Film

Ali und der alte Jude

Ein Platz wie eine Zwinge. Ein Ort ohne Entkommen. Nur einmal geht in Leo Khasins Film Kaddisch für einen Freund die Kamera in die Luft, und zeigt den Kreuzberger Mehringplatz von oben, aus der Vogelperspektive. Berlin, die Millionenstadt, und deren Weitläufigkeit sind fern. Der selbst in Berlin lebende Khasin hat ein Kammerspiel inszeniert, das überwiegend innen, in geschlossenen Zimmern spielt, auf engem Raum. Selbst, wenn eine der Hauptfiguren in der S-Bahn unterwegs ist, gibt es keinen Fern- oder Ausblick.

jugendgang Der Film, der diese Woche in die Kinos kommt, beginnt mit einer Mutprobe als Aufnahmeritual in eine gewalttätige Jugendclique. Der 14-jährige Palästinenser Ali, sensibel verkörpert von Neil Belakhdar, bricht mit anderen aus der Gang in eine Nachbarwohnung am Mehringdamm ein. Dort lebt Alexander Rabinowitsch, 84 Jahre alt, jüdischer Russe, Weltkriegsveteran, in den 70er-Jahren nach Deutschland gekommen. Standhaft hat sich Alexander, den der 81-jährige Ryszard Ronczewski eindrucksvoll als latenten Vulkan spielt, bisher geweigert, in ein Altersheim zu übersiedeln.

Bei dem Einbruch, durch den seine Wohnung verwüstet wird – die Jugendlichen sprayen auch noch »Jude = Nazi« an die Wohnzimmerwand –, hat Rabinowitsch als einzigen Täter Ali erkannt, der mit seiner Familie in der Etage über ihm wohnt. Der alte Mann zeigt den Jungen an. Da Ali und seine Familie in Deutschland nur geduldet sind, droht ihnen deshalb die Abschiebung in den Libanon. Die Offerte von Alis Mutter an Rabinowitsch: Hilft ihm ihr Sohn dabei, die Wohnung zu renovieren, wird die Anzeige zurückgezogen.

So lernen sich die zwei in jeder Hinsicht unterschiedlichen Migranten näher kennen. Aus anfänglicher Distanz wird Respekt, aus Respekt, Schritt für Schritt, Freundschaft und aus Freundschaft die Förderung der künstlerischen Begabung Alis, die der Russe erkennt. Die Gerichtsverhandlung gegen Ali kann Alexander aber nicht verhindern. So tritt er als Zeuge für den Nachbarssohn auf und erleidet bei seinem vehementen Plädoyer einen Herzinfarkt, an dem er kurz darauf stirbt. Doch Rabinowitschs Auftritt war nicht umsonst: Ali werden lediglich Sozialstunden aufgebrummt. Und am Ende spricht er bei Rabinowitschs Beisetzung das Kaddisch.

debüt Leo Khasin, der 1981 im Alter von acht Jahren mit seiner Familie aus der Sowjetunion nach Deutschland emigrierte, war ursprünglich Zahnarzt in Kreuzberg. 2001 erfüllte er sich seinen Lebenstraum, drehte Kurzfilme, absolvierte die Kaskeline-Filmakademie und eignete sich auf der Autorenschule Hamburg dramaturgische Kniffe an. Da hatte er schon das Drehbuch geschrieben, das er nun als Regisseur schnörkellos, des Öfteren allerdings an Fernsehfilmästhetik erinnernd, in Szene gesetzt hat.

Inspiriert für seinen ersten langen Spielfilm wurde Khasin, wie er erzählt, durch Moshé Mizrahis Madame Rosa. Simone Signoret spielte dort eine Auschwitz-Überlebende und alte Prostituierte im Ruhestand, deren einziger Freund der junge Araber Momo ist.

Andere Szenen und Dialoge haben Billy-Wilder-Qualität, so wenn der spießige Sozialamtsleiter bei der Wohnungsbegehung sich als einstiges Mitglied des Jugendclubs Sputnik entpuppt und mit Rabinowitsch entfesselt zu russischer Musik tanzt. Und wenn Ali in der letzten Einstellung beschwingt, selbstsicher und fürs Leben bereichert durch die Freundschaft mit Alexander die Straße entlanggeht, sieht er aus wie Truffauts Antoine Doinel im Berlin der Gegenwart. Hinter ihm zu sehen ist ein Schriftzug: »Club der Visionäre« steht da.

Literatur

Shida Bazyar für ihren Roman »Die Lücken« mit Deutschen Buchpreis ausgezeichnet

Der Preis wurde am Montagabend im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse vergeben

 05.10.2026 Aktualisiert

Glosse

Der Rest der Welt

Einmal Gastro, immer Gastro

von Margalit Edelstein  05.10.2026

Zahl der Woche

136 israelische Athleten

Fun Facts und Wissenswertes

 05.10.2026

7. Oktober

Rotes Rathaus zeigt Ausstellung zum Hamas-Überfall auf Israel

Der Überfall der Terrororganisation Hamas hat überall in Israel Spuren hinterlassen. Eine neue Berliner Ausstellung beleuchtet die Erfahrungen von Sportlern und Fans rund um den 7. Oktober 2023

 05.10.2026

Frankfurt

Kronen der Schrift

Im Jüdischen Museum ist die weltweit größte Privatsammlung von Rimonim zu sehen. Sie stammen aus China, dem Jemen oder Marokko. Gesammelt hat sie ein heute 100-jähriger Schweizer Jude

von Mascha Malburg  05.10.2026

Biennale Jerusalem

Aus den Tiefen ins Licht

250 Künstler aus Israel und anderen Ländern verarbeiten das Massaker des 7. Oktober

von Sabine Brandes  05.10.2026

Literatur

Dorfroman mit Ewigkeitsnote

Die Eltern der Autorin Shida Bazyar stammen aus dem Iran. Ihr Buch »Die Lücken« ist einer der besten deutschen Romane überhaupt

von Maria Ossowski  05.10.2026

Literatur

Als der Flieder in Kreuzberg blühte

Die deutsch-jüdische Schriftstellerin Dana Vowinckel trifft mit ihrem zweiten Roman »Anton und Alma« den Nerv der Zeit

von Ayala Goldmann  05.10.2026

7. Oktober 2023

Sie war 25

Eine Erinnerung an Mai Itzhaki aus Hod Hasharon

von Ayala Goldmann  05.10.2026