Gibraltar

Wo Europa aufhört

Touristen im englischen Überseeterritorium Gibraltar fotografieren am liebsten die Wachablösung vor dem Palast des Gouverneurs im Zentrum der Stadt – ein Hauch von Buckingham an der Südspitze Europas.

Nur ein paar Schritte entfernt sitzen an diesem Tag einige Schulkinder in Uniform in »Amar’s Café« und machen sich über ihre Pizza oder ihre Fish and Chips her. Die Jungen tragen schwarze Kippot, ihre Pullover zieren große Menorot – eine jüdische Schuluniform. »Amar’s Café« ist eines der beiden koscheren Restaurants der Stadt, darüber hinaus aber wegen seiner zentralen Lage auch bei vielen nichtjüdischen Gästen beliebt.

Die Juden Gibraltars sind ein selbstverständlicher Teil der Gesellschaft. Der langjährige Präsident der Gemeinde, Chaim Levy, verfügt über gute Beziehungen in die lokale Politik. Rund 700 Juden leben heute unter den rund 35.000 Einwohnern Gibraltars. Die Gemeinde, vor allem sefardisch geprägt, blickt auf eine reiche Geschichte zurück und gibt sich entsprechend selbstbewusst.

»Wir sind hier wirklich eine Oase des Friedens«, sagt Gemeindechef Douglas Ryan.

Zwei Schulen mit je 40 Schülern sorgen dafür, dass das jüdische Leben in Gibraltar auch in Zukunft weitergeht. In den Synagogen versammelt man sich nicht nur am Schabbat, sondern auch an Werktagen zweimal zum Gebet.

In einigen Geschäften an der großen Main Street, zum Beispiel in einem Lederwarenladen, tragen die Verkäufer Kippa, doch kaum jemand nimmt Notiz davon. Auch ist im Stadtzentrum häufig Hebräisch zu hören.

wurzeln Douglas Ryan, Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde, hat trotz seines englisch-irischen Namens sefardische Wurzeln. Wie viele hier ist auch er religiös und hält streng an den Traditionen fest. Gleichzeitig aber sagt er: »Meine besten Freunde in der Kindheit und Jugend waren keine Juden, sondern zwei Hindi-Jungs.« Bis heute sei er mit ihnen in Kontakt, man treffe sich regelmäßig.

»Wir sind hier wirklich eine Oase des Friedens«, betont Ryan. Auch mit der großen muslimischen Gemeinde gebe es keinerlei Probleme. Mit Blick auf viele Orte weltweit erscheint dies heute fast idyllisch. An Tagen wie dem 11. November, an dem jedes Jahr des Endes des Ersten Weltkriegs gedacht wird, versammeln sich im Rathaus führende Vertreter der Religionsgemeinschaften: Rabbiner ebenso wie Imame oder katholische Priester. Die Zeitungen berichten groß darüber, Bilder von solchen Begegnungen sind auch in vielen Geschäften und Hotels zu bewundern.

Antisemitische Vorfälle gebe es in Gibraltar nicht, sagt Douglas Ryan. Man lebe in Frieden neben- und miteinander. Das bestätigt auch Brian Reyes. Er ist Redakteur beim »Gibraltar Chronicle«, der größten Zeitung in der ehemaligen Kronkolonie. »Am Schabbat und den jüdischen Feiertagen zeigen sich die jüdischen Bewohner in feierlicher Kleidung. Nicht selten werden sie von muslimischen Bewohnern sehr freundlich auf Arabisch gegrüßt – das trägt zur guten Stimmung bei.«

familie Wenn man in Gibraltar mit älteren Juden spricht, fällt immer wieder der Name des Politikers Joschua Abraham Hassan. Er wurde 1915 in Gibraltar geboren und stammte aus einer alten sefardischen Familie aus Marokko. Zuerst wurde er Bürgermeister und später erster Chief Minister des britischen Übersee­gebiets, eine Art Ministerpräsident. Mit einer kurzen Unterbrechung bekleidete er dieses Amt 20 Jahre lang, bis 1987.

Das Gebiet mit dem mächtigen Felsen, auf dem sich die Affen tummeln, verdankt seinen Namen dem muslimischen Eroberer Tarek. Der Berg Tareks (arabisch: »Djabel Tarek«) war wegen seiner strategischen Lage zwischen Europa und Afrika schon immer sehr begehrt.

Nachdem sich die Briten 1704 gegen die Spanier durchsetzten, wurde ihnen das Gebiet 1713 im Vertrag von Utrecht formell zugesprochen. Seitdem konnten sich Juden auf der Halbinsel ansiedeln. Der erste Rabbiner, Isaac Nieto, kam aus London und gründete die Gemeinde Schaar Haschamayim mit der ersten Synagoge der damaligen Kronkolonie.

Nachdem sich die Briten 1704 gegen die Spanier durchsetzten, wurde ihnen das Gebiet 1713 im Vertrag von Utrecht formell zugesprochen. Seitdem konnten sich Juden auf der Halbinsel ansiedeln.

Als Spanien Gibraltar mehrere Male vergeblich belagerte, gehörten die Juden zu den engagiertesten Verteidigern des Ortes. Von den katholischen Spaniern versprachen sie sich wenig – nicht zuletzt auch wegen der schrecklichen Erfahrungen mit der Inquisition.

zivilbevölkerung Als der Zweite Weltkrieg begann, wurde Gibraltar evakuiert. Der Großteil der Zivilbevölkerung musste die Halbinsel so schnell wie möglich verlassen. Die meisten wurden nach Marokko, Madeira, Jamaika, Nordirland und England verschifft. Viele der etwa 200 Juden kamen nach England. Etliche ließen sich dauerhaft dort nieder, doch einige kehrten nach dem Krieg in die Kronkolonie zurück. Viel Zuzug kam auch aus dem benachbarten Marokko. Der Einfluss auf die Gemeinde hält bis heute an, das sieht man auch auf den Speisekarten der koscheren Restaurants.

Als Spaniens Staatschef General Franco 1969 die Grenze zu Gibraltar schloss, um das von ihm beanspruchte Gebiet quasi auszuhungern, wandte sich die jüdische Gemeinde in ihrer Notlage an die marokkanischen Behörden.

Gibraltars Juden konnten dann von dort koscheres Fleisch einführen. Das tun sie bis heute, obwohl die Grenzen längst wieder offen sind und die Gemeinde in Marokko deutlich geschrumpft ist. Inzwischen kommt Koscher-Fleisch aber auch aus Spanien oder wird aus England eingeflogen.

Immer wieder bekennen sich die Juden Gibraltars öffentlich zu England: 2004, als die 300-Jahre-Feier der Zugehörigkeit Gibraltars zum englischen Mutterland gefeiert wurde, schloss sich wie selbstverständlich auch die jüdische Gemeinde diesen Feierlichkeiten an: In der Synagoge Schaar Haschamayim wurde die britische Nationalhymne »God save the Queen« auf Hebräisch gesungen – eine Weltpremiere.

brexit Nun, in unseren Tagen, sind auch Gibraltars Juden in die endlose Diskussion um den Brexit und seine Auswirkungen hineingezogen worden. Wie die übrigen Bewohner des Felsens stehen dem auch die jüdischen Landsleute skeptisch gegenüber, zeigen sich aber ebenso solidarisch mit London. Bei der Abstimmung über den Brexit 2016 votierten in Gibraltar mehr als 95 Prozent ablehnend, denn man ist auf offene Grenzen mit dem Nachbarn Spanien angewiesen.

Auch wenn man in jüdischen Geschäften und koscheren Restaurants neben Englisch und Hebräisch oft Spanisch hört, hält man auch in jüdischen Kreisen sehr wenig von Spaniens Ansprüchen auf das kleine Gebiet. »In puncto Gibraltar verwenden die Spanier noch immer die gleiche Rhetorik wie Franco in den 30er- und 40er-Jahren, das erschreckt uns sehr«, findet Douglas Ryan von der jüdischen Gemeinde.

Und dass die neue Rechtspartei Vox, die seit den Wahlen im November im nationalen Parlament ihre Fraktion deutlich verstärken konnte, diese Rhetorik praktisch im Wortlaut übernimmt, löst auch in der jüdischen Gemeinschaft Unbehagen aus.

In den Wochen vor der Wahl haben viele Juden Gibraltars besorgt nach London geblickt.

In den vergangenen Wochen vor der Unterhauswahl haben viele Juden in Gibraltar besorgt nach London geblickt. Die Möglichkeit, dass Labour-Chef Jeremy Corbyn mit seiner antiisraelischen und nicht selten antijüdischen Rhetorik die Wahlen gewinnen könnte, beschäftigte die Gemeinde sehr. Manche dachten schon darüber nach, dass sich dann die jüdische Zuwanderung an die Südspitze Europas verstärken könnte.

werbung Auch Douglas Ryan hätte das nicht ausschließen können. Spezielle Werbung habe die jüdische Gemeinde Gibraltars in England aber nicht gemacht. »Wer hierher ziehen möchte, ist uns auf jeden Fall sehr willkommen«, sagt Ryan. Allerdings ist der Wohnraum in dem knapp sieben Quadratkilometer großen Gebiet derart beschränkt, dass schon heute viele ins benachbarte billigere Spanien ausweichen.

In der prächtigen Nefusot-Jehuda-Synagoge, nur einige Schritte von der Main Street entfernt, haben sich am frühen Abend gut 70 Männer zum Gebet versammelt. Ein Junge geht mit einem Teller herum und sammelt Geld für Zedaka. »Wir haben hier noch viel Platz, nicht nur in der Synagoge«, sagt einer der Beter. »Wenn mehr Menschen aus England kommen wollen, rücken wir halt noch ein wenig zusammen.«

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