Kritik

Das »Holocaust-Ding«

Im Chor Foto: Maxim Gorki

Anmerkung der Redaktion (2. August 2023):

Als dieser Text von Fabian Wolff in der Jüdischen Allgemeinen erschien, glaubte die Redaktion Wolffs Auskunft, er sei Jude. Inzwischen hat sich Wolffs Behauptung als unwahr herausgestellt.

26 Minuten nach Beginn und rund drei Stunden vor Schluss der Inszenierung von Die Wohlgesinnten, dem Roman von Jonathan Littell, steht der Nazi Max Aue (Max Simonischek) auf der Bühne und erzählt von seinem Leben als Mörder an der Ostfront. Ein jüdisches Mädchen wollte während des Massakers von Babi Jar seine Hand greifen. Und der kleine Junge Yakov, der in der Kaserne die Autos waschen darf, hat sich die Hand gebrochen und wird daher wegen Arbeitsunfähigkeit erschossen.

All das nimmt Aue schwer mit, er erleidet wohl einen Nervenzusammenbruch - doch da kommt die Meldung, dass bald »Nutten aus Berlin« eintreffen werden. Und überhaupt: Befehle müssen befolgt werden, Aue schreit und schreit und tobt. Sehr laute Metal-Musik wird gespielt, drei Frauen um ihn herum schütteln wild das Haar. Das soll wohl zeigen: Der hat’s auch nicht leicht, der Aue. Alles an diesem Moment ist eklig und falsch. Eigentlich sollte man aus Protest den Saal verlassen.

Roman-Version Als Les Bienveillantes vor drei Jahren in deutscher Übersetzung erschien, war das Feuilleton außer sich vor Freude, endlich wieder ein Thema zu haben. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schritt allen voran, vielleicht in der Hoffnung, den Makel vom »Historikerstreit« endgültig loszuwerden. Endlich konnte man die »unbequemen« Fragen an die Geschichte stellen. Raul Hilberg, Claude Lanzmann oder gar Primo Levi hin oder her, nur die 1.400 Seiten über die Mordkarriere des fiktiven SS-Mannes Max Aue hielten scheinbar den wahren Schlüssel zum Verständnis der Schoa bereit.

Aue war, das sollte die Kontroverse sein, ein normaler Intellektueller. Einen verkümmerten Schreibtischtäter wie Adolf Eichmann konnte man akzeptieren, aber einen musischen Anwalt, Liebhaber von Literatur und Musik, der Juden umbringt? Alle gaben sich schockiert, als ob vorher niemand gewusst hätte, dass auch Josef Mengele klassische Musik liebte. Und irgendwo vergraben war da auch Nervenkitzel - vielleicht hätte man ja, wie Aue es immer wieder behauptet, wirklich nicht anders gehandelt. Wären wir etwa auch Nazis gewesen?, fragte selbstkritisch die wohlhabende deutsche Elite.

Recherche Aber, und das ist die fatale Schwäche des Buchs: Aue ist eben doch nicht normal. Er schläft mit seiner Zwillingsschwester und bringt seine Mutter um. Diese zwei Hälften des Romans - die sehr genau recherchierte Front- und Mordschilderung einerseits, und die mit griechischen Mythosmotiven angereicherte Inzest-Sodomie-Geschichte andererseits - finden nie zueinander und nehmen sich gegenseitig die Schärfe. Der große Täterroman ist noch zu schreiben.

Trotz aller Fehler: Der Roman macht es sich nicht leicht, und das ist eine gute Sache. Von solchen Ambivalenzen ist die Bühnenfassung weit entfernt. Banal ist die Inszenierung vor allem, altbekanntes Textbuch-Regietheater. Texte werden im Chor gesprochen, jeder darf mal jede Rolle spielen, es wird gebrüllt und gespuckt, Blut und Schlamm und Wasser spritzen.

Provokant Manchmal grenzt das ans Geschmacklose: So stellen sich die fünf Darsteller in eine Reihe und imitieren mit Tschu-Tschu-Geräuschen einen Deportationszug nach Auschwitz. Und das Publikum ist mal die Leichenberge von Lemberg, mal der Kessel von Stalingrad, mal die begeisterte Nazi-Gefolgschaft. Aber selbst diese vermeintlichen Ungeheuerlichkeiten sind zu verzweifelt »provokant«, als dass man sich darüber wirklich aufregen müsste.

Was schon schwerer wiegt: Peinlich wird versucht, den Text auf »aktuelle Relevanz« zu prügeln. Ein Monolog über die »Endlösung der Sozialfrage« soll wohl eine Parallele zwischen den Nazi-Verbrechen und der steigenden Armut heute ziehen. Und gegen Ende, als Aue in Berlin trotz Bomben das gute Leben genießt, hofft ein besorgter Offizierskamerad, dass »seine Bank noch steht«.

Seelenverwandtschaft Der einzige Jude, der während der drei Stunden auf die Bühne tritt, ist ein 120-jähriger Jude, der möchte, dass Aue ihn umbringt, weil ihm das ein Engel gesagt hat. Will das Stück Juden und Nazis wirklich als Bashert-Beziehung, als Seelenverwandtschaft, verkaufen?

Aus dem Monster Aue, ob menschlich oder nicht, wird auf der Bühne einer, der trotz Mord und Wahn eigentlich nicht so schlecht ist. Er hat sogar Schuldgefühle, wie bei dem Mädchen in Babi Jar. Jeder Satz über die »Endlösung« wird mit gebrochener Stimme gesprochen. Er schreibt sogar Berichte darüber, dass die Häftlinge in Auschwitz nicht genug zu essen bekommen. Am Schluss singt er ein Liebeslied über seine Schwester, während er sich in einer Holz-Swastika verhakt. Soll hier ein romantischer Träumer sich einfach nur verrannt haben und in die Mordmaschine geraten sein?

Perspektiven Vielleicht. Vielleicht hat sich aber auch niemand wirklich darüber Gedanken gemacht, was man da eigentlich auf die Bühne bringt. Selbst die vermeintlich schockierende Täterperspektive kreiert auf der Bühne nichts anderes als beschränkte Banalitäten.

Beleidigend wird es immer dann, wenn ignoriert wird, dass es noch eine andere Seite gibt - dass nicht jeder Zuschauer in die »Unsere Großeltern waren Mörder, und wir wären es auch gewesen«-Anklage einfallen mag. Weil die Großeltern zum Beispiel Juden waren. Für solche Leute ist in dieser Inszenierung kein Platz. »Die Wohlgesinnten« möchte seinem Publikum das ganze »Holocaust-Ding« noch einmal richtig ins Gesicht schlagen und vergisst dabei, dass es neben Tätern und Zuschauern noch etwas anderes gibt: Opfer.

Jonathan Littell
Die Wohlgesinnten
Übersetzt aus dem Französischen von Hainer Kober, für die Bühne bearbeitet von Armin Petras.
Aufführungen: 29. 9., 19.30 Uhr; 7. 10., 19.30 Uhr; 15. 10., 19.30 Uhr; 21. 10., 19.30 Uhr; 26. 11., 18:00 Uhr.
Maxim Gorki Theater, Maxim, Am Festungsgraben 2, 10117 Berlin

Yotam Ottolenghi (l.) und Anthony Bourdain

Kulinarisches

Als Yotam Ottolenghi mit Anthony Bourdain einmal in der Wüste landete

Der israelisch-britische Koch erinnert sich zum Filmstart von »Tony« an seine Begegnung mit seinem berühmten amerikanischen Kollegen

von Katrin Richter  21.08.2026

London

Boy George nimmt Pro-Israel-Song mit großer Band neu auf

Mit diesem Schritt erhofft sich der britische Popsänger eine größere Verbreitung von »We Will Dance Again«. Auf den Hass von Israelfeinden reagiert er ebenfalls mit einem neuen Lied

von Imanuel Marcus  21.08.2026

Orlando (Florida)

Harrison Ford wird erneut zu Indiana Jones

Diesmal wird der jüdische Darsteller kein Abenteuer auf der Leinwand erleben. Aber worum geht es dann?

 20.08.2026

Frankfurt am Main

Motty Steinmetz stimmt auf die Hohen Feiertage ein

Es dürfte es ein Abend werden, bei dem Musik und Spiritualität besonders eng miteinander verbunden sind

 20.08.2026

Vorschau

Widderhorn im Dom und ein Hauch von »Yiddish Summer« - Festival »Shalom-Musik.Koeln«

Begegnungen, Neugier und Zuhören fördern - das wollen die Macher des Festivals »Shalom-Musik.Koeln«. Und reichlich Musik und Gesang auf die Bühne bringen. Der Verein hinter dem Festival bekommt dafür jetzt einen Preis

von Leticia Witte  20.08.2026

Kunst

Von Guggenheim bis Geffen

Wie jüdische Mäzene im 20. Jahrhundert der Moderne zum Durchbruch verhalfen

von Jana Talke  20.08.2026

Kulturkolumne

Some like it cold

Warum Disneys Eiskönigin nicht nur gegen Hitze hilft

von Sophie Albers Ben Chamo  20.08.2026

Medien

Protokollant des täglichen Irrsinns

Der Publizist Henryk M. Broder wird 80 Jahre alt. Eine persönliche Würdigung

von Reinhard Mohr  20.08.2026

Heidelberg

Hüter des Gedächtnisses

Im Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden liegt alles, was jüdische Gemeinden seit 1945 in Deutschland an Dokumenten produziert haben. Jens Hoppe, der Leiter der Einrichtung, sichert die Zukunft der Bestände

von Eugen El  19.08.2026