Sport

Trauer um Gretel Bergmann

Ihre Geschichte hat sie viele Jahre lang nicht erzählt: Margaret Lambert (1914–2017) Foto: Sebastian Moll

Berlin 1936, das sind der Ort und das Jahr, die das Leben von Margaret Lambert, die als Margaret Bergmann geboren wurde, in zwei Hälften teilten. Es war die Chiffre, die für sie ewig den Moment markierte, an dem die große Weltpolitik sie zum Spielball machte.

Die Tochter eines jüdischen Fabrikanten aus der schwäbischen Kleinstadt Laupheim besuchte damals eine Sportakademie in England. Man hatte der talentierten Leichtathletin dazu geraten – so lange, bis der Nazi-Spuk vorbei sein würde, wie es hieß.

Gretel Bergmann wurde als eine von drei Alibi-Juden in der deutschen Olympiamannschaft auserkoren, zusammen mit den »Halbjuden« Helene Mayer und Rudi Ball. Ihre Berufung in die »Kernmannschaft« sollte einen Boykott durch die USA verhindern.

Olympia Bergmann ging nach Stuttgart und bereitete sich dort artig auf Olympia vor, wohl wissend, dass es zu einem Start ja doch nie kommen würde. »Ein jüdisches Mädchen vor 100.000 Zuschauern, womöglich eine Siegerehrung, bei der Hitler mir hätte gratulieren müssen? Das wäre nie passiert.« »That wouldn’t fly«, sagte sie, die sich bis ins hohe Alter weigerte, Deutsch zu sprechen. Fortan lebte sie in ständiger Sorge darum, wie die Nazis sie wohl stoppen würden. »Ich habe mit dem Schlimmsten gerechnet.«

Es ging schließlich relativ glimpflich ab. Am 16. Juli 1936 bekam Gretel Bergmann einen Brief aus Berlin, dass ihre Leistungen eine Nominierung für die olympischen Wettbewerbe nicht rechtfertigen würden. Und das, obwohl sie den letzten Wettbewerb mit einem Vorsprung von 20 Zentimetern vor der Zweitplatzierten gewonnen hatte. Einen Tag zuvor, am 15. Juli, hatten die US-Athleten in New York den Dampfer nach Deutschland bestiegen.

New York Von den Berliner Spielen selbst bekam Gretel Bergmann nichts mehr mit. Sie weiß nicht einmal mehr genau, wo sie sich während der Zeit aufgehalten hat. »Ich glaube, ich bin nach Baden-Baden gefahren. Ich wollte nur weg von allem.« Ihr geliebter Sport, von den Nazis so übel missbraucht, war ihr inzwischen egal, sie wollte nur noch eines – raus aus Deutschland. Kurz darauf war sie unterwegs nach New York.

Als Gretel Bergmann in New York ankam, war sie 24 Jahre alt und voller Bitterkeit. Die Welt ihrer Kindheit und Jugend, die sie als heil und glücklich empfunden hatte, war unwiederbringlich verschwunden. Die Welt, in der die behütete Industriellentochter nach Herzenslust im Sportverein in Laupheim laufen, springen, schwimmen und Fußball spielen konnte und wo sie für alle nur die Gretel war und keine Jüdin. »Religion hat in unserem Haus keine Rolle gespielt«, sagte sie. 1938 kam ihr Verlobter und späterer Ehemann Bruno, auch er ein Sportler, in die USA. 1939 dann auch die Eltern.

spielfilm 2009 kam der Spielfilm Berlin 36 über ihre Lebensgeschichte in die Kinos, und auf einmal wollte jeder mit ihr sprechen. 65 Jahre lang hatte sie vorher in völliger Anonymität in Queens ihr Leben gelebt. Trotzdem sagte sie: »Es hat gutgetan, dass meine Geschichte bekannt wurde«, allen Ungenauigkeiten zum Trotz. Es hat Entschuldigungen vom IOC und vom deutschen Nationalen Olympischen Komitee gegeben sowie Einladungen nach Deutschland.

»Ich habe gesehen, dass die jungen Deutschen etwas aus all dem gelernt haben. Man war ungeheuer nett zu mir.« Ein Stadion in Laupheim und eine Schule in Hamburg wurden nach ihr benannt. »Wenn die wüssten, wie schlecht ich in der Schule war, hätten sie das nie gemacht«, witzelte die alte Dame.

Am Dienstag ist Margaret Bergmann-Lambert im Alter von 103 Jahren in New York gestorben.

Essay

Der Druck der Straße: Kann Frankreich seine Juden noch schützen?

Eine Republik, die ihre Rathäuser nicht schützen kann, wird auch ihre Juden nicht mehr lange beschützen können, meint unser Gastautor

von Rabbiner Pinchas Goldschmidt  23.10.2026

Rom

Papst vor AJC-Delegation: »Kirche duldet keinen Antisemitismus«  

Erstmals empfing Leo XIV. im Vatikan eine Delegation des American Jewish Committee - und betonte in seiner Ansprache, dass der interreligiöse Dialog zum Weltfrieden beitrage

 22.10.2026

New York

Magische Juden

Handleser, Geisterbeschwörer, Wahrsager und Wunderheiler: Eine neue Ausstellung beleuchtet die Lust am Okkulten

von Eva C. Schweitzer  21.10.2026

Interview

»Die Situation in Irland ist besonders dramatisch«

Daniel Botmann, der Geschäftsführer des Zentralrats der Juden in Deutschland, spricht über seine jüngsten Besuche in Irland und Großbritannien und die Zusammenarbeit innerhalb der J7-Gruppe der großen jüdischen Gemeinden weltweit

von Michael Thaidigsmann  21.10.2026

London

Jüdinnen auf offener Straße angegriffen

Die Opfer wurden im Stadtteil Clapton Common ins Gesicht geschlagen

 21.10.2026

Israel

»So wollte ich nicht sterben«

Der indische Kapitän des »Fly Dubai«-Fluges schildert erstmals ausführlich, was sich an Bord abspielte

 20.10.2026

Kommentar

Eine unheilvolle Allianz

Wenn wie in Frankreich die radikale Linke und Islamisten Juden für Israels Politik verantwortlich machen, ist eine Grenze überschritten

von Simone Rodan  20.10.2026

Frankreich

Anarchie und Antisemitismus

Was mit Schülerprotesten gegen schlechte Lernbedingungen begann, hat sich zu gewalttätigen politischen Unruhen ausgewachsen, befeuert von Judenhass

von Laura Sahin  19.10.2026

Dave Rich

»Jüdische Studierende schweigen oft«

Der Antisemitismus-Experte über zunehmenden Judenhass an Universitäten, mangelnde Sicherheit im Alltag und die extreme Rechte in Großbritannien

von Nicole Dreyfus  19.10.2026