Schweiz

Talmud und Trommelwirbel

In diesem Jahr waren die Olympischen Winterspiele in Sotschi Thema: Uri Weill (21) im goldenen Skianzug Foto: Peter Bollag

Am Montag Punkt vier Uhr morgens in der Altstadt von Basel: Mit dem traditionellen »Morgenstraich« beginnt die Fasnacht. Es ist die größte protestantische Veranstaltung dieser Art – sie findet einige Tage nach Aschermittwoch statt, um sich vom Maskentreiben in den bekannten katholischen Städten zu unterscheiden.

Unter den Tausenden Teilnehmern gab es dieses Jahr einen, der sich das Vergnügen sauer verdienen musste: der 21-jährige Uri Weill. Anders als fast alle Fasnächtler, die entweder in einer Clique – so heißen die einzelnen Formationsgesellschaften – das Jahr hindurch die Übungsstunden besuchten, um auf dem Piccollo oder der Trommel, den beiden wichtigsten Fasnachtsinstrumenten, traditionelle Märsche zu üben, die bei dem dreitägigen Fest gespielt werden, musste Weill das heimlich und ganz für sich allein im Ausland tun. Der jüdische Basler lernt nämlich seit vergangenem Sommer auf der Jeschiwa Maale Adumim in der Nähe von Jerusalem.

»Als ich mich auf der Jeschiwa anmeldete, war mir klar, dass ich trotzdem nicht auf mein Hobby, die Fasnacht, verzichten wollte«, sagt Weill. Und so bastelte er sich schon kurz nach seiner Ankunft in Israel eine spezielle Vorrichtung, um mit seinen geliebten Trommelschlegeln üben zu können: eine Art Gummiaufsatz, damit die Trommelwirbel möglichst wenig Lärm machen und seine Kommilitonen an der Jeschiwa nicht stören.

koMMilitonen »Einige Male haben es meine Nachbarn und die Jungs, mit denen ich das Zimmer teile, aber trotzdem mitbekommen«, erzählt er schmunzelnd. Er sei dann nicht umhingekommen, seinen Kameraden zumindest ansatzweise die Basler Fasnacht zu erklären – kein einfaches Unterfangen. »Fast alle meiner Jeschiwa-Kollegen sind Israelis oder Amerikaner. Und die meisten bewegen sich nahezu ausschließlich in einer jüdischen und zudem meist orthodoxen Welt.« Ihnen zu erklären, wie ein religiöser Jude sich für die Fasnacht begeistern kann, sei ein wenig schwierig gewesen, sagt Weill.

Dennoch war er überrascht über die Reaktionen: »Abfällig oder negativ hat sich keiner geäußert.« Nur ein Mal habe sich ein Mitstudent über ihn geärgert. Das sei gewesen, als Weill spätnachts mit den Schlegeln seinen Spind »bearbeitete«, um einen bestimmten Marsch zu üben: »Er schickte mir eine SMS, ich solle sofort aufhören, solchen Lärm zu machen.«

Also verlegte Uri seine Übungsstunden auf den Tag: »Das war ganz und gar ohne Probleme möglich, stellte ich schnell fest. Es gibt immer wieder einmal freie Zeit, die ich so gut fürs Üben nutzen konnte.« Zu Hilfe kommt dem jungen Basler dabei sicherlich auch, dass die Jeschiwa eine modern-orthodoxe ist und auch andere Studenten ebenfalls seltene Hobbys haben. Nicht wenige spielen ein Instrument, das sie in Maale Adumim auch üben, genau wie Uri Weill.

Üben Dass er auch auf der Jeschiwa mit dem Trommeln nicht aufhörte, war für eine Teilnahme an der Fasnacht unabdingbar. Rund drei bis vier Jahre intensiven Übens sind nötig, bis der Spieler das schwere Instrument so beherrscht, dass er eine ganze Fasnacht mitmachen kann. Ein Jahr lang mit dem Üben auszusetzen und dann trotzdem bei der Fasnacht dabei zu sein, ist nicht möglich. Schließlich bestreitet eine Clique die Fasnacht mit mehr als 20 verschiedenen Märschen – und die müssen sicher beherrscht werden. Uri musste sich also fit halten.

Allerdings fiel das Trommeln in diesem Jahr kürzer aus als üblich: Denn die Fasnachts-Clique »Olympia«, bei der Uri seit seinem 14. Lebensjahr Mitglied ist, verzichtete am Montag und am Mittwochnachmittag darauf. Stattdessen marschierte sie in goldenen Skianzügen durch die Stadt. Bei den »Olympern«, die nichts mit den Olympischen Spielen zu tun haben, auch wenn sie als Fasnachtsthema in diesem Jahr Sotschi wählten, fühlt Uri sich, wie er sagt, überaus wohl: »Die Leute dort haben mich von Anfang an akzeptiert.« Und dies, obwohl er als religiöser Jude an einigen Aktivitäten der Clique nicht teilnehmen kann.

Wenn die Mitglieder sich, wie es bei allen Fasnachtsformationen üblich ist, an den drei Abenden in ein Restaurant oder eine Kneipe zurückzogen, um sich für die lange Nacht mit Essen und Trinken zu stärken, dann verabschiedete sich Uri vorübergehend. In einem neutralen Raum oder einem der beiden Koscher-Restaurants der Stadt traf er seine Familie und aß mit ihnen. Nach spätestens zwei Stunden kehrte er dann zu seiner Clique zurück, um den zweiten Teil des Abends und der Nacht mit ihnen zu verbringen. In einer Gesellschaft von rund 90 bis 100 Leuten fällt dies nicht besonders auf. Religiöser Jude an der Basler Fasnacht zu sein, das bedeutet eben auch, auf manches zu verzichten.

Fasten Nach genau 72 Stunden war das Maskentreiben am Donnerstag früh um vier Uhr zu Ende. Für Trommler Uri bedeutete das: im Eiltempo nach Hause zu seinen Eltern gehen, sich umziehen, duschen – und sofort nach Israel zurückfliegen. Denn ebenso wenig wie er sich die Fasnacht in Basel entgehen lassen wollte, will er auf das Purimfest in Maale Adumim verzichten: »Alle haben mir erzählt, wie fröhlich und ausgelassen das in der Jeschiwa gefeiert wird.« Darum nimmt es Uri in Kauf, einige Stunden weniger zu schlafen, um in einer einzigen Woche sowohl Fasnacht als auch Purim zu feiern – und dazwischen, an »Taanit Esther«, zu fasten.

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