Interview

»Autoritäres Weltbild«

»Dezidiert politischer Anspruch«: Samuel Salzborn Foto: marta. krajinovic.

Nicht nur »laut und vulgär« äußere sich der Antisemitismus, sondern auch »subtil und verklausuliert«, schreibt Josef Schuster in seinem Vorwort zum neuen Buch des renommierten Antisemitismusforschers Samuel Salzborn. Den einführenden Bemerkungen des Präsidenten des Zentralrats folgt auf 220 Seiten eine gleichermaßen aufwendige wie differenzierte Analyse, die mit dem Titel Globaler Antisemitismus – Eine Spurensuche in den Abgründen der Moderne treffend beschrieben ist.

Was hat Sie bewogen, solch eine globale Studie zum Thema Antisemitismus zu erarbeiten?
Wir erleben seit vielen Jahren an verschiedenen Stellen immer wieder sehr gewaltförmige antisemitische Ereignisse. Was bisher fehlte, war, diese zueinander in Beziehung zu setzen. Das heißt, dass, wer auf rechten Antisemitismus hinweist, manchmal den islamischen verschweigt, und wer den islamischen in den Blick nimmt, möchte den linken nicht allzu sehr thematisieren. Wieder andere wollen vom Antisemitismus in der Mitte ablenken.

Schon der Blick in die Literaturliste mit nicht weniger als 409 Quellen lässt die Komplexität erahnen, mit der das Thema erforscht wurde, und zwar in seiner globalen Dimension. Welches Zielpublikum hatten Sie für Ihr Buch im Auge?
Das Buch ist als wissenschaftliches Sachbuch zu betrachten. Aber an vielen Stellen hat es über die rein wissenschaftliche Analyse hinaus einen dezidiert politischen Anspruch. Das Zielpublikum ist einerseits die Wissenschaft, aber darüber hinaus eine interessierte Öffentlichkeit. Dem liegt das Bemühen zugrunde, komplexe Phänomene so verständlich wie möglich zu erklären – eigentlich ein sehr altes Anliegen der Politikwissenschaft.

Sie sprechen im ersten Kapitel davon, dass Sie den Terrorakt von 9/11 als Beginn einer »antisemitischen Revolution« betrachten.
Wenn man sich die Entwicklung der letzten Jahre ansieht, so erscheint es mir wichtig, zu erkennen, dass es genau um das geht, was der Revolutionsbegriff erfasst. Nämlich dass unterschiedliche politische Spektren, getragen von Islamisten, aber auch von anderen politischen Milieus wie Neonazis und sogenannten Anti-Imperialisten, eine Veränderung der gesamten Weltordnung in einem antisemitischen Sinne anstreben.

Sie verweisen darauf, dass es »keinen spezifisch rechten oder linken Antisemitismus« gebe und auch die Unterschiede zwischen »christlich oder islamisch motiviertem Antisemitismus« letztlich marginal seien.
Man muss ja sehen, dass der Antisemitismus im Laufe seiner Geschichte verschiedene Formen der Artikulation angenommen hat. Aber auch, wenn diese Formen und die politischen oder religiösen Milieus unterschiedlich sein mögen, muss man begreifen, dass ein christlich motivierter Antijudaismus in dasselbe Motivfeld fällt wie ein rassistischer Antisemitismus, wie ein islamischer oder auch der Schuldabwehr-Antisemitismus.

Sie zitieren in diesem Zusammenhang den Psychoanalytiker Béla Grunberger …
… weil generell gilt, dass die Psychoanalyse im Zusammenhang mit Antisemitismus nicht vernachlässigt werden darf. Es ist eine wichtige Erkenntnisdimension, da wir in den Blick nehmen sollten, wie die antisemitische Psychostruktur funktioniert.

Grunberger sprach schon in den 60er-Jahren von einer »tiefen Persönlichkeitsspaltung in der antisemitischen Psyche mit einem regredierten, gespaltenen Ich«. Was ist darunter zu verstehen?
Die These von der Ich-Spaltung betont, dass es in der antisemitischen Psyche einen Teil gibt, der relativ angepasst funktioniert. Zugleich gibt es auch einen regredierten Teil, der auf infantile, rational nicht zugängliche psychische Muster zurückfällt und nach und nach auch die gesamte Psychostruktur okkupieren kann. Dieser Teil überformt die Psyche und führt am Ende zu Verschwörungsmythen. Von einem rationalen Außenstandpunkt erscheint das nur als verrückt, aber es folgt eben einer inneren psychodynamischen Logik der Regression auf ein Stadium, in dem es den betreffenden Menschen nicht als verrückt erscheint.

Im Kapitel über den islamischen Antisemitismus verweisen Sie auf »umfangreiche antijüdische Äußerungen, die auch mit Vernichtungsabsichten verbunden werden«, im Koran und den Hadithen. Macht dies nicht den interreligiösen Dialog zwischen Muslimen und Juden obsolet?
Es gibt ja zwei Dimensionen der interreligiösen Auseinandersetzung. Die eine liegt auf der reinen Auseinandersetzung mit der Schrift. Im islamischen Kontext befinden wir uns da in einem voraufgeklärten Zustand. Es gibt eine Wortgläubigkeit, die gar nicht sieht, dass der Koran ein literarisches, von Menschen gemachtes Dokument ist, das mit Metaphern arbeitet. Wenn man zu der Einsicht kommen würde, dass auch der Koran aufklärungs- und revisionsbedürftig ist, dann könnte es in einem zweiten Schritt gelingen, zu begreifen, dass es Suren gibt, die zu verwerfen sind. Das ist die Minimalbedingung für einen interreligiösen Dialog, für den Imame öffentlich erklären sollten, dass Teile des Korans nicht aufrechtzuerhalten sind.

Auf der letzten Seite schreiben Sie, dass ein Antisemitismus, der das Individuum »nicht nur kognitiv, sondern auch emotional erfasst« hat, nur noch radikal im Sinne von Mordechai und Esther bekämpft werden könne. In der biblischen Geschichte töten am Ende die Juden 70.000 ihrer Feinde. Welches Szenario haben Sie denn da vor Augen?
Wenn wir in einem demokratischen Kontext denken, dann muss, wenn der Antisemitismus als autoritäres Weltbild eine Person emotional voll erfasst hat, dieses notwendigerweise mit den Möglichkeiten von Exekutive und Judikative verfolgt werden. Also mit allen Repressionsmöglichkeiten, die die Demokratie hergibt. Man darf sich nicht der Illusion hingeben, dass man da allein mit Pädagogik weiterkommt. Das Entscheidende ist nämlich, dass es das oberste Primat sein muss, Jüdinnen und Juden vor Antisemitismus zu schützen.

Mit dem Politikwissenschaftler sprach Gerhard Haase-Hindenberg.

Samuel Salzborn: »Globaler Antisemitismus – Eine Spurensuche in den Abgründen der Moderne«. Beltz Juventa, Weinheim 2018, 258 S., 24,95 €

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