Rezension

Constantin Schreiber zwischen Hass und Hoffnung


»Einen Abend zwischen Hass und Hoffnung« nannte Constantin Schreiber die fünfte Folge seiner Late-Night-Show, die am Montagabend in Berlin aufgezeichnet wurde. »Das klingt ein bisschen pathetisch, aber so ist es doch«, erklärte er sich gleich zu Beginn. Um Meinungsfreiheit geht es in diesem Format, die Krise der Debattenkultur in diesem Land.

Der Andrang im Pfefferberg-Theater war groß, rund 220 Zuschauer wollten Ex-»Mister Tagesschau« und dem neuen Nahost-Korrespondenten des Axel-Springer-Verlags dabei zusehen, wie man Menschen dazu bringt, einander zuzuhören und miteinander zu reden. Das war zumindest das Ziel. Und in der ersten Gästerunde funktionierte es fast schon zu gut.

Hass-Emails vorlesen

Zuerst lasen sich die SPD- und CDU-Generalsekretäre Tim Klüssendorf und Carsten Linnemann gegenseitig Hass-Emails vor, dann betonten sie ihre Gemeinsamkeiten, was fast wie eine Vorbild-Schau für die verrohte Gesellschaft da draußen wirkte, die so »wenig versöhnlich« geworden sei (Klüssendorf). Auch nach den Gründen für die »blutrünstigen Fantasien« (Schreiber) der Hater, die unaussprechliche Dimensionen erreichten, wenn es um Israel und Gaza gehe, suchten sie gemeinsam: die »krasse Vereinsamung junger Menschen« führte Linnemann an. Es treffe ihn besonders, wenn er die Menschen kenne, sagte Klüssendorf. Aber keine schlechte Politik rechtfertige solche Nachrichten, so der SPD-Mann. Zum Glück fing Schreiber die Politiker schließlich mit Humor auf. Zum Abschied gab es Glückskekse.

Und Glück war nötig, denn, so Schreiber, er habe lange Zeit gedacht, dass sich die Dinge wieder »zurechtruckeln«, mittlerweile meine er aber, »das ist etwas Langwierigeres«. Auftritt des nicht unumstrittenen, aber sehr unterhaltsamen Psychologen und Neurowissenschaftlers Raphael Bonelli. Der Österreicher diagnostizierte Deutschland mal eben einen besonders ausgeprägten Todestrieb nach Sigmund Freud. »Alle Kulturen neigen immer wieder dazu, sich selbst zu zerstören«, so Bonelli. »Rom war ja auch so.« Und Thanatos fand er auch im Kern des Online-Hasses: »Dieser ganze Hass ist Zerstörungswut. Die wollen Menschen vernichten.« Dieser Zerstörungswille habe etwas »narzisstisch-pathologisches«. Ob sich die Hater nach dem Absetzen ihrer Drohungen besser fühlten, wollte Schreiber wissen. »Nein«, antwortete Bonelli.

»Lesen Sie keine Kommentare, das macht depressiv.«

Raphael Bonelli

Dann kam er auf die Gruppendynamik zu sprechen: Die Gruppe definiere innerlich Feinde, und der Rädelsführer hetze die Meute dann auf diese, was ihn in der Hierarchie aufsteigen lasse. Und, womit Schreiber wieder versuchte, auch das Thema Israel und Gaza einzubringen, bestimmte Themen würden emotionalisiert, was eine Reflexion unmöglich mache. Auf den Reiz folge sofort die Reaktion, die Freiheit zum Nachdenken sei dahin. Ergo die zu beobachtende Kopflosigkeit, die sich zunehmend verbreite. Was man dagegen tun könne, fragte der Moderator. »Keine Kommentare lesen«, das mache depressiv, so Bonelli. Als Nächstes schlug er Deeskalation vor, um dann aber festzustellen, dass nur therapierbar sei, wer das auch wolle.

Zeit für Schreiber, wieder über die Macht des Lachens zu sprechen, und natürlich bestätigte Bonelli, dass Humor helfe. Damit das an diesem Abend auch jeder verstand, kam der Comedian Vince Ebert auf die Bühne und gab eine Einführung in den Humor, der seiner Meinung nach Gefühle verletzen müsse, schließlich gehöre es »zum Deal einer freien Gesellschaft, dass man alles durch den Kakao ziehen darf«. Seine Grenze liege dabei beim Aufruf zum Verbrechen und der Verleumdung.

»Die Zeiten sind härter, die Leute sind verwirrter«

Aber auch der Humor hat es schwerer, die Leute fühlen sich häufig verletzt, anstatt mitzulachen. »Die Zeiten sind härter, die Leute sind verwirrter«, stellte Ebert fest. Und er beobachte bei der eigenen Arbeit, dass er darüber nachdenke, ob sich jemand auf den Schlips getreten fühlen könnte. Er sagte aber auch den schönen Satz: »Lachen verwandelt Mauern in Fenster« und erinnerte daran, dass die Gesellschaft den Humor schützen müsse: »Churchill sagte einst, er sammle die Witze, die Menschen über ihn machen. Stalin meinte, er sammle Menschen, die Witze über ihn erzählen«, so Ebert. »Totalitäre Systeme verlaufen an den Humorgrenzen.«

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Die letzte Gesprächspartnerin des Abends war die spannendste: Julia Ruhs, die laut Kritikern des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wegen ihrer konservativen Haltung vom NDR geschasste »Klar«-Moderatorin, die mit beeindruckender Nonchalance vom Nachgang der Medienaufregung berichtete. Niemand sei unbefangen, stellte sie fest. Das sei nicht kontrollierbar. Und sie wünsche sich weniger Scheinheiligkeit. Man müsse die Grenze ziehen, wo die Berichterstattung zum Aktivismus werde.

Angst vor sozialer Isolation

Die 31-Jährige beschwerte sich noch über die ideologischen Blasen in den Redaktionen und die Angst vor sozialer Isolation, wenn man nicht dem ideologischen Mainstream folge, woraufhin Schreiber zu bedenken gab, dass es in den Redaktionen - anders als in Verschwörungstheorien gern verbreitet - keine Top-down-Praktik des ideologischen Einnordens gebe.

Antworten darauf, wie die Gesellschaft Menschen, die beschimpft und bedroht werden – was bei den Rechten deutlich blutrünstiger ausfalle als bei den Linken, da waren sich beide einig – besser schützen könne, blieben schwammig. Aber gut, dass wir offen darüber geredet haben. Und es bleibt die Hoffnung, dass es besser wird, wenn wir das häufiger tun. Das muss man Schreiber lassen, dass er diese nicht aufgibt.

»Constantin Schreiber presents Late Night«, wird am 27. Oktober um 23 Uhr auf Welt TV ausgestrahlt.

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