Kino

Brüchige Idyllen

Sie ist die Mutter aller Filmfestivals – die »Mostra« von Venedig, wie sie in Italien nur kurz genannt wird. 1932 gegründet, ist dieses erste Filmfestival der Welt ein Kind der Diktatur; genauer gesagt, ein Einfall des Grafen Volpi, der nicht nur eine Weile in Benito Mussolinis Kabinett als Kulturminister diente, sondern dem vor allem das »Excelsior« gehörte, das luxuriöseste Hotel am Lido, jenem schmalen Sandstreifen, der die Lagune vor Venedig vor den Gezeiten schützt.

Zur Nachsaison Anfang September sollten Filme und Stars noch einmal das Geschäft ankurbeln, so Volpis Überlegung. Die Rechnung aus Tourismus und Politik ging auf, und die Idee des Filmfestivals war geboren. 1936 zog die UdSSR mit Moskau nach, und nach dem Krieg übernahmen die Demokratien das Konzept: Cannes, Berlin und andere folgten.

wettbewerb Seit Mittwoch nun läuft am Lido die 70. Jubiläumsausgabe der Mostra, die mit Gravity des Mexikaners Alfonso Cuarón eröffnet wurde. Bernardo Bertolucci, der Grandseigneur des italienischen Kinos, ist Jurypräsident. Das israelische Kino und jüdische Filmemacher sind in allen Sektionen präsent.

Im Wettbewerb begegnet das Publikum einem guten israelischen Bekannten. Fast möchte man glauben, als habe Amos Gitai, der schon acht Filme in Venedig präsentierte, ein Abonnement auf die Wettbewerbsteilnahme. Und als er gerade mal keinen Film fertig hatte, war Gitai in der Jury.

Bei seiner neuen Produktion Ana Arabia scheint der 62-Jährige sich zunächst einmal eine formale Herausforderung gestellt zu haben. Der Film besteht aus einer einzigen, 84-minütigen Plansequenz, einer Kameraeinstellung, die durch keinen Schnitt unterbrochen wurde. Das pure Leben, unverfälscht. Ana Arabia ist gleichwohl fiktional und inszeniert. Im Zentrum steht Yael, eine junge israelische Journalistin, die eine Enklave zwischen Jaffa und Bat Yam besucht. Sie begegnet den Menschen und ihren individuellen Hoffnungen und Enttäuschungen und erkundet die Lebenswelt dieses Ortes jenseits aller Klischees.

Zugleich entdeckt sie auch einen entlegenen Ort, an dem Israelis und Palästinenser die fragile Möglichkeit einer Koexistenz leben – »eine universale Metapher«, so Gitai: »Ich habe solche langen Einstellungen schon immer gern dazu genutzt, um Fragmente und Widersprüche miteinander zu verbinden. Das ist natürlich auch eine Art künstlerisches Statement, das die Tatsache kommentiert, dass die Schicksale von Juden und Arabern in dieser Gegend nicht geteilt sind, nicht zerschnitten. Sie sind vielmehr verwoben und müssen Wege finden, miteinander auszukommen und sich zu stimulieren, anstatt Konflikte aneinanderzureihen.«

gewalt Yuval Adlers Debütfilm Bethlehem, der in der Sektion »Venice Days« Premiere hat, handelt von Sanfur, einem Palästinenser, der aus einer Familie militanter Aktivisten stammt, heimlich aber für den israelischen Geheimdienst arbeitet. Sein Mossad-Führungsoffizier Razi ist über die Jahre zu einem Ersatzvater für ihn geworden. Nun aber ist Razi hinter Sanfurs älterem Bruder her und will ihn tot oder lebendig zur Strecke bringen.

Adler erzählt von den schweren Loyalitäts- und Identitätskonflikten, denen sowohl Sanfur wie Razi ausgesetzt sind. Auch hier geht es, wie bei Gitai, um Koexistenzen und innere Grenzüberschreitung. Für seinen Film hat der junge Regisseur, der in Tel Aviv und New York studierte, zahlreiche Mossad-Mitarbeiter interviewt. »Das Geheimnis des Rekrutierens informeller Mitarbeiter«, berichtet er, »liegt darin, eine geradezu intime Beziehung zum Informanten zu entwickeln«.

Nicht um Nahost, sondern um Afrika dreht sich Noaz Deshes White Shadow in der Reihe »Settemana della Critica«. Deshe, ein Israeli, der zwischen Berlin und New York pendelt, und dessen Film in Deutschland produziert wurde, hat im ostafrikanischen Tansania gedreht. Größtenteils mit Laiendarstellern besetzt, erzählt er die Geschichte einer Gruppe von Albinos.

Sie sind nicht nur Opfer von Ausgrenzung unter ihren schwarzen Landsleuten. In den letzten Jahren ist zunehmend auch der alte Aberglaube an die angebliche »heilende« und »magische« Kraft ihrer Körperteile zu einer regelrechten Menschenjagd eskaliert – befeuert von Zauberern und Schamanen, die vom Handel mit teuer bezahlten Albinokörperteilen profitieren. Über 200 Albinos wurden allein zwischen 2008 und 2010 ermordet.

»Albinos sterben nicht, sie verschwinden einfach«, heißt es in dem Film, der sich dem jungen Alias auf die Fernen heftet, dessen Familie Opfer eines Massakers wurde. Deshe zeigt ein Afrika jenseits aller idyllischen Bilder, einen düsteren Kontinent voll alltäglicher Gewalt und primitiver Barbarei.

philosophie Wiederum bei den »Venice Days« läuft Venezia Salva, die zweite Regiearbeit von Serena Nono, der jüngsten Tochter des Komponisten Luigi Nono. Venezia Salva ist die freie Adaptation eines Theaterstücks der französischen Philosophin Simone Weil (1909–1943) – ein Mantel- und Degenstück, das im Venedig des Jahres 1618 angesiedelt ist und von einer Verschwörung erzählt: Der spanische Botschafter versucht, die Republik zu stürzen. Hinter dieser mit erotischen Verwicklungen aufgepeppten aktuellen politischen Rahmengeschichte über Demokratie und ihre Widersacher, über Macht und Gewalt, steht für Nono Grundsätzliches: »Ich wollte die Essenz von Simone Weils Ideen bewahren, die eine geradezu griechische Tragödie erzählt – dass Wahrheit zum Unglück führt, aber auch dass in der Schönheit Wahrheit liegt.«

In der Jubiläumsretrospektive der »Venice Classics« wird unter anderem Chantal Akerman geehrt. Zwei Filme der belgischen Regisseurin werden gezeigt, die hier vor 40 Jahren liefen. Hotel Monterey (1972) ist ein Stummfilm über ein New Yorker Hotel, das zum Zufluchtsort für viele vergessene Alte im »Big Apple« wurde. Le 15/8 von 1973 stellt ein junges Mädchen aus Finnland ins Zentrum.

Akerman beobachtet sie während eines ganzen Tages – dem 15. August 1973 – in einem Pariser Appartement, in dem die junge Frau als Au-pair arbeitet. Le 15/8 ist das Porträt einer Nach-68er-Jugend, die ihre Zukunft bereits lange vor Castingshows und Sozialen Netzwerken an die Konsumgesellschaft verschleudert hat. Akermans Filme wirken heute wie eine doppelte Flaschenpost aus einer verlorenen Zeit – für das Kino wie für die Gesellschaft.

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