Roberto Saviano

Allein gegen die Camorra

»Es ist ein Scheißleben«: Roberto Saviano Foto: dpa

Ein Buch hat sein Leben verändert. 2006 brachte der italienische Journalist Roberto Saviano Gomorrha heraus. Darin schilderte er detailreich die Umtriebe der Camorra, wie die Mafia in seiner neapolitanischen Heimatregion heißt, und nannte auch Namen.

Das Buch wurde ein Riesenerfolg, doch Saviano lebt seither unter Personenschutz. Heute wird der Autor, dem die Mafia nach dem Leben trachtet, 40 Jahre alt.

BERÜCHTIGT Einschüchtern lässt sich Saviano nicht. Er schreibt für die römische Tageszeitung »La Repubblica« und deren Wochenmagazin »L’Espresso« und mischt sich ins politische Geschehen ein. Er lebt viel in den USA, dieses Jahr sah man ihn aber auch bei der Berlinale in Berlin.

Sein Buch »Gomorrha« wurde in rund 50 Sprachen übersetzt und verkaufte sich über 10 Millionen Mal.

Dort bekam der auf Savianos gleichnamigen Roman basierende Film Paranza - Der Clan der Kinder über jugendliche Mafiosi den Silbernen Bären für das beste Drehbuch. »Ich bin gelassen, ich werde weiter erzählen«, sagte Saviano in Berlin.

Der 1979 geborene Autor stammt aus Neapel, Italiens drittgrößter Stadt, berühmt für ihr Postkartenpanorama zwischen Meer und Vesuv und ihr reiches kulturelles Erbe aus 2600 Jahren Geschichte - berüchtigt aber auch für ihr Schattenreich der organisierten Kriminalität.

ISRAEL Es gibt - neben den USA - auch ein anderes Land, das ihm einen sicheren Hafen bieten könnte: Israel. Zwar gibt es auch im jüdischen Staat Organisierte Kriminalität; nicht wenige Kleinunternehmer mitten in Tel Aviv müssen Schutzgeld zahlen, und gelegentlich explodieren sogar Autobomben. Aber in Israel sind die Verbrecher eben nicht italienisch, sondern eher russisch oder sefardisch geprägt.

»Komm, Junge, lebe bei uns!«, sagte Schimon Peres sel. A. zu Saviano, nachdem er »Gomorrha« gelesen hatte.

Deshalb sagte ihm Schimon Peres sel. A. vor ein paar Jahren, nachdem er Gomorrha begeistert gelesen hatte: »Komm, Junge, lebe bei uns!« Die besten Mossad-Leute würden auf ihn aufpassen. In Israel sei er in Sicherheit.

Doch Saviano lehnte ab. Sein Kampf gegen die italienische Mafia und für die Demokratie ist ihm wichtiger als ein dauerhaft sicheres Leben.

AUSCHWITZ Alija machen könnte Saviano sofort. Seine Mutter Miriam Haftar, eine Lehrerin, ist Jüdin, sein Großvater gab dem jungen Saviano Tora-Unterricht.

Und, so erzählte es Saviano der israelischen Zeitung »Haaretz«: Sein italienisch-jüdischer Landsmann Primo Levi gibt ihm seelisch Kraft, wenn die Menschen nicht glauben wollen, was er an Untaten und Wahrheiten aus den Unterwelten der Mafia kolportiert.

Schließlich hatte Levi, wenn er über Auschwitz und den Holocaust schrieb, ebenfalls Unverständnis erfahren.

LEBENSTHEMA Saviano studierte Philosophie an der von Staufferkaiser Friedrich II. gegründeten Universität Federico II. und schloss mit einem Diplom ab. Bald begann er, für Zeitungen und Magazine zu schreiben, das Verbrechen wurde zu seinem Lebensthema. In Gomorrha beschreibt er, wie die Camorra-Clans mit Schmuggel, Giftmüllschiebereien, Drogenhandel und Markenpiraterie Milliarden machen.

Er gewann viele Preise - verlor aber die Freiheit, sich ohne Leibwächter zu bewegen. Es sei »ein Scheißleben«, sagt Saviano.

Gomorrha wurde in rund 50 Sprachen übersetzt und verkaufte sich über 10 Millionen Mal. Saviano wurde berühmt, auf Facebook hat er 2,5 Millionen Fans und auf Twitter 1,8 Millionen Follower. Er gewann viele Preise - verlor aber die Freiheit, sich ohne Leibwächter zu bewegen.

WIRKUNG Es sei »ein Scheißleben«, das er zu führen gezwungen sei, sagte Saviano in einem langen Gespräch mit »Zeit«-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, das unter dem Titel Erklär mir Italien! als Taschenbuch erschienen ist. Mit seinem Buch habe er tatsächlich etwas bewegt, sagt Saviano - »aber es hat sich auf mein Leben ausgewirkt in einer Weise, die nicht mehr rückgängig zu machen ist.«

Es folgten weitere Bücher, darunter 2013 Zero Zero Zero über den weltweiten Kokainhandel. Der US-Journalist Michael Moynihan erhob Plagiatsvorwürfe. Saviano konterte, er verarbeite allgemein zugängliche Fakten, die keinem Autorenrecht unterlägen, wenn er zum Beispiel auf Wissen zurückgreife, das in Gerichten und Zeitungen archiviert sei.

»Sie vergisst niemals«, sagt Saviano über die Mafia.

Für sein Buch Der Clan der Kinder über die Jugendgangs in Neapel griff er auf die Form des Romans zurück. So brauchte er keine realen Namen zu nennen. Diese Geschichte schrieb er in seinem neuesten Roman Die Lebenshungrigen fort.

SALVINI Obwohl er im Verborgenen leben muss, hat sich Saviano immer wieder in die italienische Politik eingemischt. Er definiert sich als »libertärer Sozialist« und bezeichnet den Anarchisten Errico Malatesta (1853-1932) als seinen »Lehrmeister«.

Saviano fordert, Flüchtlinge von jenseits des Mittelmeers mit offenen Armen aufzunehmen, denn nur sie könnten den entvölkerten Süden Italiens retten. Er machte sich den rechten Innenminister Matteo Salvini zum Feind, der damit drohte, Saviano den Personenschutz zu entziehen. Seit Anfang September ist Salvini nicht mehr Innenminister.

Er habe keine Angst vor dem Tod, aber Angst, so weiterzuleben, sagte Saviano einmal in einem Interview. »Das ist sehr hart, denn zum einen lebst du mit denen, die dich daran erinnern, ein Todgeweihter zu sein, und zum anderen mit einem ständigen Klima des Misstrauens«, erläuterte er.

Illusionen, dass die Bedrohung irgendwann nachlassen könnte, macht sich Saviano nicht.

Zu seinen Alltagserfahrungen gehört, dass Fluglinien sich weigern, ihn mitzunehmen oder dass er in Italien als Nestbeschmutzer beschimpft wird. Er habe auch Angst, dass ihm Köche ins Essen spuckten, vertraute er di Lorenzo an.

Illusionen, dass die Bedrohung irgendwann nachlassen könnte, macht sich der noch junge Autor nicht. »Sie vergisst niemals«, sagt er über die Mafia.

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