Standpunkt

Das freie Wort

Die französisch-jüdische Journalistin und Schriftstellerin Caroline Fourest Foto: picture alliance / abaca

Standpunkt

Das freie Wort

Warum wir uns linker Identitätspolitik und der »Generation Beleidigt« nicht unterwerfen dürfen

von Viola Roggenkamp  26.08.2021 09:47 Uhr

Als im vergangenen Jahrhundert, vor etwa 40 Jahren, deutsche Musiker beim Festival »Theater der Nationen« mit Klezmermusik auftraten, saß ich im Publikum und nahm übel. Es war mir, der Jüdin, nicht recht, dass zwei Frauen und drei Männer, deren Eltern aller Wahrscheinlichkeit nach Täter und Mitläufer gewesen waren, jiddische Lieder sangen. Aber von uns Juden im damaligen Westdeutschland, Nachgeborenen von Überlebenden, verwandt mit Ermordeten, spielte niemand Klezmer, sang niemand auf Jiddisch Lieder aus dem Ghetto vor Publikum. Wagten wir nicht, daran zu rühren? Konnten wir es denn? Versuchten wir es?

Hätte man uns deutsche Juden auf die Bühne gelassen mit jüdischen Texten, mit jüdischer Musik? War es mit Israelis, mit Esther Ofarim und Abi, nicht angenehmer fürs deutsche Publikum? Hätten wir aufstehen sollen, protestieren, den deutschen Künstlern untersagen, verbieten, als Nachkommen der Täter unsere Lieder zu spielen? Weil wir gekränkt waren? Weil es uns verstörte, Deutsche auf Jiddisch singen zu hören: »mir lejben ejbig«?

Etwas war gut daran. Sie holten jüdische Kultur aus der Versenkung, wozu wir nachgeborenen Juden in der BRD noch nicht imstande gewesen waren. Sie brachten Klezmer wieder zu Gehör. Sie trauten sich, sie hatten Jiddisch gelernt, einige färbten das Haar schwarz, ließen sich Locken machen, manche konvertierten zum Judentum und trugen den Davidstern am Halskettchen.

Sie sangen jiddische Lieder, manche trugen den Davidstern. Kulturelle Aneignung in den 80ern?

Kulturelle Aneignung? Ja. Und auch wieder nicht. Ist die Ausmordung (das Wort kommt von Golo Mann) des europäischen Judentums und die Auslöschung seiner Kultur nicht auch Teil ihrer, der Deutschen, Geschichte?

SKLAVEREI Black Lives Matter: Das war überfällig. Wiedergutmachung für erlittene Sklaverei, für erlittene Rassentrennung und alles, was damit zusammenhängt. Auch das war und ist überfällig. Diejenigen, die es betrifft, deren Elterngenerationen ihnen Rechte erkämpft haben, können studieren, sie können in die Politik gehen, sie können in Parlamenten und Gerichten für ihre Rechte streiten in den Ländern der westlichen Welt, in denen sie seit Generationen leben, deren weiße Kultur sie übernommen haben: Sprache, Religion, Bildung, Kleidung.

Black Lives Matter. Und wer hat sich an die Spitze dieser Bewegung gestellt? Linke Identitäre, und die meisten von ihnen sind Weiße. Deren Schulderbe ist der Rassismus und Kolonialismus, ist die Sklaverei, die Schoa und nun auch noch das Klima. Was macht man mit einem solchen Päckchen auf dem Rücken? Man erfindet sich selbst neu als die Generation der Unschuldigen.

Man verbietet allen Weißen die Aneignung fremder Kulturen, am besten noch das Essen mit Stäbchen. Man praktiziert Herrschaftsverhalten und verlangt Unterwerfung im Namen der totalen Toleranz. Man toleriert den Islamismus und seine Mordanschläge als kulturelle Eigenart, und die internationale Frauenbewegung schweigt, wenn Flüchtlinge aus islamischen Ländern Frauen vergewaltigen, die der westlichen Kultur angehören. Was kränkend, was beleidigend sei, bestimmen die Inquisitoren und Inquisitorinnen.

»Génération offensée«, Generation Beleidigt, nennt in ihrem gleichnamigen Essay die französische Autorin und Filmemacherin Caroline Fourest diese Bewegung. Vor ihr gehen intellektuelle Kreise und Politiker in die Knie, denn ihr Machtinstrument ist das Internet, das World Wide Web.

CHARLIE HEBDO Caroline Fourest war Mitarbeiterin bei »Charlie Hebdo«. War das nicht das französische Magazin mit den Mohammed-Karikaturen? Und sind die Redakteure nicht in die Luft gejagt worden von Muslimen? Und dennoch hat sich im vergangenen Jahr in Berlin ein kleiner Verlag gefunden, der es wagte, die Übersetzung aus dem Französischen unter das leicht kränkbare, moralisch wie ethisch hochempfindliche Lesepublikum in Deutschland zu bringen: die Edition Tiamat im Verlag Klaus Bittermann. Von seiner Aktualität hat dieses Buch seitdem nichts verloren – ganz im Gegenteil.

Gibt es vergleichbare Manuskripte von deutschen Autoren? Oder werden sie nur im Kopf geschrieben und verworfen, noch bevor die Finger die Tastatur erreichen können? Ich behaupte, es gibt sie, es gibt sie in den Papierkörben deutscher Verlage: wie die westliche Gesellschaft unter der Diktatur der »Generation Beleidigt« allmählich intellektuell austrocknet, wie man gehorsam nachbetet, was verlangt wird.

Soll man, darf man das drucken? Und wenn man es tut, braucht man dann Personenschutz rund um die Uhr? Und wer soll das bezahlen? Verleger fragen sich bei jedem Manuskript: Lässt sich das verkaufen? Das ist legitim. Es lässt sich verkaufen! Die Rezensenten, nachdem sie Caroline Fourests Essay auf Deutsch lesen konnten, waren begeistert.

UNIVERSITÄTEN Die Autorin schildert kenntnisreich den hysterischen Aktionismus von Studierenden jeder Hautfarbe an westlichen Universitäten und die davor sich beugende Dozentenschaft. Niemand darf beleidigt werden, niemand darf kritisiert werden. Auslöschung der Streitkultur und sowieso der Polemik; sie wurde in Deutschland einst typisch jüdisch genannt. Hetzjagden, Forderungen nach Umerziehung und erschreckend klägliches Gewimmer der an den Internet-Pranger Gestellten. Das ist womöglich das Schlimmste daran: die Unterwerfung.

Keine Demo kommt heute aus ohne ein Transparent »Apartheidstaat Israel – Free Palestine«.

Wo immer die linken Identitären ein Unrecht wittern, schnappen sie es sich. Keine Demonstration, ob für öffentliche Unisex-Klos oder gegen Corona-Impfung, kommt heutzutage noch aus ohne ein Transparent mit der Aufschrift »Apartheidstaat Israel – Free Palestine«.

Denn das ist allgemein Konsens und sollte niemanden verwundern: Mit den Juden geht das. Straflos. Das sind bloß ein paar Millionen, und die Juden tun einem ja nichts.

Caroline Fourest: »Generation Beleidigt. Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei. Über den wachsenden Einfluss linker Identitärer. Eine Kritik«. Aus dem Französischen von Alexander Carstiuc, Mark Feldon und Christoph Hess. Edition Tiamat, Berlin 2020, 200 S., 18 €

Sehen!

»Doitscha – Alles geht vorüber«

Die Tragikomödie »Doitscha – Alles geht vorüber« in der ARD beruht auf einem Buch von Adriana Altaras

von Pascal Beck  04.11.2026

Fernsehen

»Doitscha« erzählt vom Leben deutscher Juden nach dem 7. Oktober

Im Mittelpunkt der pointierten Tragikomödie steht eine Familie, in der unterschiedliche Identitäten, Ängste und Lebensentwürfe aufeinanderprallen

 04.11.2026

TV-Tipp

Viele Jahre bis zum großen »Hallelujah«: Arte zeigt Porträt von Leonard Cohen zum zehnten Todestag

Es ist wohl das bekannteste Lied des kanadischen Sängers Leonard Cohen. Und so steht »Hallelujah« auch im Zentrum eines so unterhaltsamen wie inspirierenden Porträts über diesen modernen Minnesänger

von Jan Lehr  04.11.2026

Essay

Der neue Jude

Warum ich Mitleid mit den Deutschen habe, die bis heute nicht begreifen wollen, dass wir keine wehrlosen Opfer mehr sind, sondern starke, selbstbestimmte Menschen, die hart zurückschlagen, wenn man uns angreift

von Zeev Avrahami  04.11.2026

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 4. November bis zum 12. November

 04.11.2026

Sachbuch

Der Kampf jüdischer Gemeinden für den Synagogen-Aufbau nach dem Krieg

Durch die Nationalsozialisten zerstört, wollten jüdische Gemeinden viele Synagogen in Deutschland nach dem Krieg wieder aufbauen. Doch sie hatten mit Widerständen zu kämpfen - und mit Parkplätzen und Einkaufszentren

von Thomas Klatt  04.11.2026

New York

Nach Paul Simon wird auch Art Garfunkel 85

Mit Songs wie »The Sound of Silence« wurden Simon & Garfunkel weltberühmt – aber auch die Streits der beiden Schulfreunde aus New York sind legendär. Jetzt steht der nächste große Geburtstag an

von Christina Horsten  04.11.2026

Frankfurt am Main

Rote und blaue Fäden

Mit der Installation »A Sky Full of Hope« will die Künstlerin Janet Echelman globale Vernetzung sichtbar machen – und eckt in der Stadt damit an

von Eugen El  03.11.2026

Frankfurt

Jüdische Akademie soll »Haus der Zukunft« sein

In der ersten Diskussionsrunde der neuen Jüdischen Akademie in Frankfurt stieß ein Wunsch angesichts von Antisemitismus und innerjüdischer Differenzen auf große Zustimmung: Die Akademie soll ein »Haus der Zukunft« sein

 03.11.2026