Medien

Claas Relotius spricht erstmals über seine ausgedachten Texte

Claas Relotius (2017) Foto: imago images/Eventpress

Medien

Claas Relotius spricht erstmals über seine ausgedachten Texte

Der ehemalige »Spiegel«-Autor hatte auch aus Israel berichtet

von Anna Ringle  01.06.2021 13:19 Uhr

Der frühere »Spiegel«-Reporter Claas Relotius hat zweieinhalb Jahre nach Bekanntwerden des Betrugsskandals bei dem Nachrichtenmagazin erstmals ausführlich in einem Interview über seine gefälschten Texte gesprochen. Der Zeitschrift »Reportagen« aus der Schweiz sagte er auf die Frage, wie viele seiner insgesamt 120 verfassten Texte in seiner Journalistenzeit korrekt waren.

»Nach allem, was ich heute über mich weiß«, so Relotius, »wahrscheinlich die allerwenigsten.« Er habe »in der unverrückbaren Überzeugung geschrieben, es würde bei der Erzählform Reportage keinen Unterschied machen, ob alles 1:1 der Realität entspricht oder nicht«.

ISRAEL Relotius hatte im Jahr 2010 auf freier Basis auch für den dpa-Basisdienst drei lange Korrespondentenberichte aus Israel verfasst. Die Texte samt Fotos wurden in der dpa-Plattform gesperrt. Der dem Journalisten 2012 verliehene zweite Preis beim dpa-news-Talent-Wettbewerb wurde ihm aberkannt.

Relotius drückte nun in dem Interview sein Bedauern aus: »Ich habe offensichtlich sehr viel Verantwortungsgefühl ausgeschaltet, am meisten gegenüber Kollegen, aber auch gegenüber realen Menschen, über die ich geschrieben habe. Ich hatte beim Schreiben nie niederträchtige Absichten, und ich wollte auch niemanden verletzen, indem ich etwas Falsches schreibe. Dass ich das getan habe, bereue ich am meisten.«

Das Magazin »Reportagen« veröffentlichte am Dienstag auf seiner Webseite ein ungewöhnlich langes Interview mit mehr als 90 Fragen an den früheren »Spiegel«-Reporter, der Ende 2018 die Medienbranche schwer erschüttert hatte. Relotius hatte für den »Spiegel« Reportagen geschrieben, die fehlerhaft waren, und die zum Teil erfundene Szenen, Gespräche und Ereignisse enthielten. Er war als Journalist mit Preisen überhäuft worden und genoss hohes Ansehen. Der »Spiegel« machte den Betrugsfall selbst öffentlich und arbeitete diesen akribisch auf.

KONSEQUENZEN Relotius, damals Anfang der Dreißiger und für das Gesellschaftsressort tätig, hatte die Fehler laut »Spiegel« eingeräumt. Seine Karriere bei dem Nachrichtenmagazin war vorbei. Es folgten weitere personelle Konsequenzen im Haus, das Magazin überarbeitete zudem seine redaktionellen Standards. Viele andere deutsche Redaktionen steuerten bei ihren Quellenchecks nach.

Es gibt eine offensichtliche Verbindung zwischen Relotius und dem Magazin »Reportagen«, das das Interview veröffentlichte: Er schrieb zeitweise auch freischaffend für diese Redaktion. Mit einem Text für »Reportagen« gewann er 2013 den Deutschen Reporterpreis, das brachte ihm Aufmerksamkeit. Relotius war in seiner Journalistenzeit für mehrere Häuser tätig.

Im Editorial der neuen Ausgabe der Zeitschrift, in der das Interview in einer kürzeren Form von immerhin noch rund 20 Seiten erscheinen wird (3. Juni) und das der Deutschen Presse-Agentur vorliegt, heißt es: »Auch wir waren mit fünf Texten betroffen.« Die Redaktion beschreibt mit Blick auf das Interview, dass sie sich auch gefragt habe, ob man einem »überführten Lügner« trauen könne und ihm nicht »auf den Leim« gehe. Das Magazin mit Sitz in Bern entschied sich für das Interview.

THERAPIE »Reportagen« erscheint alle zwei Monate und veröffentlicht Reportagen aus der ganzen Welt. Es hat nach eigenen Angaben 13.000 Abonnenten. Im Vorspann zur Online-Interview-Version schreibt die Zeitschrift: »Als Publikation, die ausschließlich Reportagen veröffentlicht, spüren wir die Nachwirkungen dieses Skandals bis heute.« Das Interview mit Relotius entstand den Angaben der Zeitschrift zufolge in den vergangenen Wochen.

Der Ex-Reporter spricht darin detailliert über ganz konkrete Fälschungsfälle. Es geht in weiten Strecken auch um sein Leben nach dem großen Knall. Er berichtet ausführlich von seiner Therapie - das Magazin bekam nach eigenen Angaben Einblick in Dokumente wie einen Klinikbericht und erhielt auch psychiatrische Informationen.

SKANDAL Er geht auf das Buch seines damaligen Kollegen Juan Moreno ein. Dieser hatte den Skandal gegen viele Widerstände aufgedeckt, als er Fakten zu einer Relotius-Reportage nachrecherchierte und ihn damit schließlich enttarnte. Moreno veröffentlichte im Jahr darauf das Buch »Tausend Zeilen Lüge – Das System Relotius und der deutsche Journalismus«. Die Produktionsfirma Ufa Fiction will einen Film drehen.

Nur wenige Wochen nach Erscheinen des Buchs von Moreno im Herbst 2019 war über einen Bericht der Wochenzeitung »Zeit« bekanntgeworden, dass Relotius mit einem Anwaltsschreiben gegen den Autor vorging. Bislang blieb offen, ob es auch zu einer Klage kommen wird. Im jetzigen Interview sagte Relotius auf die Frage, warum bis heute die Klage nicht eingereicht sei: »Ich habe mich nicht in der Position gesehen, jemanden zu verklagen, ohne mich selbst meiner viel größeren Schuld zu stellen.«

PSYCHE Relotius spricht auch über sein Leben bevor er Journalist wurde. Im Interview sagte er auf die Frage, wie die Zukunft aussehe, er habe sich zweieinhalb Jahre lang vor allem damit beschäftigt, die Vergangenheit zu verstehen. Ein großer Interviewteil dreht sich um die Umstände des Fälschens und die damalige psychische Verfassung des jungen Autors.

Beispiele: »Das hemmungslose Schreiben hatte für mich eine ganz egoistische Funktion. Es hat mir geholfen, Zustände, in denen ich den Bezug zur Realität verloren habe, zu bewältigen, zu kontrollieren und von mir fernzuhalten. Schon lange vor dem Journalismus.« Er habe diesen Beruf auf eine Art von Anfang an »missbraucht«.

An anderer Stelle: »Ich kann das nicht erklären, aber ich hatte jahrelang nie Angst, nie Zweifel, auch nie ein schlechtes Gewissen.« Und er führte auch aus: »Ich habe das Schreiben benutzt, um wieder Klarheit zu bekommen. Später habe ich mich nicht gefragt, ob wirklich alles so gewesen ist. Ich habe meinen Text in der Zeitung gesehen, mich daran festgehalten und hochgezogen, mich normal gefühlt. Ich hatte es ja hinbekommen, einen Text zu schreiben, der in der Zeitung stand.« Relotius betonte an anderer Stelle: »Je größer meine Verunsicherung war, desto perfekter wurden die Texte.«

Mehrmals machte er im Interview deutlich, nicht aus karrieristischem Kalkül gehandelt zu haben. Auf die Frage des Magazins mit Blick auf die Journalistenpreise und dem Vorwurf, auf »Effekt« geschrieben zu haben, antwortete er: »Natürlich wollte ich gute Texte schreiben. Ich habe beim Schreiben aber nicht daran gedacht, was wie irgendwo ankommt. Ich war immer nur mit dem jeweiligen Thema und mit mir beschäftigt.«

70 Jahre »Bravo«

Dr. Sommers Vermächtnis

Von 1969 bis 1984 war der Arzt Martin Goldstein »Dr. Sommer«, einer der wohl berühmtesten Ratgeber, den der deutsche Journalismus je hatte

von Hanna Persson  28.08.2026

Musik

Abschied von Berlin

Sharon Brauner über ihr neues Lied » Kind dieser Stadt« und warum die Urberlinerin ihre Heimat verlassen will

von Jan Feldmann  28.08.2026

Musik

Tagebuch in Tönen

In seiner Biografie »Idylle und Vertreibung« über Robert Kahn erinnert Reinhard Wulfhorst an einen außergewöhnlichen deutsch-jüdischen Komponisten

von Maria Ossowski  28.08.2026

TV-Kritik

»Phoenix« - herausragender Film über eine Schoa-Überlebende

Christian Petzolds grandiose Parabel auf Deutschland im »Jahre Null«

von Felicitas Kleiner  27.08.2026

Bremer Kunsthalle

Bremen

Auszeichnung für künstlerische Auseinandersetzung mit NS-Verbrechen

Die Künstlerin Annette Kelm wird mit dem 50. Pauli-Preis geehrt. Ihre Fotoserie »Die Bücher« zeigt Cover von Werken, die von den Nazis verboten und verbrannt wurden

 27.08.2026

MARKK Museum am Rothenbaum

Hamburg

Ausstellung zum Bild vom Judentum

Welches Bild hat das Hamburger Museum MARKK vom Judentum vermittelt? Welche Rolle spielte es in der NS-Zeit? Eine Ausstellung will diese Fragen beantworten

 27.08.2026

Interview

»Werdet ihr uns helfen, Israel zu ›reparieren‹?«

Die Regisseurin Yael Reuveny über das komplexe Verhältnis zwischen deutschen Juden und Israelis, ihr neues Filmprojekt und einen Aufruf an unsere Leser, nach Home-Videos von Israel-Reisen zu suchen

von Ayala Goldmann  27.08.2026

Kolumne

Fastenkurse im Bordbistro

Wieder mal Spaß gehabt mit der Deutschen Bahn: Über die Katastrophe eines Weltkonzerns

von Maria Ossowski  27.08.2026

Schweiz

Das sind die beliebtesten Vornamen für neugeborene Jungen und Mädchen

Eine neue Rangliste des Bundesamts für Statistik gibt Aufschluss

von Nicole Dreyfus  27.08.2026 Aktualisiert