Die Treppe, die ins Versteck hinaufführt, ist eng und steil, das Zimmer etwa acht Quadratmeter groß. Hier stand Anne Franks Bett, das für sie viel zu kurz war; den Kopf musste sie nachts auf Stühle betten. Der Raum ist dunkel, um die alte Tapete und die zahlreichen Bilder, die darauf kleben, zu schützen - Ausschnitte aus bunten Illustrierten, von Schauspieler Heinz Rühmann oder dem niederländischen Filmstar Lily Bouwmeester. Anne Frank hat sie vor mehr als 80 Jahren darauf geklebt.
Die Bilder gehören zu den Dingen, die Josefine, 13 Jahre alt, beim Gang durch das Hinterhausversteck besonders beeindrucken - neben der Enge der Räume. »Cool, dass sie Stars an den Wänden hängen hatte«, sagt die junge Berlinerin, die an diesem warmen Wochenende Amsterdam besichtigt und auch das Hinterhausversteck besucht. Sie kann Annes Faszination für Berühmtheiten gut verstehen - hat sie doch selbst zu Hause in ihrem Zimmer ein großes Taylor-Swift-Plakat, wie sie erzählt.
12. Juni: Anne Franks 97. Geburtstag
Am 12. Juni wäre Anne Frank, die sich als Jüdin mehr als zwei Jahre vor den Nazis in einem Hinterhaus in Amsterdam verstecken musste, 97 Jahre alt geworden. Doch es kam anders: Das Versteck wurde entdeckt, die acht untergetauchten Menschen in Konzentrationslager deportiert. Anne Frank starb im Februar 1945 mit 15 Jahren an den Folgen ihrer Lagerhaft in Bergen-Belsen, genau wie ihre Schwester Margot. Ihre Mutter Edith starb in Auschwitz. Einzig Annes Vater Otto Frank überlebte.
Rund 1,2 Millionen Menschen besuchen Anne Franks Hinterhausversteck pro Jahr; die meisten kommen aus den USA (24 Prozent), gefolgt von Großbritannien (15 Prozent) und den Niederlanden (10 Prozent). Deutschland - die Täternation - liegt zusammen mit Frankreich erst an vierter Stelle (jeweils sieben Prozent). Etwa 40 Prozent der Besucher sind nach Zahlen von 2024 unter 30 Jahre alt. Tickets müssen in der Regel online gebucht werden - etwa zwei Monate im Voraus.
Teenager identifizieren sich mit Anne
Wie ist es, in diesen Tagen ein Teenager zu sein - wie Anne - und das Museum zu besichtigen? »Ich finde es so traurig«, sagt die 14-jährige Anna aus Großbritannien, die zusammen mit ihren Eltern und ihrer kleinen Schwester Sasha gekommen ist. »Immer muss ich denken: Sie war so alt wie ich, als sie sich hier verstecken musste.« Sie könne sich gut mit Anne identifizieren - zumal sie auch noch einen ähnlichen Vornamen habe.
Emma aus Österreich findet es »besonders spannend, dass Anne und ihre Familie es geschafft haben, sich so lange zu verstecken«. Ihr Vater nimmt mit, dass die ganz normalen Lebenshürden auch bei den Untergetauchten nicht einfach aussetzten. Er sagt: »Auch im Versteck gab es die Pubertät.«
Alltagssorgen und erste Liebe von Anne Frank
Wie es ist, erwachsen zu werden: Das hat Anne Frank - neben allen Alltagsproblemen des Untertauchens von der verstopften Toilette bis zur kargen Kost - sehr lebendig geschildert. Ihre Aufzeichnungen befassen sich mit Politik, Religion, der ersten Liebe, sexueller Aufklärung, der Beziehung zu ihren Eltern und eigenem Fehlverhalten.
Vater Otto Frank sagt in einem Interview, das als Video im Museum zu sehen ist, er selbst sei überrascht gewesen von den überaus differenzierten Gedanken Annes - obwohl er ein sehr gutes Verhältnis zu seiner Tochter gehabt habe. »Daraus schloss ich, dass die meisten Eltern ihre Kinder nicht wirklich kennen«, so Frank.
Gespräche mit ihm, den Helfern der Untergetauchten sowie Freundinnen von Anne Frank werden in die Audioguides der Besucherinnen und Besucher eingespielt. Sie lotsen Jung und Alt durch das Museum. Für Kinder zwischen zehn und fünfzehn Jahren gibt es eine spezielle Audioführung, die das Versteck aus Annes Sicht erklärt. Originalküche, Gebetbuch, Tagebuch im Museum
Nur der Besuch des eigentlichen Verstecks, der vier kleinen Räumen im Hinterhaus, wird nicht per Audioguide kommentiert. Räume und Ausstellungsstücke sprechen für sich. Neben der Originalküche sind dort etwa auch Lateinstudien von Annes Schwester Margot oder ein hebräisches Gebetbuch von Mutter Edith zu sehen. Am Ende kann der Besucher dann das Original-Tagebuch in seinem rotweißen Einband hinter Glas besichtigen. »Das hat mich sehr berührt«, sagt Schülerin Josefine.
Die Ruhe im Museum ist erstaunlich - und auch die Geduld, mit der sich die Gäste in die Schlange einreihen. Allen scheint die besondere Stimmung dieses Ortes bewusst zu sein. Im Gänsemarsch geht es leise durch die Räume.
Viele Filme, Graphic Novels und sogar Bilderbücher gibt es über Anne Frank. Warum ist es trotzdem sinnvoll, das Original zu lesen? Dina Blauhorn, Leiterin des Anne-Frank-Zentrums in Berlin, erklärt: »Es gibt Jugendlichen die Möglichkeit, sich mit einer authentischen historischen Quelle und mit der Gedankenwelt einer Jugendlichen auseinanderzusetzen, die als Jüdin von den Nationalsozialisten verfolgt wurde.« Zudem sei der Text sehr anschaulich formuliert - und deshalb weiterhin interessant für junge Leute: »Das bekommen wir immer wieder gesagt.«
Antisemitische Kommentare auf Social Media
Dennoch: Die Anne-Frank-Museen in Amsterdam und Berlin kämpfen auch mit Antisemitismus: »Immer wieder« komm es vor, dass antisemitische Kommentare auf den Mitmachstationen hinterlassen werden», so Blauhorn. Ähnlich sei es bei Gedenkposts auf Social Media, insbesondere auf Facebook. Ähnliches berichtet das Museum in Amsterdam. «Die Besuche sind in der Regel respektvoll und gehen gut vonstatten. Online, auf den Social-Media-Kanälen, stoßen wir durchaus auf antisemitische Kommentare», sagt eine Sprecherin.
Grundsätzlich werden laut Angaben aber beide Museen nach wie vor gut angenommen - auch von Jugendlichen. «Es ist wichtig, heutzutage zu wissen, was damals passiert ist», findet Schülerin Josefine. Sie habe es als besonders erschütternd empfunden, dass der Krieg fast schon zu Ende war, als die Hinterhausbewohner starben - Peter van Pels, in den sich Anne während des Untertauchens verliebte, sogar erst einen Tag nach Kriegsende im Mai 1945.
Anne Frank als Vorbild
«Mit Schreiben werde ich alles los. Mein Kummer verschwindet, mein Mut lebt wieder auf», schreibt Anne Frank, die sich trotz allem nie unterkriegen ließ, am 5. April 1944. Und an anderer Stelle mit Blick auf ihre Einträge: «Ich will fortleben nach meinem Tod.»
Bea, 12 Jahre alt, fühlt sich von Anne inspiriert. Sie wolle fortan selbst Tagebuch führen, sagt die junge Britin nach dem Besuch des Museums - und formuliert ganz ähnlich wie diese damals: «Damit die Menschen etwas von mir wissen, wenn ich gestorben bin.»