Spanien/Frankreich

Was geschah an Bord von Flug VY 8166?

Die Fluggesellschaft Vueling verwahrt sich entschieden gegen Vorwürfe des Antisemitismus Foto: IMAGO/CHROMORANGE

Wer hat Recht und wer lügt? Diese Frage ist auch eine Woche nach einem Vorfall am Flughafen der spanischen Stadt Valencia noch längst nicht abschließend beantwortet.

Eine Gruppe jüdischer Jugendlicher und ihre Begleiter waren vom Flug nach Paris ausgeschlossen worden. Beamte der Polizeitruppe Guardia Civil wurden herbeigerufen. Die legten der 21-jährigen Leiterin der Gruppe sogar Handschellen an. Mitglieder der Reisegruppe und ihre Eltern warfen der Fluglinie Vueling umgehend Antisemitismus vor. Die Organisation »Club Kineret«, die das Feriencamp in Spanien organisiert hatte, will deswegen die Fluggesellschaft Vueling verklagen.

Doch die verwahrt sich entschieden gegen Vorwürfe, sie habe die Jugendlichen wegen ihrer Religion diskriminiert. Alle Sicherheitsvorschriften und -protokolle seien rigoros eingehalten worden. Mitglieder der 52-köpfigen Reisegruppe hätten nach dem Einsteigen mehrfach Anweisungen missachtet, die Sicherheitsunterweisung des Kabinenpersonals gestört und die Notfallausrüstung an Bord manipuliert. Daher habe der Pilot die Polizei gerufen, um die Jugendlichen vom Flug auszuschließen.

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Auch politisch bleibt die Affäre ein Zankapfel. Spaniens Verkehrsminister Oscar Puente schrieb am Wochenende spöttisch in einem Post auf X, man werde doch wohl nicht den Behauptungen der »Niñatos israelíes«, zu Deutsch der »israelischen Gören« oder »Bengel«, Glauben schenken. Dass es sich um französische und nicht um israelische Minderjährige handelte, schien dem sozialistischen Politiker entgangen zu sein - oder es war für ihn ein und dasselbe. Puente löschte zwar seinen Post später wieder, entschuldigen für die Fehlleistung wollte er sich aber nicht.

Französische Regierung kritisiert spanischen Minister

Aurore Bergé, Frankreichs Ministerin für den Kampf gegen Diskriminierung, griff ihren spanischen Kollegen für seine Aussage scharf an. »Es handelte sich um eine Reisegruppe französischer Kinder, obwohl der spanische Verkehrsminister behauptet hat, die Kinder seien Israelis. Damit sagt er, dass wer Jude ist, automatisch Israeli ist. Als würde das die Schlechterbehandlung von Kindern, Jugendlichen oder Begleitern rechtfertigen.«

Eine Bagatellisierung von Antisemitismus werde man niemals akzeptieren, betonte Bergé am Mittwoch in einem Interview beim Fernsehsender TF1. Zuvor hatte sie sich gemeinsam mit ihrem Kollegen, Europaminister Benjamin Haddad, mit der Betreuerin des Ferienlagers getroffen.

Diese habe erneut betont, dass sich die Gruppe an Bord des Flugzeugs ordnungsgemäß verhalten habe, so die liberale Ministerin. Nach dem Gespräch sei man zu dem Schluss gekommen, dass »die übermäßige und brutale Gewaltanwendung der Guardia Civil gegenüber der jungen Frau« nicht gerechtfertigt gewesen sei. Die Reiseleiterin sei immer noch »extrem schockiert« und »terrorisiert« und für zwei Wochen krankgeschrieben.

»Für wen war sie denn eine Bedrohung?«, fragte Bergé. »Es ist schlimm, was da passiert. Es stimmt doch etwas nicht, wenn heutzutage Frauen, Männer und Kinder zur Zielscheibe werden, nur weil sie jüdisch sind.«

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Am Sonntag hatte sich auch das Büro des Antisemitismusbeauftragten der US-Regierung in die Angelegenheit eingemischt und mitgeteilt, man stehe »in engem Kontakt mit den zuständigen Behörden und den betroffenen Gemeinden«, und verlange »eine umfassende Untersuchung des Vorfalls«. Am Montag gab Vueling dann eine weitere ausführliche Stellungnahme zu dem Vorfall.  Man stehe in einem »regen Dialog mit den Institutionen und Behörden Spaniens und Frankreichs« und mit anderen Ländern und wolle Transparenz schaffen.

Fluggesellschaft: Besatzung hat sich an die Vorschriften gehalten

Vueling betonte erneut, dass seine Version der Geschehnisse an Bord mit jener der Guardia Civil übereinstimme. Demnach kam es während des Fluges VY 8166 zu Verhaltensweisen, die die Sicherheit der übrigen Passagiere an Bord gefährdet hätten. So hätten sich einige der Jugendlichen an den Schwimmwesten zu schaffen gemacht, die Sauerstoffmasken an der Decke manipuliert und sogar versucht, eine Sauerstoffflasche zu öffnen. Es handele sich dabei um eindeutige Verstöße gegen gesetzliche Regelungen zur Flugsicherheit, betonte Vueling. Zeugenaussagen von Passagieren hätte diese Version der Ereignisse bestätigt.

Trotz mehrfacher Warnungen durch die Besatzung sei das Fehlverhalten nicht eingestellt worden. »Die Reisegruppe wurde deshalb zur Sicherheit der übrigen Passagiere aus dem Flugzeug entfernt«, erklärte Vueling. Die Reiseleiterin sei deswegen kurzfristig verhaftet worden, weil sie den Beamten Widerstand geleistet habe.

Die Besatzung hingegen habe einzig und allein mit Blick auf die Sicherheit des Fluges gehandelt, betonte das Unternehmen. Ein Mitreisender, der anonym bleiben wollte, sagte dem spanischen Sender »La Sexta«: »Diese Jugendlichen fingen an, an den Notfallausrüstungen herumzufummeln, die Schwimmwesten unter den Sitzen hervorzuholen und die Klingeln zu betätigen, um das Kabinenpersonal zu rufen.«

Aussagen anderer Zeugen, die sich bereits vergangene Woche geäußert hatten, widersprechen dieser Schilderung aber diametral. Auch Club Kineret und die Jugendlichen selbst blieben bei ihrer Sicht der Dinge und versicherten, dass an Bord nichts vorgefallen sei, was eine derart drastische Maßnahme gerechtfertigt hätte. Schon beim Betreten des Flugzeugs habe seitens der Besatzung eine »feindselige Attitüde« geherrscht, so die Reisebegleiterin gegenüber den Ministern Aurore Bergé und Benjamin Haddad.

Jüdischer Unternehmer nimmt Flugkapitän in Schutz

Der Reiseveranstalter gab zudem an, mehrere Passagiere an Bord des Flugzeugs hätten unabhängig voneinander schriftlich bestätigt, dass die Kinder die Flugsicherheit in keinster Weise beeinträchtigt hätten.

Vueling versuchte hingegen, den Vorfall als einen von vielen darzustellen. Die Fluggesellschaft gab an, ihr Personal sei besonders für Konfliktsituationen geschult. In den letzten zwei Jahren habe es fast 1800 Vorfälle mit problematischen Passagieren gegeben. 680 hätten ein polizeiliches Eingreifen erfordert. Ob Videoaufnahmen von den Vorgängen an Bord vorliegen, ist bislang nicht bekannt. Teilnehmer des französischen Ferienlagers hatten angegeben, sie seien aufgefordert worden, alle Videos auf ihren Handys zu löschen.

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Und auch die Person des Kapitäns des Fluges sorgte zeitweise für Aufregung: Vueling selbst hatte Gerüchte in den sozialen Netzwerken bestätigt, dass es sich um Iván Chirivella gehandelt habe. Chirivella war Pilotenausbilder von zwei Attentätern der Anschläge des 11. September 2001 in den USA. Er schrieb später ein Buch darüber.

Der argentinisch-spanische Unternehmer Martín Varsavsky, der selbst jüdisch ist, Chirivella eine zeitlang als Privatpilot beschäftigt und nach dem Vorfall in Valencia mit ihm gesprochen hatte, sagte in einem von ihm auf X veröffentlichten Video, die Version des Flugkapitäns klinge plausibel. Er lege seine Hand ins Feuer, dass Chirivella kein Antisemit sei, so Varsavsky. Denn er sei wiederholt nach Israel geflogen und deswegen auch »vom Mossad überprüft« worden. Hingegen sei der spanische Verkehrsminister eindeutig ein Antisemit, sagte der Unternehmer.

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