Wien

Sieben Tage vermisst

Mali (l.) und Liel Yahalomis Reise führte sie zuerst nach Prag. Der Familie schickten sie Fotos und Videos – wie dieses von einer der Moldaubrücken. Foto: Israelische Botschaft Wien

»Letztendlich gab es ein gutes Ende, und das ist das Wichtigste«, sagte Walter Alejandro Kogan, Polizeikommissar und Vertreter der israelischen Polizei in Südamerika. Er war es, der die beiden Israelinnen Mali und Liel Yahalomi, die am 7. August in Wien verschwanden, genau eine Woche später in einem Fernbus in Argentinien aufspüren sollte. Sieben Tage lang hat das Verschwinden der 50-jährigen Mutter und ihrer 23-jährigen Tochter aus Modi’in die jüdische Welt in Atem gehalten. Viele befürchteten das Schlimmste. Vor allem die Familie in Israel.

Für die religiös-traditionell lebenden Angehörigen begann die Geschichte am Sonntag, den 9. August. Sie schlugen Alarm, als sich die beiden Frauen nach Schabbat-Ende nicht mehr meldeten. Dabei sei in den WhatsApp-Nachrichten noch ein Häkchen zu sehen gewesen. In Angst und größter Sorge wendeten sie sich an Polizei und Medien.

Malis Bruder flog sofort nach Wien

Mali Yahalomis Bruder Ronen flog gleich nach Wien, um die Ermittlungen zu unterstützen. Unter Tränen baten Malis Schwestern die Öffentlichkeit um Mithilfe bei der Suche. In Wien und Umgebung wurden die Fahndungsfotos in den jüdischen Gemeinden schnell weitergereicht. In einem Europa, wo offener Antisemitismus an der Tagesordnung und in der Öffentlichkeit gesprochenes Hebräisch Grund für tätliche Angriffe ist, ist die Angst groß, dass die beiden Opfer von Judenhass geworden sein könnten. Aus guten Gründen kennt die schreckliche Vorstellungskraft kaum Grenzen.

Aus der Angst wurde blanke Panik, als Mali und Liel Yahalomi am Dienstag ihren Heimflug nicht antraten. Die Familie startete eine Crowdfunding-Aktion, um die eigene Suche zu finanzieren, nachdem die israelische Polizei neue Details zuerst an die Presse anstatt an sie weitergegeben hatte. Am Mittwoch wurde bekannt, dass die Polizeieinheit Lahav 433 den Fall übernimmt, was bedeutet, dass auch in Israel Ermittlungen laufen. Am Donnerstag wurde für die israelische Berichterstattung eine Nachrichtensperre verhängt. Österreichische Medien berichteten derweil, dass der Mossad in Wien sei.

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Das News-Vakuum füllte sich rasant mit Gerüchten: Es sei womöglich ein Familienstreit, es gehe wohl um Geld, es gebe Verstrickungen mit der israelischen Mafia, die Mutter versuche, ihre Tochter aus den Fängen eines Kults zu befreien. Höhepunkt der Mutmaßungen war, dass Mali Yahalomi, die Mitarbeiterin der »Bank of Jerusalem« ist, ihr Wissen genutzt habe, um Millionen zu veruntreuen. Der Kurs der Bank brach an der Tel Aviver Börse um drei Prozent ein und erholte sich erst wieder, als der Vorstand in einer Pressemitteilung klarstellte, dass es eine Untersuchung gegeben habe und keinerlei Unregelmäßigkeiten festgestellt worden seien.

Neben der Wiener Polizei und Europol war offensichtlich auch der Mossad im Einsatz.

Die Familie wehrte sich gegen die Verunglimpfung, gab Statements ab. Seine Schwester sei finanziell unabhängig und verdiene gut, zitierten israelische Medien Ronen Yahalomi. »Den Trip nach Prag hatte Liel als Überraschung geplant. Sie hat alles organisiert, sie hat die Flugtickets gekauft und die Hotelzimmer in Prag und Wien gebucht. Mali hatte keine Ahnung«, sagte er. »Diesen Eindruck hatten wir alle.«

Doch es war ein falscher Eindruck. Einen Tag später, am 14. August, gab die österreichische Polizei bekannt, dass die Frauen das Land freiwillig verlassen hätten und kein Verbrechen vorliege. Von einem Flug nach Südamerika war die Rede. Die Familie konnte es nicht glauben. So etwas würden Mali und Liel niemals tun, zumal sie damit den Schabbat gebrochen hätten.

In der Nacht stieg Polizeikommissar Kogan in Buenos Aires in einen Überlandbus und sprach die zwei Frauen an, die bis dahin entspannt auf ihren Sitzen saßen. Zuerst streng, dann milder, sagte er: »Wir haben uns große Sorgen um euch gemacht.« Die Tochter wirkte überrascht, die Mutter drehte den Kopf zur Seite. Der Videoclip, der offenbar von der Bodykamera des Beamten stammt, ging in Israel viral. Später, als Mutter und Tochter begriffen hätten, was ihr Verschwinden ausgelöst hat, seien sie emotional geworden, hätten ihn umarmt und geweint, so Kogan in einem späteren Interview.

Die Rekonstruktion und Auswertung gelöschter KI-Suchverläufe im Google-Browser habe ihn auf die Spur der beiden Frauen geführt, erklärte Kogan. In Abstimmung mit der argentinischen Polizei und Interpol habe er sie dann in dem Bus gefunden.

Bus ins neue Leben

Es war der Bus, der Mali und Liel Yahalomi in ein neues Leben fahren sollte. Ihre Version der Geschichte begann bereits im Juli, als sie Google zu den Möglichkeiten eines heimlichen Verschwindens und eines Neuanfangs befragten: wie man sogenannte Burner-Phones kauft, die nicht zu verfolgen sind, welches Land kein Auslieferungsabkommen mit Israel hat, wie man Ortungs-Apps deaktiviert. Laut israelischen Medienberichten hatte Mali Yahalomi umgerechnet rund 14.000 Euro in bar von ihrem eigenen Konto abgehoben und mitgenommen, wohl um keine Kreditkarten-Spuren zu hinterlassen. Ein späterer Hinweis für die Ermittler in Israel, dass sie nicht vorhatte, so bald wiederzukommen.

Während ihrer Reise standen die Frauen in »normalem« Kontakt mit ihrer Familie, schickten Fotos, berichteten von dem, was sie sahen und erlebten. Das änderte sich auf ihrer Seite, als sie in Wien ankamen. Mit zeitlich verzögert gesendeten Videos ließen sie die Familie in dem Glauben, dass sie noch in Wien seien, obwohl sie sich bereits auf dem Weg nach Deutschland befanden, von wo aus sie den Flieger nach Südamerika nahmen.

Nachdem Mali und Liel Yahalomi gefunden wurden, zeigte sich die Familie in Israel vor allem erleichtert darüber, dass beide unverletzt sind, aber man war auch verwirrt. Es gebe viele offene Fragen, hieß es. Die Familie kündigte an, das durch die Spendenaktion eingenommene Geld zurückzuzahlen.

Nach einer kurzen Befragung durch Kogan und die argentinische Polizei, bei der festgestellt wurde, dass es den beiden Frauen gut geht und sie sich nicht in Gefahr befinden, durften sie gehen. Als Grund für ihren Wunsch zu verschwinden, hätten sie angegeben, aus persönlichen Gründen »ein neues Leben« abseits von Familie und Israel beginnen zu wollen, so Kogan. Wie und ob es mit dem »neuen Leben« der beiden weitergeht, ist nicht bekannt.

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