Ausstellung

Das pralle prosaische Leben

Eng und dunkel ist die Stube, nur notdürftig wird der fast fensterlose Raum von einer Petroleumlampe erhellt. Und doch strahlt die von zwei Frauen und einem Mann bevölkerte Szenerie: Der Mann hält ein Neugeborenes hoch. Und weil er in ebenso dunklen Farben erscheint wie die am linken Bildrand aufgeregt umherlaufende Katze, wird das Baby zu einem Licht im trüben Provinzalltag. Marc Chagalls Gemälde »Die Geburt« von 1911 steht stellvertretend für sein Frühwerk, in dem er das jüdische Leben im Schtetl am westlichen Rand des russischen Zarenreichs jenseits von Romantisierung und Verkitschung ins Bild setzt.

Enge und Perspektivlosigkeit, Armut und Alkoholismus sind ebenso Gegenstand seiner frühen Gemälde wie die Anmut der Schabbatruhe und das Wunder der Geburt. Dass selbst der hoffnungsloseste Trinker und die banalste Kuh abheben und das abgelegenste Schtetl zu einem Ort unverhoffter Wunder werden können, ist die vielleicht wichtigste und ermutigendste Botschaft des jüdischen Jahrhundertkünstlers Marc Chagall (1887–1985). Das »K20«, die Moderne-Dependance der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, widmet ihm jetzt eine umfangreiche Ausstellung, deren Fokus auf dem frühen Schaffen von 1909 bis 1923 liegt.

Künstlerische Ausbildung in Witebsk und St. Petersburg

In diese Jahre fällt Chagalls künstlerische Ausbildung in Witebsk und St. Petersburg, seine prägende Zeit im Paris der Avantgarden und die erste kommerziell erfolgreiche Ausstellung in Berlin. Ebenso seine erzwungene Rückkehr ins heimische Witebsk während des Ersten Weltkriegs sowie die politischen und ästhetischen Umbrüche infolge der Oktoberrevolution. In Düsseldorf sind überdies etliche Werke aus Chagalls späteren Schaffensphasen zu sehen – »die das Publikum sehr begeistern«, so Susanne Gaensheimer, Direktorin der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. Sie verspricht »eine epochale Ausstellung« mit den wichtigsten Meisterwerken Chagalls.

Das abgelegenste Schtetl kann zu einem Ort unverhoffter Wunder werden.

Und tatsächlich gelang es der K20-Kuratorin Susanne Meyer-Büser und Gisela Kirpicsenko von der Wiener Albertina, wo die Schau zuvor zu sehen war, über 100 teils hochkarätige Gemälde, Gouachen und Grafiken unter anderem aus Paris, Madrid, New York, Jerusalem und Tel Aviv zusammenzutragen. Eine ähnlich gut bestückte Präsentation von Chagalls Frühwerk war zuletzt 2017 in Basel zu sehen, während die Frankfurter Schirn Kunsthalle 2022 Arbeiten aus den 30er- und 40er-Jahren zeigte. In dieser Bandbreite war Chagall indes schon lange nicht mehr in Deutschland zu erleben.

Umso schmerzlicher vermisst man in Düsseldorf Leihgaben aus Russland: Schlüsselwerke wie etwa »Der Spaziergang« von 1917/18 aus dem Russischen Museum in St. Petersburg oder »Über der Stadt« von 1918 aus der Moskauer Tretjakow-Galerie hätten dieser Ausstellung eine Krone aufgesetzt. Die Albertina habe zwar zügig Leihanfragen an russische Museen gestellt, berichtet Susanne Meyer-Büser. Mit dem russischen Überfall auf die Ukraine 2022 sei dies aber nicht mehr weiterverfolgt worden – »ein ganz großer Verlust«, so die Kuratorin der Ausstellung.

Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland

Da das Jerusalemer Israel-Museum und das Tel Aviv Museum of Art weiterhin ihre Werke verleihen, begegnet man in dieser Schau eindrücklichen Gemälden wie »Einsamkeit« von 1933, mit dem Marc Chagall sichtlich sorgenerfüllt auf die Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland reagierte. Auch die künstlerischen Zeugnisse seiner Palästina-Reise von 1931/32, wo Chagall etwa die Kotel in Jerusalem und eine Synagoge in Safed malte, werden in Düsseldorf präsentiert.

Die auf dieser Reise entstandenen, erstaunlich naturalistischen Bilder korrespondieren mit den in den Revolutionsjahren geschaffenen, ebenfalls überraschend präzisen Darstellungen des heimischen Witebsk mit seinen mitunter dörflichen Straßenzügen, alten jüdischen Friedhöfen und prächtigen Kirchtürmen. Es scheint, als würde Chagall dieses Privileg nur seinen persönlichen Herzensorten einräumen, während seine Paris-Ansichten stets eher schematisch blieben und von seinem zwischenzeitlichen Exilort New York keine malerischen Ansichten überliefert sind.

In dieser Bandbreite war Marc Chagall schon lange nicht mehr in Deutschland zu erleben.

Spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg gerann das von den Nazis vielerorts niedergebrannte und ausgelöschte Schtetl in Chagalls Kunst zu einer nostalgisch-wehmütigen, ins Fabelhafte entrückten Formel für den Verlustschmerz und die – oft buchstäblich blumige – Beschwörung eines verschwundenen Paradieses. Auch diese postkartentauglichen Bilder sind in Düsseldorf zu besichtigen, ebenso wie Chagalls monumentale Darstellungen biblischer Motive.

Sie mögen zwar ein Garant für gute Besucherzahlen sein, die eigentliche Sensation dieser Schau sind jedoch Chagalls frühe Arbeiten. Wie das pralle prosaische und vielfach ziemlich raue jüdische Alltagsleben im heftig kriselnden Schtetl zu einer nicht versiegenden Quelle künstlerischer Erfindungsfreude wurde, ist selten so eindrucksvoll gezeigt worden wie im K20. Wer nachspüren möchte, wie Moishe Shagal aus Ljosna bei Witebsk seine einfache Herkunft nutzte, um sich zur Weltmarke Marc Chagall zu wandeln, kommt an dieser Ausstellung nicht vorbei.

Die Ausstellung ist bis zum 10. August im K20 Düsseldorf zu sehen.

»Imanuels Interpreten« (20)

Progressive Rock-Pioniere: Die Shulman-Brüder und ihre Band Gentle Giant

Mit einer Überdosis Kreativität betrieben die drei schottischen Juden Phil, Derek und Ray Shulman eine Formation, die herausstach

von Imanuel Marcus  04.05.2026

Kunst

Iran nimmt nicht an Biennale in Venedig teil

Die wichtige Kunstveranstaltung Biennale in der Lagunenstadt Venedig hat mit heftigen Kontroversen zu tun. Nun scheidet ein Teilnehmerland aus

 04.05.2026

TV-Kritik

»Nie allein«: Arte-Drama über Finnlands Kooperation mit Nazi-Deutschland

1942 lieferte Finnland eine Gruppe von Juden an die Nationalsozialisten aus, fast alle wurden kurz darauf ermordet. Eine internationale Koproduktion erzählt ihre Geschichte - und die von Abraham Stiller

von Katharina Zeckau  04.05.2026

Belu-Simion Fainaru

»Als Künstler spreche ich eine universelle Sprache«

Der israelische Bildhauer über den Rücktritt der Jury und die Politisierung der Kunstbiennale von Venedig

von Ayala Goldmann  04.05.2026

Jubilar

Architektur als Zeichen der Hoffnung - Daniel Libeskind wird 80

Das Jüdische Museum Berlin, der Masterplan für Ground Zero in New York: Für den Amerikaner ist Bauen Teil der Erinnerungskultur

von Sigrid Hoff  04.05.2026

Howard Rossbach

Wanderer zwischen Ostküste und Oregon

Er ist Spross einer Familie bekannter Politiker und Bankiers. Doch seit 50 Jahren reüssiert der gebürtige New Yorker Howard Rossbach am anderen Ende Amerikas als Winzer. Ein Porträt

von Michael Thaidigsmann  04.05.2026

Archäologie

Rätsel um antikes Baby-Massengrab

Wissenschaftler der Universität Tel Aviv haben Knochenreste aus der Perserzeit gefunden, die in Tel Aseka bestattet wurden. Etwa 70 Prozent stammen von Kindern unter zwei Jahren

von Sabine Brandes  04.05.2026

Berlin

25 Jahre Jüdisches Museum: Jubiläumsjahr mit Ausstellungen, Konzerten und digitalen Projekten

Zum Museumsgeburtstag wird ein umfangreiches Programm aus Ausstellungen und digitalen Initiativen angekündigt

 04.05.2026

Kontroverse

Lahav Shani, Belgien und der Boykott

Die Münchner Philharmoniker und ihr israelischer Chefdirigent sollen im November im Brüsseler Konzerthaus Bozar auftreten - die flämischen Grünen gehen dagegen auf die Barrikaden

von Michael Thaidigsmann  04.05.2026