»Jud Süß«

Der lange Schatten des schlimmsten Films der Geschichte

Kristina Soderbaum und Ferdinand Marian in dem antisemitischen Film »Jud Süss« (1940) Foto: picture alliance / Mary Evans/AF Archive

Wie sie denn das Drehbuch finde, fragt Tobias Moretti in der Rolle des unter Druck gesetzten Schauspielers Ferdinand Marian in »Jud Süss - Film ohne Gewissen« seine Frau, der er das Skript zu lesen gegeben hatte. Sie antwortet: »Schlecht ist es nicht, aber furchtbar.«

So, wie es Martina Gedeck als Anna in Oskar Roehlers Film von 2010 ausdrückt, muss man das wohl formulieren.

Vor 85 Jahren, von Mitte März bis Juni 1940, drehte der später wegen »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« angeklagte - und am Ende freigesprochene - Regisseur Veit Harlan (1899-1964) den antisemitischen Spielfilm »Jud Süß« (oft auch mit »ss« geschrieben), der auch nach der Nazi-Zeit Zuspruch fand.

Premiere in Venedig

Am 5. September 1940 wurde das Machwerk, das unter besonderer Aufsicht von Propagandaminister Joseph Goebbels stand, bei den Filmfestspielen von Venedig uraufgeführt. Am 24. September war Premiere in Berlin - im Ufa-Palast am Zoo. Mehr als 20 Millionen Kinobesucher wurden später gezählt.

In den von den Deutschen besetzten Gebieten wurde der Film oft vorgeführt, wenn Deportationen von Juden bevorstanden. SS-Schergen bekamen den nationalsozialistischen Hetzfilm extra gezeigt, um hemmungsloser zu morden.

Nach Krieg und Holocaust zunächst verboten, gehört »Jud Süß« seit fast 60 Jahren zu den sogenannten Vorbehaltsfilmen im Bestand der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung. Aufführungen müssen laut Murnau-Stiftung eingebunden sein in einen einführenden Vortrag und eine Diskussion danach.

Verzerrte Biografie

Der Film zeigt eine verzerrte Version der Biografie des Bankiers Joseph Ben Issachar Süßkind Oppenheimer (kurz: Joseph Süß Oppenheimer), der 1738 in Stuttgart hingerichtet wurde. Regisseur Harlan berief sich auf den 1925 erschienenen Bestseller »Jud Süß« von Lion Feuchtwanger (1884-1958).

Der 100 Jahre alte Feuchtwanger-Roman fragt jedoch, ob eine Assimilierung von Juden in Deutschland möglich sei. Harlans Film verdreht die Geschichte komplett. Inszeniert ist er aber keineswegs plump als antisemitische Indoktrination, sondern als Unterhaltungskino und fast subtiler Schurken-Thriller.

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Feuchtwangers »Jud Süß« war in den 1920ern ein Welterfolg. Das Buch wurde 1933 rasch von den Nazis verboten - Beweis genug, dass der jüdische Autor seinen jüdischen Titelhelden eben differenziert als historische Figur erzählte.

Antisemitische Stereotype

Der Film behauptet, auf geschichtlichen Tatsachen zu beruhen. Allerdings ist er alles andere als die Gattung True Crime. In dem Film vereinigt der Jude Süß Oppenheimer in seiner Person viele antisemitische Stereotype wie Habgier, Hinterlist, Feigheit, bedrohliche Geilheit bis hin zur Weltverschwörung.

Der Frankfurter Geld- und Schmuckhändler Oppenheimer (Ferdinand Marian) wird im 18. Jahrhundert vom württembergischen Herzog Karl Alexander (Heinrich George, der Vater von Götz George) an den Hof berufen. Er soll dessen maßlosen Lebensstil finanzieren helfen. Machtbesessen und schmierig spielt Marian den Juden Süß. Bei den Landständen ist er rasch unbeliebt.

Seinen Einfluss nutzt der Finanzexperte, um den Judenbann in Stuttgart aufzuheben. Viele Juden strömen in die Stadt - als Statisten zwangsverpflichtete die NS-Filmindustrie Juden aus dem Warschauer Ghetto.

Tugendhaftes Gegenbild

Das tugendhafte Gegenbild zu Oppenheimer liefern aufrechte Bürger, allen voran der Staatsrat Sturm (Eugen Klöpfer), dessen Tochter Dorothea (die aus Schweden stammende Frau von Regisseur Harlan, Kristina Söderbaum) und ihr Verlobter Faber (Malte Jaeger). Oppenheimer ist besessen davon, Dorothea zur Frau zu nehmen. Da sie sich ihm verweigert, lässt er Faber foltern und vergewaltigt Dorothea. Die nimmt sich daraufhin das Leben.

Oppenheimer bringt den Herzog dazu, beginnende Aufstände der Bevölkerung niederzuschlagen. Der Herzog stirbt an einem Schlaganfall. Oppenheimer wird festgenommen und zum Tode verurteilt. Jämmerlich um sein Leben bettelnd wird er gehängt. Alle Juden müssen innerhalb von drei Tagen Württemberg verlassen. Die letzten Worte im Film lauten: »Mögen unsere Nachfahren an diesem Gesetz ehern festhalten. Auf dass ihnen viel Leid erspart bleibe an ihrem Gut und Leben - und an dem Blut ihrer Kinder und Kindeskinder.«

Der britische Historiker Bill Niven (»Jud Süß - das lange Leben eines Propagandafilms«) plädiert dafür, dem Film von 1940 den Nimbus des Verbotenen zu nehmen. »Sonst können Rechtsradikale kommen und sagen: Es muss also etwas dran sein, sonst würde man den Film nicht «verbieten».«

Wissenschaftlich aufbereitet

Am besten fände es Niven, wenn es eine kommentierte, wissenschaftlich aufbereitete Fassung gäbe - auf DVD oder zum Streamen. Im Internet könne ihn ohnehin jeder finden, der es darauf anlege, sagt der Historiker.

Ein weitgehend dunkles Kapitel in der Rezeptionsgeschichte ist die Nutzung des Films in der Nachkriegszeit außerhalb Deutschlands. Niven forschte dazu: »Der Film wurde in den 50er und 60er Jahren im Nahen Osten - Libanon, Syrien, Irak - gezeigt, als Propaganda gegen Israel.« Es wäre gerade jetzt - im Jahr 2025 - wichtig, anhand des Films zu zeigen, wie einige antisemitische Muster, die im Film erkennbar sind, heute noch fortleben und auch nach dem Hamas-Massaker in Israel vom 7. Oktober 2023 verbreitet sind, sagt Niven.

Der Historiker erläutert: »Es geht etwa um die Vorstellung, dass Juden «kolonisieren», damals den Staat Württemberg, heute den Nahen Osten. Es geht auch um die Idee, dass Juden keine richtige Heimat haben, dass sie auf die Zerstörung anderer Kulturen aus sind, damals die christliche, heute die palästinensische.« Und Niven ergänzt: »Es geht vor allem auch um den Wahn, dass die einzige Lösung in der Vertreibung der Juden besteht, damals aus Württemberg, heute durch die Auslöschung des Staates Israel.«

»Jud Süß« ist 85 Jahre alt, doch alles andere als veraltet. »Antisemitismus ist im rechten politischen Spektrum anzutreffen und im linken, postkolonialen Milieu«, sagt Bill Niven. »Das Problem ist vielfältiger geworden. Es ist groß - und global.«

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