Er war vieles zugleich: Künstler, Europäer, bewusster Jude und Zionist. »Meine Verbundenheit mit Eretz dauert seit meiner frühesten Jugend«, schrieb Armin Stern einmal rückblickend. 1883 wurde er in Galanta, einer Kleinstadt bei Preßburg (heute: Bratislava), in eine kinderreiche orthodoxe Familie hineingeboren. Stern besuchte die berühmte, von Chatam Sofer gegründete Jeschiwa und absolvierte eine Handelsschule. Weil er aber Maler werden wollte, verließ er als 17-Jähriger das damalige Österreich-Ungarn, um an der Städelschule in Frankfurt am Main zu studieren.
Seine Ausbildung setzte Stern in den damaligen Kunstzentren München und Paris fort; dem künstlerisch eher peripheren Frankfurt blieb er indes weiterhin treu. Dort entstanden viele seiner Porträts, Stadtansichten und Landschaftsbilder. In Frankfurt (und darüber hinaus) pflegte Stern zahlreiche Kontakte zu Kollegen aus Kunst, Kultur, Wissenschaft, Politik und Medien.
Seine Frau Toni lernte er auf einer Reise nach Nordhessen kennen. 1925 heirateten sie, im Jahr darauf wurde die einzige gemeinsame Tochter Anna Ester geboren. Von seiner Frankfurter Zeit kündet Sterns Gemälde »Eschenheimer Turm«, das eine winterliche Straßenszenerie mit dem titelgebenden spätmittelalterlichen Stadttor zeigt. Das Bild ist jetzt im Jüdischen Museum Frankfurt als Teil der Kabinettausstellung Armin Stern. Maler und Zionist zu sehen. Anlass für die Schau, die während ihrer Laufzeit mehrmals neu gehängt wird, ist die Schenkung des künstlerischen Nachlasses von Armin Stern durch seine Enkel an das Jüdische Museum.
Betreut wurde das über 200 Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Druckgrafiken umfassende Konvolut von Sterns Enkelin Anita Lochner. Das Gemälde »Eschenheimer Turm« erhielt das Museum bereits 2009. Damals stellte Lochner ihre Armin-Stern-Monografie vor; das Jüdische Museum widmete dem Maler eine kleine Ausstellung.
Wird Frankfurt nun zum Ausgangspunkt von Sterns Wiederentdeckung?
Wird Frankfurt nun zum Ausgangspunkt von Sterns Wiederentdeckung? Sein Ausschluss aus dem europäischen Kulturleben begann im April 1933 mit einer Ausladung durch den Frankfurter Kunstverein. Von der schriftlichen Aufkündigung der langjährigen Zusammenarbeit erfuhr der Künstler während seiner 15-monatigen Reise ins damalige britische Mandatsgebiet Palästina. Dort malte er unter anderem Landschaften – so etwa eine ländlich wirkende Jerusalem-Ansicht von 1933, die nun in Frankfurt zu sehen ist. Er setzte aber auch Beter an der Westmauer ins Bild und porträtierte observante Juden. Die Reise diente Stern indes auch der Vorbereitung einer möglichen Alija mit seiner Familie; die Pläne scheiterten letztlich.
Direkt nach seiner Rückkehr aus Britisch-Palästina wanderte Armin Stern mit Frau und Tochter in die Tschechoslowakei aus. Im November 1938 gelang ihnen die Flucht aus Bratislava in die USA. Von Sterns offenkundigem Fremdeln mit den Vereinigten Staaten zeugt seine 1939 gemalte Ansicht des Vergnügungsparks Luna Park auf Coney Island: Das Bild wirkt verkrampft, als würde Stern nach einem malerischen Umgang mit einer ihm noch nicht vertrauten Welt suchen.
Die Frankfurter Ausstellung demonstriert Armin Sterns große künstlerische Virtuosität: Er beherrscht diverse Malweisen und Farbstimmungen. Mal wirkt Sterns Malerei unzweifelhaft von Paul Cézanne inspiriert; dann lässt sie an holländisch geschulte Vorbilder wie Max Liebermann denken; andere Arbeiten wiederum muten ausgesprochen schwungvoll, leicht und mediterran an. Stern ist ein Augenmensch, dem Licht und Farbe alles bedeuten.
Sein persönliches Schicksal war tragisch: Stern versuchte vergeblich, seine in Europa verbliebenen Geschwister und deren Familien vor Deportation und Ermordung zu bewahren. Im Sommer 1944 starb er wenige Tage vor seiner Einbürgerung in den USA. Seine Kunst geriet für Jahrzehnte in Vergessenheit: Wie das Werk vieler jüdischer Zeitgenossen wurde sie der europäischen Kunstgeschichte entrissen. Es ist an der Zeit, dies zu ändern.
Bis 3. Januar 2027 im Jüdischen Museum Frankfurt