Gesundheit

Brauchen Babys Fleisch?

Besonders wichtig ist es nach Ansicht der Experten, stark verarbeitete Produkte zu vermeiden. Foto: Getty Images

Eine pflanzenbasierte Ernährung für Kleinkinder gilt vielen Eltern noch immer als Risiko. Besonders bei Babys ist die Sorge groß, dass der Verzicht auf Fleisch, Milch oder Eier zu Mangelerscheinungen und Entwicklungsproblemen führen könnte.

Eine der bislang größten Studien weltweit kommt nun jedoch zu einem beruhigenden Ergebnis: Kinder aus vegeta­rischen oder veganen Haushalten entwickeln sich in den ersten beiden Lebensjahren ähnlich gut wie Kinder aus Familien mit Mischkost. Die Daten stammen aus Israel und umfassen fast 1,2 Millionen Säuglinge.

Kerem Avital, klinische Diätologin, und Danit Shahar, Professorin für Epidemiologie, Biostatistik und Gemeindegesundheitswissenschaften an der Ben-Gurion-Universität des Negev, leiteten die Studie, die zusammen mit der Ernährungsabteilung des israelischen Gesundheitsministeriums durchgeführt wurde. Grundlage waren routinemäßig erhobene Entwicklungsdaten aus den Jahren 2014 bis 2023.

Fast alle Familien bringen ihre Babys regelmäßig in sogenannte Tipat-Chalaw-Zentren

Ein wesentlicher Grund für die große Datenmenge ist das israelische Vorsorgesystem: Fast alle Familien bringen ihre Babys regelmäßig in sogenannte Tipat-Chalaw-Zentren (wörtlich »Milchtropfen«), staatliche Einrichtungen zur gesundheitlichen Überwachung von Säuglingen.

»Dank der Tatsache, dass in Israel fast 95 Prozent der Babys in Tipat-Chalaw-Kliniken vorgestellt werden, stand uns eine riesige Datenmenge zur Verfügung«, erklärt Avital. »Das ist eine beeindruckende Statistik.« Diese außergewöhnlich breite Datengrundlage ermögliche wissenschaftlich besonders belastbare Aussagen.

Die Wissenschaftlerinnen erfassten Gewicht, Körpergröße und Kopfumfang der Kinder in den ersten zwei Lebensjahren und verglichen anschließend drei Gruppen: Babys aus omnivoren (sowohl Fleisch als auch Pflanzen verzehrenden), vegetarischen und veganen Familien. Dabei bezieht sich die Einordnung auf die Ernährungsweise der Eltern, da davon ausgegangen wird, dass diese auch die Ernährung des Kindes bestimmt.

Die Wissenschaftler verglichen Babys aus omnivoren (sowohl Fleisch als auch Pflanzen verzehrenden), vegetarischen und veganen Familien.

Das Ergebnis fiel eindeutig aus: Unterschiede zwischen den Gruppen waren minimal und klinisch nicht relevant. Säuglinge aus veganen Haushalten entwickelten sich laut allen Messwerten sehr ähnlich wie ihre Altersgenossen aus Familien mit Mischkost. Auch die Rate von Wachstumsverzögerungen blieb insgesamt niedrig, ohne statistisch signifikante Abweichungen zwischen den Ernährungsformen im Alter von zwei Jahren.

»Im Kontext entwickelter Länder sind diese Ergebnisse sehr beruhigend«, resümiert Avital. Entscheidend sei allerdings, dass die Ernährung gut geplant werde und wichtige Nährstoffe ausreichend vorhanden seien. Ihre Kollegin Shahar betont ebenfalls die Bedeutung einer fachkundigen Begleitung: »Die Daten zeigten, dass pflanzenbasierte Ernährungsweisen die grundlegende körperliche Entwicklung von Säuglingen nicht beeinträchtigen, sofern Eltern sich an medizinische Empfehlungen halten.«

Die Studie fand zwar Hinweise darauf, dass Babys vegan lebender Mütter bei der Geburt etwas häufiger untergewichtig waren. Dieser Unterschied verringerte sich jedoch im Verlauf der ersten Monate und verschwand vollständig bis zum Alter von zwei Jahren. Laut Avital könnte dies damit zusammenhängen, dass vegan lebende Frauen im Durchschnitt einen niedrigeren Body-Mass-Index haben.

Frühere Untersuchungen zu vegetarisch oder vegan ernährten Kindern basierten meist auf kleinen Stichproben und lieferten teilweise widersprüchliche Ergebnisse. Die israelische Studie gilt deshalb als Meilenstein: Selbst wenn vegetarische und vegane Familien nur einen kleinen Anteil der Bevölkerung ausmachen, entspricht dieser Anteil bei einer Gesamtzahl von fast 1,2 Millionen Kindern immer noch Zehntausenden Fällen, ausreichend für statistisch belastbare Analysen.

Die israelische Studie gilt als Meilenstein

Unabhängige Fachleute sehen darin einen wichtigen Fortschritt für die Forschung. Große Datensätze ermöglichen erstmals zuverlässige Bewertungen auch kleiner Bevölkerungsgruppen, die bislang schwer zu untersuchen waren.

Gleichzeitig unterstreicht die Studie einen gesellschaftlichen Wandel: In vielen westlichen Ländern entscheiden sich immer mehr Familien aus ethischen, ökologischen oder gesundheitlichen Gründen für weniger oder gar keine tierische Produkte. Gerade bei der Ernährung von Babys bestehen jedoch weiterhin Unsicherheiten.

Trotz der positiven Ergebnisse warnen Experten davor, die Risiken zu unterschätzen. Eine pflanzenbasierte Ernährung bei Säuglingen erfordert besondere Aufmerksamkeit, etwa bei Vitamin B12, Eisen, Kalzium, Jod oder Omega-3-Fettsäuren. Ohne sorgfältige Planung und gegebenenfalls Nahrungsergänzungsmittel könne es zu folgenreichen Mangelerscheinungen kommen. Das Risiko, so die Experten, liege allerdings nicht in der Ernährungsform selbst, sondern in deren Umsetzung.

Es gab Hinweise, dass Babys veganer Mütter bei der Geburt häufiger Untergewicht hatten.

Avital betont deshalb, dass die wichtigste Botschaft für Eltern nicht der Verzicht auf Fleisch sei, sondern die Qualität der Ernährung insgesamt. Ein Säugling brauche kein Fleisch, um gesund zu wachsen, entscheidend seien ausgewogene Mahlzeiten, nährstoffreiche Lebensmittel und medizinische Begleitung. Besonders wichtig sei es, stark verarbeitete Produkte zu vermeiden.

»Auch die vegane Welt ist heute voller Ersatzprodukte«, sagt sie. »Der Erdnuss-Snack Bamba und Coca-Cola stehen zwar auf veganen Speisekarten, aber das ist keine Ernährung, mit der ein Kind aufwachsen sollte.«

Mögliche Unterschiede im Eisenstatus von Kindern aus verschiedenen Ernährungsformen

Derzeit arbeitet das Forschungsteam bereits an weiteren Analysen, unter anderem zu möglichen Unterschieden im Eisenstatus von Kindern aus verschiedenen Ernährungsformen. Avital zeigt sich optimistisch: Pflanzliche Lebensmittel wie Hülsenfrüchte, Tofu, Samen oder Nüsse enthielten reichlich Eisen, sodass sich mögliche Unterschiede langfristig ausgleichen könnten.

Die neuen Erkenntnisse können dazu beitragen, die oft emotional geführte Debatte über vegetarische und vegane Kinderernährung zu versachlichen. Sie zeigen, dass nicht die Frage »mit oder ohne Fleisch« entscheidend ist, sondern die Qualität der gesamten Ernährung.

Für Eltern bedeutet das vor allem eines: Eine vegetarische oder vegane Ernährung kann funktionieren – sie verlangt jedoch Planung, Wissen und Verantwortung. Oder wie Avital es formuliert: Eine pflanzenbasierte Ernährung ist für Kinder möglich, »wenn sie richtig umgesetzt wird«.

Die gesamte Studie wurde in »JAMA Network Open« veröffentlicht.

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