Polen

Warmer Abriss in Warschau

Denkmalschützer: Janusz Sujecki (r.) vor Janusz Korczaks ehemaligem Gymnasium Foto: Gabriele Lesser

Polen

Warmer Abriss in Warschau

Im ehemaligen jüdischen Viertel im Stadtteil Praga häufen sich die Brandstiftungen

von Gabriele Lesser  17.01.2012 15:54 Uhr

Immer wieder brennt es. Mal qualmt es aus einem Keller, mal lodert das Feuer auf einem Dachboden. In Alt-Praga, dem einstigen jüdischen Viertel Warschaus auf der rechten Weichselseite, laufen die Bewohner jede Nacht Patrouille. Sie fürchten um ihr Leben. Brandstifter sind unterwegs. »Die Juden«, nuschelt ein fast zahnloser Alter mit verschwörerischer Miene. »Jetzt, wo hier die Metro gebaut wird, kommen sie zurück und wollen ihre Häuser wiederhaben.«

»Das ist Unsinn«, schnaubt Jakub Gawlikowski vom Verteidigungskomitee der Mieter. »An den Bränden sind doch nicht die Juden schuld! Im Gegenteil: Die helfen uns doch sogar!« Tatsächlich hoffen die letzten Mieter der Sierakowskastraße 4, dass ihr Haus unter Denkmalschutz gestellt wird.

Hier ging einst Janusz Korczak zur Schule, der berühmte Arzt und Pädagoge, der im Warschauer Ghetto den Waisenkindern half und im August 1942 – als die Nazis das Ghetto auflösten – zusammen mit 200 Kindern ins Vernichtungslager Treblinka deportiert wurde. 1898 legte der junge Korczak, damals noch unter dem Namen Henryk Goldszmit, im König-Wladyslaw-IV.-Knabengymnasium sein Abitur ab. Hier verfasste er seine ersten Artikel über Kindererziehung und Schulbildung, ein Thema, das ihn zeit seines Lebens nicht mehr loslassen sollte.

Investoren Mehrere jüdische Organisationen wollen das heute baufällige Haus aus dem 19. Jahrhundert vor dem Abriss retten und unter Denkmalschutz stellen lassen. Denn aus der Jugendzeit Korczaks sind außer der ehemaligen Schule im Warschauer Stadtteil Praga keine weiteren Spuren übrig geblieben.

Doch genau hier soll der Hafenkomplex Praga entstehen, eine Großinvestition, die dem rechten Warschauer Weichselufer ein modernes Gesicht geben soll. Sobald die letzten beiden Mietparteien ausgezogen sind, wird das Haus gesprengt. Einen Räumungsbefehl haben sie bereits.

»Solange die Stadt mir keine Sozialwohnung zuweist, ziehe ich nicht aus«, regt sich eine der Bewohnerinnen auf. »Eher sterbe ich hier!«, setzt sie wütend hinzu. »Vielleicht schon morgen oder übermorgen? Wer weiß?« Ende Oktober schleppte jemand alte Reifen in den Keller der Sierakowskastraße und zündete sie an.

»Ich habe geschlafen und den dicken schwarzen Rauch gar nicht bemerkt.« Der abgehärmt aussehenden Frau zittern die Lippen, als sie sagt: »Wenn die Straßenreinigung nicht die Feuerwehr gerufen hätte, wäre ich jetzt wohl schon eine verkohlte Leiche.«

Janusz Sujecki, ein engagierter Denkmalschützer, unterstützt die Mieter in der Sierakowskastraße. »Der Sejm hat das Jahr 2012 zum Korczak-Jahr erklärt. Da kann man doch nicht gleich zu Beginn die Schule in die Luft jagen, an der Korczak Abitur gemacht hat!« Sujecki fürchtet allerdings, dass die Brandstifter demnächst auch die beiden Häuser an der Targowastraße 50/52 abfackeln könnten. »Hier war einst eine Synagoge, besser gesagt ein privates Gebetshaus, ein Schtibl für orthodoxe Juden.«

Unbeschadet Früher habe man immer erzählt, dass die Nazis nach der Niederschlagung des Warschauer Aufstands 1944 die Stadt vollständig zerstört hätten. Aber das sei nur die halbe Wahrheit. »Zerstört wurde zwar die Altstadt auf der linken Weichselseite, doch Praga hat den Krieg weitgehend unbeschadet überstanden, auch das jüdische Viertel.«

Allein in der Targowastraße hat es im vergangenen Jahr über 20 Mal gebrannt. »Das ist das Herzstück des alten jüdischen Warschaus«, sagt Sujecki. »Im Rothblith-Haus werden gerade alte Fresken renoviert, die Tierkreiszeichen aus dem hebräischen Kalender und Juden beim Gebet an der Klagemauer in Jerusalem zeigen.« In zwei Jahren soll hier das Historische Museum Pragas öffnen.

Bislang konnte die Polizei lediglich einen Brandstifter verhaften. Der 18-Jährige scheint zum ersten Mal in seinem Leben ein Feuer gelegt zu haben. Bei seiner Vernehmung gab er kein Motiv an. Er habe die Kleider und das alte Bett »einfach so« abgefackelt. Sujecki ist wie die meisten Einwohner Pragas überzeugt, dass die vielen Brände in der letzten Zeit mit der U-Bahn und den neuen Investitionen zusammenhängen.

»Der Metrobau lässt die Immobilienpreise steigen«, sagt Sujecki. »Das war auf der anderen Weichselseite auch so.« Allerdings habe es dort nicht gebrannt. »Wer hätte gedacht, dass durch die Metro das alte jüdische Viertel Pragas in Rauch und Flammen aufgehen könnte?«

USA

Top-Cop im Dilemma

Jessica Tisch, New Yorks erste jüdische Polizeipräsidentin, bleibt auch unter dem antizionistischen Bürgermeister Zohran Mamdani im Amt – zumindest vorerst

von Katja Ridderbusch  18.01.2026

USA

Old Shul

Bundesrichter Alvin K. Hellerstein leitet das Verfahren gegen Venezuelas Ex-Präsidenten Nicolás Maduro. Er ist 92 Jahre alt und orthodoxer Jude

von Michael Thaidigsmann  18.01.2026

Italien

Licht der Erinnerung

Die Juden Lecces wurden 1541 aus dem Königreich Neapel vertrieben. Fast 500 Jahre später wird ihre Geschichte in dem kleinen »Museo Ebraico« zu neuem Leben erweckt – dank zweier engagierter Familien

von Lydia Bergida  17.01.2026

Der Eruv kann auch teilweise aus ergänzten bei der Sigi-Feigel-Terrasse

Schweiz

Ein Eruv für Zürich

Unsichtbar im Stadtbild, spürbar im religiösen Alltag. Die größte jüdische Gemeinschaft der Schweiz spannt einen symbolischen Faden – und macht jüdisches Leben sichtbarer

von Nicole Dreyfus  16.01.2026

England

Maccabi-Fan-Bann: Ministerin entzieht Polizeichef das Vertrauen

Ein Bericht zum Agieren der West Midlands Police beim Ausschluss von Fans des israelischen Vereins Maccabi Tel Aviv vom Spiel gegen Aston Villa hat schwere Fehler zutage gefördert

 15.01.2026

Irak

Humor als Waffe

Elizabeth Tsurkov berichtet über ihre 903 Tage als Geisel einer pro-iranischen Terrormiliz und was ihr beim Überleben half

von Michael Thaidigsmann  15.01.2026

Auszeichnung

Vier Deutsche mit Obermayer Awards ausgezeichnet

Seit dem Jahr 2000 verleiht die amerikanische Obermayer-Stiftung jährlich einen Geschichtspreis an Heimatforscher und Gedenk- und Aufarbeitungsprojekte in Deutschland. In diesem Jahr werden vier Personen und eine Initiative geehrt

 13.01.2026

Nachruf

Zum »idealen arischen Baby« erklärt: Hessy Levinsons Taft gestorben

Der Fotograf sagte Tafts Familie damals, er habe bewusst das Foto eines jüdischen Kindes eingereicht, um die Rassenideologie der Nazis ad absurdum zu führen

von Imanuel Marcus  13.01.2026

Jackson

Brandanschlag auf Synagoge in Mississippi

Zwei Torarollen hat das Feuer vollständig zerstört. Der Verdächtige wurde vom FBI gefasst. Er bezeichnete das Gebäude während eines Verhörs als »Synagoge Satans«.

 12.01.2026 Aktualisiert