Kino

Den Tod im Blick

Roman Polanski Foto: dpa

Wer Roman Polanski einmal persönlich treffen möchte, sollte es im »La Stresa«versuchen. Das italienische Restaurant in einer Seitenstraße der Pariser Avenue Montaigne ist berühmt für seine Küche. Mit etwas Glück kann man dem Regisseur hier begegnen, denn regelmäßig schaut er abends vorbei, mit seiner Familie und Freunden.

Auch wenn er an diesem Sonntag 80 Jahre alt wird, wirkt Polanski, wenn man ihn persönlich vor sich sieht, keinen Tag älter als 60: Mit federndem Schritt, immer noch langem, vollem, grauschwarzem Haar, gesunder Gesichtsfarbe, gerade und energisch.

Ein Lächeln umspielt meist seinen Mund, ein Lächeln, hinter dem man alles Mögliche vermuten kann, was man sich sowieso schon immer über diesen Regisseur gedacht hat: der Sarkasmus gegenüber den Absurditäten der Weltläufe und seines persönlichen Schicksals, der auch viele seiner Filme prägt; die gelassene Ironie eines Menschen, der noch jeden Schicksalsschlag überwunden hat und mit Zähigkeit und Lebensmut wiederaufgestanden ist, der seinen Verfolgern immer entkommen konnte; die Schicksalsergebenheit eines Mannes, der weiß, dass sich alles, wirklich alles, von einer Sekunde zur nächsten ändern kann, dass es das Glück nur im Hier und Jetzt gibt, wenn überhaupt.

geburtsstadt Paris, wo er seit 1977 lebt, ist seine Geburtsstadt. Hier kam Polanski am 18. August 1933 zur Welt. In seiner ungemein lesenswerten, nur noch antiquarisch erhältlichen Autobiografie Roman Polanski über Roman Polanski (1984) erzählt er sein so schreckliches wie großartiges Leben, ein Leben, das geprägt ist von der Ermordung seiner Mutter im Lager, der jüdischen Kindheit im Untergrundversteck, der späteren Ermordung seiner Frau Sharon Tate und seines ungeborenen Kindes durch die Manson-Bande, und der Hexenjagd, die folgte.

»Was immer ich an religiösem Glauben in mir gehabt hatte, wurde durch den Mord an Sharon zerstört. Was blieb, war ein vertiefter Glaube ans Absurde ... Ich weiß, dass ich weithin als böser lasterhafter Zwerg gelte. Meine Freunde und die Frauen in meinem Leben wissen es besser.«

Seinen vorerst letzten großen öffentlichen Auftritt hatte Polanski im Mai dieses Jahres in Cannes: Gleich zwei Filme präsentierte er dort. La Vénus à la fourrure, eine hervorragende erotische Komödie, und Weekend of a Champion. Letzterer ist ein völlig vergessener, absolut atemberaubender Dokumentarfilm, den Polanski 1971 gedreht hat.

Weekend of a Champion begleitet Jackie Stewart, seinerzeit einer der berühmtesten Formel-1-Rennfahrer der Welt und dreifacher Weltmeister (1969, 1971, 1973), bei dem 1971er-Rennen von Monte Carlo inklusive aller Vorbereitungen und Trainingsfahrten. Dies ist einerseits ein Sportfilm mit knatternden Boliden, mit Tempo und Dynamik, einer Kamera im herumschlackernden, erstaunlich leichten Wagen. Autorennen sind ein besonders kinoaffiner Sport, und Polanski ist ein Film geglückt, der gespeist ist von seiner Faszination für den Autorennsport.

koteletten Weekend of a Champion ist aber vor allem eine Reise in eine verlorene Zeit, in der die Männer noch Koteletten hatten und lange Haare – »a trendy time« nennt es Stewart einmal im Film –, und in der die Filme besser waren. Und schöner. Eine Welt, die einfacher und unglamouröser scheint, direkter und offener.

Die Zuschauer und Fahrer kamen direkt in Kontakt. Die Autos waren klein, zerbrechlich und schlecht gefedert, die Rennen nicht nur auf dem engen Stadtkurs von Monaco mit seinen Haarnadelkurven lebensgefährlich – diese Fahrer waren echte Helden in einem klassischen Sinn: Sie hatten dem Tod vielfach ins Auge gesehen. Minuten nach dem Tod seines Freundes Jochen Rindt stieg Stewart, so erzählt er, wieder ins Auto und fuhr »the fastest round I’ve ever done.«

Man kann sich tatsächlich gar nicht mehr vorstellen, was damals die westliche Gesellschaft achselzuckend ertrug, während sie heute bei weit geringeren Unsicherheiten hochnervös reagiert: Ein Drittel aller Formel-1-Fahrer, die zwischen 1968 und 1973 ein Auto bestiegen, starben im Cockpit. Da galt noch: Nur wer sterben kann, jederzeit, der kann auch zum Helden werden.

Der Satz, dass das Kino das Vergehen der Zeit und den Tod aufhält, bedeutete damals wirklich etwas. Dieser offene Blick auf den Tod, auf das Schicksal und auf die inneren wie äußeren Dämonen ist das geheime untergründige Thema von Weekend of a Champion, wie von fast allen Filmen Roman Polanskis. Dessen Leben beschreibt auch die soeben bei Reclam erschienene neue Biografie von Thomas Koebner Roman Polanski. Der Blick der Verfolgten. Eine ausführliche Besprechung folgt Anfang Oktober zur Frankfurter Buchmesse.

Musik

Abschied von Berlin

Sharon Brauner über ihr neues Lied » Kind dieser Stadt« und warum die Urberlinerin ihre Heimat verlassen will.

von Jan Feldmann  28.08.2026

Musik

Tagebuch in Tönen

In seiner Biografie »Idylle und Vertreibung« über Robert Kahn erinnert Reinhard Wulfhorst an einen außergewöhnlichen deutsch-jüdischen Komponisten

von Maria Ossowski  28.08.2026

TV-Kritik

»Phoenix« - herausragender Film über eine Schoa-Überlebende

Christian Petzolds grandiose Parabel auf Deutschland im »Jahre Null«

von Felicitas Kleiner  27.08.2026

Bremer Kunsthalle

Bremen

Auszeichnung für künstlerische Auseinandersetzung mit NS-Verbrechen

Die Künstlerin Annette Kelm wird mit dem 50. Pauli-Preis geehrt. Ihre Fotoserie »Die Bücher« zeigt Cover von Werken, die von den Nazis verboten und verbrannt wurden

 27.08.2026

MARKK Museum am Rothenbaum

Hamburg

Ausstellung zum Bild vom Judentum

Welches Bild hat das Hamburger Museum MARKK vom Judentum vermittelt? Welche Rolle spielte es in der NS-Zeit? Eine Ausstellung will diese Fragen beantworten

 27.08.2026

Interview

»Werdet ihr uns helfen, Israel zu ›reparieren‹?«

Die Regisseurin Yael Reuveny über das komplexe Verhältnis zwischen deutschen Juden und Israelis, ihr neues Filmprojekt und einen Aufruf an unsere Leser, nach Home-Videos von Israel-Reisen zu suchen

von Ayala Goldmann  27.08.2026

Kolumne

Fastenkurse im Bordbistro

Wieder mal Spaß gehabt mit der Deutschen Bahn: Über die Katastrophe eines Weltkonzerns

von Maria Ossowski  27.08.2026

Schweiz

Das sind die beliebtesten Vornamen für neugeborene Jungen und Mädchen

Eine neue Rangliste des Bundesamts für Statistik gibt Aufschluss

von Nicole Dreyfus  27.08.2026 Aktualisiert

Kinder

Noah, Ben oder Lea?

Warum sich biblische Namen im deutschsprachigen Raum großer Popularität erfreuen

von Nicole Dreyfus  26.08.2026