Rezension

Berliner Revue

Bewahrt Victor Hollaenders Namen vor dem Vergessen: die bei Hentrich & Hentrich neu aufgelegte Autobiografie des Komponisten Foto: Hentrich & Hentrich

Anmerkung der Redaktion (2. August 2023):

Als dieser Text von Fabian Wolff in der Jüdischen Allgemeinen erschien, glaubte die Redaktion Wolffs Auskunft, er sei Jude. Inzwischen hat sich Wolffs Behauptung als unwahr herausgestellt.

Den Sohn kennt jeder. Friedrich Hollaender steht wie kein Zweiter für das wild-verruchte Kabarett des Berlin der Weimarer Republik und hat ikonische Lieder wie »Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt« geschrieben. Doch irgendwoher muss auch ein Genie es ja haben. Vielleicht vom Vater, Victor Hollaender, Komponist von Revuen und Operetten und zu seiner Zeit mindestens so groß wie später der Sohn. Doch seinen Namen kennen nur wenige.

Ein Band aus der Reihe »Jüdische Memoiren« des Verlags Hentrich & Hentrich soll das nun ändern. Er präsentiert erstmals Hollaenders Erinnerungen Revue meines Lebens als Buch, die 1930 im »8 Uhr-Abendblatt« erschienen. Herausgeber Alan Lareau hat sie gesammelt, mit Anmerkungen, zeitgenössischen Texten und einer CD ergänzt. Entstanden ist so ein Blick in gleich mehrere untergegangene Welten.

selbstverliebt Künstlermemoiren, gerade aus dem Bühnenbereich, laufen meist nach dem gleichen Muster ab. Viele Details dürften sicher nur die Beteiligten selbst interessieren, einige vielleicht noch nicht mal diese. Der Erzählung nach folgt Erfolg auf Erfolg, ansonsten werden alte Rechnungen beglichen. Die meisten lassen sich auf einen Satz reduzieren: »Am Ende gab es natürlich, dank mir, tosenden Beifall.«

Die Erinnerungen von Victor Hollaender verlaufen etwas anders. Natürlich geht auch er die typischen Stationen seines Lebens durch. Er wird 1866 im schlesischen Leobschütz geboren, der Vater ist Arzt und Geburtshelfer. Die Familie geht bald darauf nach Berlin, in die Oranienstraße. Bei einem Talentwettbewerb für Kinder in einem Biergarten in der Dresdener Straße begeistert er das Publikum – ohne »jubelnden Applaus« geht es eben nicht – und entdeckt seine Leidenschaft für Musik.

Er studiert an der Neuen Akademie für Tonkunst und zieht dann als Dirigent und Komponist durch die Welt. Er verbringt Zeit in Budapest, Hamburg, New York und Milwaukee. In London bleibt er länger, hier kommt Sohn Friedrich zur Welt. Wieder in Berlin findet er im noch jungen Metropol-Theater in der Behrenstraße seine ideale kreative Werkstätte. Er schreibt die Musik für Jahres-Revuen, Julius Freund meist die Texte – sie werden sein größter Erfolg. Hollaender versucht sich gelegentlich an »ernsterer« Musik, doch das unterhaltende Musiktheater bleibt seine Heimat.

Tucholsky Noch zu Lebzeiten erlebt Hollaender das Ende dieser Welt. Er gehört ganz und gar zum wilhelminischen Berlin, Frühstück bei Siechen inklusive. Herausgeber Lareau zitiert Tucholsky, der später über die Unterhaltung dieser Zeit schreibt, dass »in Berlin eine laute Lustigkeit erbrauste, die damals hetzend-amerikanisch wirkte und uns heute leicht biedermeierisch und fast gemütlich vorkommt«. Mit dem Jazz kann er sich nicht anfreunden.

Die andere Welt, deren Untergang er erlebt, ist natürlich die deutsch-jüdische. So stirbt 1888 erst Kaiser Friedrich III., kurz darauf Hollaenders Vater. Wie selbstverständlich erwähnt er diese beiden Dinge in einem Atemzug. Schließlich benennt er seinen Sohn nach ihm, weil er am gleichen Tag Geburtstag hat. In einem Porträt über die Hollaenders, das dankenswerterweise ebenfalls im Band erhalten ist, schreibt Gabriele Tergit, dass die deutschen Juden, wie die Hollaenders es tatsächlich getan haben, wohl »die einzige Gemeinschaft der Welt sind, die vom armseligen Hausierer zur höchsten Geistigkeit aufstieg«.

Hollaender geht 1934 mit seinem Sohn ins Exil nach Hollywood. Er versucht sich an Filmmusik, ohne Erfolg. Doch letztlich hat er sein Werk bereits erfüllt. »Mein Friedrich«, so schließt er seine Memoiren, »hat mein musikalisches Erbe übernommen, hält die Melodie, für die ich mich ein Leben lang eingesetzt habe, hoffentlich in Ehren.« Er stirbt 1940. Hollaenders Namen vor der dem Vergessen zu bewahren, dieser noblen Aufgabe hat sich Herausgeber Alan Lareau mit großem Erfolg angenommen. Jubelnder Applaus.

Victor Hollaender: »Revue meines Lebens«. Hentrich & Hentrich, Berlin 2014, 272 S., 29,90 €

Medien

Protokollant des täglichen Irrsinns

Der Publizist Henryk M. Broder wird 80. Eine persönliche Würdigung von Reinhard Mohr

von Reinhard Mohr  19.08.2026

Heidelberg

Hüter des Gedächtnisses

Im Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden liegt alles, was jüdische Gemeinden seit 1945 in Deutschland an Dokumenten produziert haben. Jens Hoppe, der Leiter der Einrichtung, sichert die Zukunft der Bestände

von Eugen El  19.08.2026

Programm

Ein Moped-Gottesdienst, Kaffee, Kuchen und ein Zirkus-Koffer in Frankfurt: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 20. August bis zum 27. August

 19.08.2026

Orlando (Florida)

Harrison Ford wird erneut zu Indiana Jones

Diesmal wird der jüdische Darsteller kein Abenteuer auf der Leinwand erleben. Aber worum geht es dann?

 19.08.2026

Film

25 Jahre »A.I.«: Odyssee eines Roboter-Jungen

Ein Vierteljahrhundert ist Spielbergs Film »A.I. – Künstliche Intelligenz« jetzt alt. Das Werk ist extrem rührselig, aber dennoch sehenswert. Und es wirft Fragen auf, die auch 2026 sehr relevant sind

von Gregor Tholl  19.08.2026

Film

Überraschend witzige Geschichte über Begehren und Scham

In der Slasher-Satire »Teenage Sex and Death at Camp Miasma« von Jane Schoenbrun spritzt Blut, Gillian Anderson flirtet und eine junge Regisseurin versucht, ihre eigene Lust zu verstehen

von Shireen Broszies  19.08.2026

Frankfurt am Main

Friedenspreis: Mirjam Zadoff hält Laudatio auf Philipp Sands

Der Menschenrechtsanwalt Philippe Sands erhält eine der angesehensten Auszeichnungen Deutschlands. Nun wurde die Laudatorin bekanntgegeben

 19.08.2026

Rezension

Antidot gegen Lüge und Vernebelung

Richard Herzinger war ein lebenslanger Streiter gegen Antisemitismus jeglicher Couleur. Ein Auswahlband seiner Texte zeigt ihn nun einmal mehr als einen wortmächtig-analytischen Solitär

von Marko Martin  19.08.2026

Kino

»Hiddensee« - Ein Inselparadies, nicht frei von Widersprüchen

Punk am Strand, Kunst und Politik im Laufe der Zeit - eine Doku über die Ostseeinsel Hiddensee und ihre wechselvolle Geschichte

von Kira Taszman  18.08.2026