Herr Baddiel, als Frank Skinner und Sie damals von den Lightning Seeds gebeten wurden, den Text zu »Three Lions« zu schreiben. Haben Sie da insgeheim gedacht: Dieser Song wird uns noch jahrelang begleiten?
Nein. Ich glaube, wir haben uns damals einfach nur gewünscht, dass das Lied bei den Fußballfans wirklich gut ankommt und vielleicht auf den Tribünen gesungen wird. Genau so war es ja dann bei der EM 1996 – und seitdem immer wieder. So etwas hatte es mit einem Fußball-Popsong zuvor noch nie gegeben. Dass es 30 Jahre später immer noch gesungen werden würde, damit haben wir allerdings nicht gerechnet. Wenn das Lied heute nach England-Spielen gespielt wird, ist das natürlich wunderbar. Ich sitze dann meist mit Frank Skinner in meinem Haus in London (wir schauen die Spiele immer zusammen) – und dann höre ich in den Stadien auf der ganzen Welt wie Leute mit meiner schrecklichen Stimme mitgrölen, sogar im Azteca-Stadion. Interessant ist aber vor allem die Zeile »Thirty years of hurt« in der Mitte des Songs. Ich frage mich jedes Mal, wie viele der Mitsingenden das inzwischen einfach in »sixty« umändern.
Sie haben kürzlich in einem Instagram-Post darüber gesprochen, dass »Three Lions« eine Art Wende bei Fußball-Songs beschrieben hat. Was meinen Sie damit?
Zunächst einmal ist da natürlich die großartige Musik von Ian Broudie. Die Melodie steckt voller Sehnsucht und Leidenschaft. Als Frank und ich den Text schrieben, war unser oberstes Prinzip, dass die Worte die tatsächliche Erfahrung der England-Fans widerspiegeln sollten. Es hatte zuvor viele England-Popsongs gegeben, und im Grunde sagten sie alle nur: »Wir werden gewinnen!« – was sich fast immer als falsch herausstellte. Deshalb schrieben wir ein Lied über die Wahrheit: England-Fans gehen traditionell in solche Turniere mit der Erwartung, am Ende doch zu verlieren oder vielleicht ganz nah zu kommen, aber eben nicht ganz bis zum Ziel. Aber trotz allem sind wir nicht unterzukriegen. Wir hoffen weiter und klammern uns an die fast magische Vorstellung, dass wir es diesmal vielleicht doch schaffen. Das ist der Gemütszustand eines Fußballfans. Und genau das – zusammen mit den vielen Bezügen zur englischen Fußballgeschichte – hat bei den Fans einen Nerv getroffen. Außerdem ist »Three Lions« ein Fußballlied par excellence. Im Laufe der Jahre haben England-Fans zwar auch andere Songs zu ihren Siegesfeiern gemacht – etwa »Sweet Caroline« oder zuletzt »Wonderwall«. Das sind großartige Popsongs, aber eben keine Fußballlieder. Ich mag außerdem, dass »Three Lions« kein Liebeslied ist, das für den Fußball zweckentfremdet wurde, sondern ein echtes Liebeslied an den Fußball.
Kurüzlich wurden sogar englische Fans an der Kotel gesehen, die ein T-Shirt mit »I still believe« und den Three Lions trugen. Berührt Sie das irgendwie?
Ich bin mir nicht sicher, warum das jetzt speziell jüdisch sein sollte. »We Still Believe« war der Refrain von »Three Lions ’98«, das wir zwei Jahre nach der EM 1996 veröffentlicht haben. Es handelte davon, dass wir trotz der Niederlage weiterhin an unser Team glauben. Interessant finde ich allerdings, dass dieses sehr englische Lied, das inzwischen so etwas wie eine alternative Nationalhymne Englands geworden ist, von zwei Juden (Ian und mir) und einem Katholiken irischer Abstammung (Frank) geschrieben wurde. Ich glaube, wenn man aus einer Einwandererfamilie stammt, dann wird Fußball und die Unterstützung der englischen Nationalmannschaft zu einer Möglichkeit, dazuzugehören.

Einige Fans waren sogar als Löwen verkleidet. Falls England das Finale erreicht – mit wem zusammen würden Sie gern ein Löwe sein?
Natürlich müssten das Ian und Frank sein. Allerdings sind wir inzwischen alle ziemlich alt, und ich fürchte, dass wir bei der Hitze in den USA in diesen Kostümen schon vor dem Schlusspfiff in Ohnmacht fallen würden. In meinem Podcast spreche ich auch darüber.
Und jetzt der Tipp für Halbfinale am Mittwoch: England oder Argentinien?
Also ich glaube immer noch daran. Viel wird von Messi abhängen. Er ist nach wie vor ein außergewöhnlicher Spieler. Aber inzwischen kann man ihn auch in den Griff bekommen.
Die Fragen an David Baddiel stellte Katrin Richter.