TV-Tipp

Arte-Doku über die Komponistin Meredith Monk

Meredith Monk bezeichnet sich selbst al »inca-jewish« und erhielt 2015 die »National Medal of Arts« von Präsident Obama. Foto: picture alliance / AP Photo

Der Musiker David Byrne erzählt, wie ihn die Kompositionen von Meredith Monk zu einer Erkenntnis brachten: Texte seien in Liedern nur eine Ausdrucksmöglichkeit unter vielen. Wer geschickt mit Melodie, Rhythmus, Harmonie und Klangfarbe arbeitet, brauche nicht unbedingt Worte. Das trifft auf die meisten Stücke der New Yorker Musikerin, Choreografin und Regisseurin Monk zu: Der Gesang nimmt dort zwar eine zentrale Rolle ein, aber zumindest im herkömmlichen Sinn versteht das Publikum wenig. Die Dokumentation »Meredith Monk - Die Welt in ihrer Stimme«, die Arte am Sonntag, dem 29. März, von 23.00 bis 00.40 Uhr zeigt, stellt die beeindruckende Persönlichkeit vor.

Oft bestehen die Kompositionen aus sehr simplen, sich stetig wiederholenden Tonfolgen, während die Stimme in einen mitunter oktavenübergreifenden Singsang verfällt, der an Babysprache oder Tierlaute erinnert. Treffend heißt es in dem Dokumentarfilm einmal, Monks Musik sei in ihrer Unvergleichlichkeit zwar avantgardistisch, durch ihre assoziationsreiche, keinerlei Vorwissen benötigende Einfachheit aber auch äußerst zugänglich. Reichhaltiges Porträt einer Klangwelt

Die Regisseure David C. Roberts und Billy Shebar widmen sich der Klang- und Bühnenwelt Monks wie auch ihren Ideen und Probenprozessen anschaulich und nuancenreich. Da ein größerer erzählerischer Bogen diese eigenwillige Musikerin eher einengen würde, setzt »Meredith Monk« auf fragmentarische Kapitel, die letztlich zwar ein sehr reichhaltiges, aber eben kein erschöpfendes Porträt ergeben. Interviews mit Weggefährten, in denen sich Dokumentationen über Künstler einer vergangenen Ära häufig verlieren, machen hier lediglich einen kleinen Teil aus.

Stattdessen gibt es große Mengen an vielfältigem und klug eingesetztem Archivmaterial, das Einblicke in das von ungebrochener Kreativität und Experimentiergeist geprägte New York der 1970er- und 1980er-Jahre gewährt. Monks bekannteste Songs und Inszenierungen kommen vor, ohne dass der Film in lieblos chronologische Aufzählerei verfällt.

Faszinierend an Monks Bühnenwerken und Filmen ist, wie gut ihre nonverbale und lautmalerische Erzählweise funktioniert. »Quarry« (1976) etwa handelt von den Folgen des Holocausts, »Ellis Island« (1981) von der Ankunft osteuropäischer Migranten in New York und »Book of Days« (1988) von der Pest-Paranoia im Mittelalter, die hier vor allem als Kommentar zur AIDS-Krise zu verstehen ist. Luftig, naiv und verspielt

Selbst wenn diese Themen bleischwer sind, bewahrt sich Monks Stil in historisch stilisierten Settings seinen luftigen, naiven und verspielten Charakter. Klang und Bewegung wirken wie aus einem Guss, so als würden die hypnotischen Melodien die Körper mit ihren bedächtig minimalistischen Gesten in Schwingung versetzen.

Während »Meredith Monk« die Vergangenheit Revue passieren lässt, wirft er Schlaglichter auf unterschiedliche Aspekte in Monks Leben und Schaffen. Die künstlerisch fruchtbare Beziehung zum Choreografen Ping Chong wird ebenso behandelt wie das angespannte Verhältnis zur Mutter - einer professionellen Sängerin. Außerdem geht es um das Verhältnis zur Tänzerin Mieke van Hoek, die 2002 verstarb, um den Einfluss auf jüngere Künstler wie Björk, die den Song »Gotham Lullaby« in Gedenken an die Opfer des 11. Septembers 2001 coverte, sowie um Monks ambitioniertestes Projekt, dessen abenteuerliche Entstehung der Film nachzeichnet: die Oper »Atlas« (1991).

»Meredith Monk« bleibt konsequent lebendig, weil er sich kreativ immer wieder aufs Neue selbst befeuert. Statt lediglich nachzuerzählen, kreisen die verschiedenen Fragmente jeweils um einen anderen visuellen Einfall. Mal wird ein surrealer Traum der Musikerin mit einem kleinen Animationsfilm illustriert, der wie eine Inszenierung Monks aussieht; dann entwirft der Film in Kacheln eine Collage mit Interviews aus unterschiedlichen Jahrzehnten, in denen die Künstlerin jedes Mal bei demselben Gedanken landet - jedoch immer leicht variiert und so, als käme ihr diese Erkenntnis gerade zum ersten Mal. Veränderter Blick auf die Musik

Auch sonst verbindet die dynamische Montage des Films regelmäßig verschiedene Zeiten. Etwa, wenn Monk in der Gegenwart mit einer jungen Tänzerin eines ihrer Stücke probt. Die Musik ist über die Jahrzehnte im Kern gleich geblieben; es ist eher der Blick auf sie, der sich verändert hat. Musste Monk früher noch verdutzten TV-Moderatoren ihre Arbeit erklären oder wurde von süffisanten Kritikern belächelt, so wurde sie 2015 im Weißen Haus mit der »National Medal of Arts« ausgezeichnet.

»Meredith Monk - Die Welt in ihrer Stimme«, Regie: Billy Shebar. Arte, So 29.03., 23.00 - 00.40 Uhr.

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