponierte Schönberg selber Arrangements für Opern wie Norma von Vincenzo Bellini. Statt Religion stand die Musik im Zentrum der Familie: Arnold bekam bereits mit sieben Jahren ersten Geigenunterricht, seine Geschwister wurden später Sänger.

Außerdem ist überliefert, dass Arnold Schönberg sich für sein späteres Werk, Ein Überlebender aus Warschau, für das Gebet im Schlusschor das »Schma Jisrael« hat aufschreiben lassen müssen, da es ihm nicht geläufig war. Im ersten Kompositionsversuch soll er ganze Teile noch vergessen haben.

1898 ließ Arnold Schönberg sich in Wien protestantisch taufen.

Nachdem die antisemitischen Ausschreitungen in den 1880er- und 1890er-Jahren in Österreich immer brutaler wurden, ließ Schönberg sich protestantisch taufen. Er hatte den 2. Bezirk bereits in Richtung 9. Bezirk verlassen – hier war das eher aufgeklärte Judentum zu Hause. Die Taufe war ein Schritt, den Schönberg nicht als Einziger unternahm. Viele seiner Freunde konvertierten in dieser Zeit zum Protestantismus.

Statt von der Religion wurde Schönberg von einer Vielfalt der Künste geprägt: Er lernte seinen späteren Schwager, Alexander Zemlinsky, bereits 1895 kennen – der war damals schon ein Komponisten-Star. Aber Schönberg traf auch regelmäßig Architekten wie Adolf Loos, Literaten wie Karl Kraus oder Hugo von Hofmannsthal und Maler wie Oskar Kokoschka.

So wurde er von einem Strudel der künstlerischen Innovationskraft und des bedingungslosen Fortschrittsglaubens ergriffen, der erst mit dem Ersten Weltkrieg seine dunkle Seite offenbarte. Den Ausbruch des Krieges erlebte Schönberg in Berlin, wo er seit 1912 lebte. Nun wandte er sich auch wieder spiritueller Musik zu und begann an der Arbeit zum Oratorium Die Jakobsleiter.

Vom Schrecken der Welt

Schönberg schien mit dem Schrecken der Welt auch seine religiösen Wurzeln neu zu entdecken. Er hatte Antisemitismus im Militär erlebt und wusste natürlich von den Pogromen in Osteuropa. Selbst die ersten Experimente mit der Zwölfton-Theorie lassen sich als Reaktion auf einen antisemitischen Vorfall erzählen: Im Sommer 1921 wurde Schönberg als Jude aus einem Sommerfrische-Ort am Mattsee im Salzkammergut vertrieben. Nur wenige Wochen später komponierte er am Traunsee die Suite opus 25 für Klavier, in der er sich erstmals mit dieser neuen Methode auseinandersetzte.

Wir wissen, dass Arnold Schönberg seiner Freundin Alma Mahler damals schrieb, dass er etwas vollkommen Neues in der Musik gefunden habe – etwas, das die Musikwelt nachhaltig verändern würde. Interessant ist, dass Schönberg sich als Ungar und trotz allen Antisemitismus in Österreich und Deutschland selbst stets in der deutschen Musiktradition verortet hat. Er sah sich als Nachfolger Bachs und Beethovens und war enttäuscht, als die Nazis ihm sein Deutschsein absprachen.

Er war sicher, dass er den »Hakenkreuzlern«, wie er die Nationalsozialisten gern nannte, mit seiner Zwölfton-Theorie gezeigt habe, dass er der deutschen Musik eine neue Hegemonie für die nächsten 100 Jahre gegeben habe.

Marc Chagall war sein Zeuge

Es hat Schönberg geschmerzt, dass er nicht in die große Kulturtradition Deutschlands aufgenommen wurde. Ein Umstand, der einige seiner merkwürdig nationalen Schriften in frühen Jahren erklären mag.

Im Juli 1933, nachdem Schönberg Deutschland verlassen musste, kehrte er endgültig zum Judentum zurück. Er war nach Paris geflohen und bekannte sich in einer liberalen Synagoge zu seiner ursprünglichen Religion – Marc Chagall war bei diesem symbolischen Akt sein Zeuge.

Nach einem antisemitischen Vorfall experimentierte er mit der Zwölfton-Theorie.

Das religiöse Hin und Her ist Ausdruck von Schönbergs multikonfessioneller Persönlichkeit: Religion verstand er nie in engen Bahnen, seine zweite Frau Gertrud war eine katholisch getaufte Jüdin. Bei der Heirat mussten die beiden dem Pfarrer versprechen, dass sie ihre Kinder katholisch taufen lassen – was dann auch geschah.

Und auch im amerikanischen Exil in Los Angeles wurde die Religion noch einmal wichtig für Arnold Schönberg. Besonders nachdem die Gräuel der Schoa immer offensichtlicher geworden waren, schien er seine Wurzeln intensiver wahrzunehmen.

Deutsche, jüdische und englische Identität in drei Sprachen

In einer Art Altersreligiosität schloss er nun auch einen Kreis zu seinem frühen Schaffen. Konfrontiert mit der eigenen Endlichkeit nahm Schönberg die Komposition vom Überlebenden von Warschau wieder auf, in der er seine deutsche, jüdische und englische Identität in drei Sprachen thematisierte. Außerdem schuf er mit der Jakobsleiter und der Oper Moses und Aaron zwei unvollendete musikalische Meisterwerke im religiösen Diskurs.

Es ist eine ironische Wendung, dass Schönbergs Leben schließlich im Aberglauben endete: Seit jeher fürchtete er sich vor der Zahl 13. Tatsächlich erlag er den Folgen eines Herzinfarkts am 13. Juli 1951 in Los Angeles.

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