Porträt

»Es hat mein Leben geformt«

Shaul Ladany: Überlebender der Schoa und des Olympia-Attentats von 1972 Foto: picture alliance/dpa

Porträt

»Es hat mein Leben geformt«

Für Shaul Ladany fallen zwei Gedenktage zusammen: Im September kommt er nach Deutschland, wo innerhalb weniger Tage an die Befreiung des KZ Bergen-Belsen und an das Olympia-Attentat von München erinnert wird. Der Israeli hat beides überlebt

von Karen Miether  30.08.2022 13:42 Uhr

Für Shaul Ladany fallen zwei Gedenktage zusammen: Im September kommt er nach Deutschland, wo innerhalb weniger Tage an die Befreiung des KZ Bergen-Belsen und an das Olympia-Attentat von München erinnert wird. Der Israeli hat beides überlebt.

Wenn am 5. September in München und Fürstenfeldbruck an das Attentat bei den Olympischen Spielen 1972 erinnert wird, will Shaul Ladany dabei sein. Der 86-Jährige aus Israel plant, dann noch einmal sein blaues Jackett anzuziehen. »Es passt noch immer und ist im Grunde neu«, sagt er.

Als Mitglied des israelischen Teams trug Ladany es vor 50 Jahren beim feierlichen Einzug zur Eröffnung der Spiele. Er zählt zu den wenigen aus der israelischen Olympia-Mannschaft, die verschont blieben, als zwei Wochen später palästinensische Terroristen das israelische Quartier überfielen, und elf Sportler getötet wurden.

Zeremonien Ladany vertrat sein Land damals im Ausdauersport Gehen. Das blaue Olympia-Jackett trägt er nur ganz selten. Anfang September jedoch gibt es dazu für ihn gleich zwei Anlässe. Nur einen Tag vor der Zeremonie in München will er an einer weiteren Gedenkveranstaltung teilnehmen: In Bergen-Belsen bei Celle in Niedersachsen wird dann an die Befreiung des Konzentrationslagers vor 77 Jahren erinnert. Ladany überlebte auch dieses Lager – und damit den Holocaust.

»Ich reite auf zwei Pferden«, sagt der israelische Wissenschaftler und Sportler im Telefonat und beschreibt damit die zeitliche Nähe der beiden Gedenktage, die in seinem Leben zentral sind.

Zum Gedenken an das Olympia-Attentat am Montag (5. September) haben sich unter anderem Israels Staatspräsident Isaac Herzog und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier angesagt. Ob neben Ladany auch Angehörige der Opfer anreisen und wie viele es sein werden, ist unklar – im Vorfeld hatte es Unstimmigkeiten über Entschädigungen gegeben. In Bergen-Belsen werden bereits am Sonntag (4. September) insgesamt rund 50 Überlebende des dortigen KZ aus zehn Ländern erwartet und zudem etwa hundert Angehörige. Hauptrednerin bei der Zeremonie ist Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne).

»Der Holocaust, von dem Bergen-Belsen ein Teil war, hat mein Leben und meinen Charakter geformt.«

Shaul Ladany

Shaul Ladany war acht Jahre alt, als er 1944 mit seiner Familie aus Ungarn in das KZ Bergen Belsen deportiert wurde. »Der Holocaust, von dem Bergen-Belsen ein Teil war, hat mein Leben und meinen Charakter geformt«, sagt er. Schon als Fünfjähriger habe er auf der Flucht vor den Nazis um sein Leben gefürchtet. »Not, Schmerz und Ausdauer« hätten ihn früh geprägt.

Mit seinen Eltern und seinen Schwestern gehörte er zu den wenigen jüdischen Insassen von Bergen-Belsen, die aufgrund von Verhandlungen des Journalisten Rudolf Kasztner und jüdischer Organisationen mit der SS gegen Geldzahlungen im Dezember 1944 in die Schweiz ausreisen durften. Mehr als 50 seiner Angehörigen überlebten den NS-Terror nicht. In Bergen-Belsen kamen rund 52.000 KZ-Häftlinge um, die meisten von ihnen starben elendig an Seuchen, Hunger und Durst.

»Nie wieder«- diese Botschaft treibe ihn an, sagt Ladany. Trotz wieder steigender Corona-Zahlen will er deshalb nach Deutschland kommen, wo er zuletzt Ende Juli war. Bei einem internationalen Fußballturnier in Nürnberg, benannt nach dem 1873 geborenen deutschen Fußballpionier Walther Bensemann, hat er jungen Kickern aus seinem Leben berichtet, um zu Toleranz und Menschlichkeit zu mahnen: »Ich glaube daran, dass es meine Pflicht ist«.

Glück Dass er selbst immer wieder dem Tod entkam, verdanke er einer ganzen Serie von glücklichen Momenten, sagt Ladany. Dazu gehörte, dass er im olympischen Dorf 1972 im zweiten Block des israelischen Quartiers in der Connolly Straße 31 untergebracht war – gemeinsam mit den Sportschützen. Er nimmt an, dass die palästinensischen Attentäter der Terrorgruppe »Schwarzer September« diesen Block bewusst ausließen, weil sie dort Waffen vermuteten.

Beim Sturm auf die Unterkunft wurden der Ringer Mosche Weinberg und der Gewichtheber Josef Romano erschossen. Die Terroristen nahmen neun israelische Sportler als Geiseln. Bei einem Befreiungsversuch der Polizei kamen alle Geiseln sowie ein Polizist und fünf Terroristen ums Leben.

»Ich beginne, die Last des Alters zu spüren«, sagt Ladany. Sein Engagement als Zeitzeuge setzt er dennoch fort.

Shaul Ladany überstand das Attentat auch ohne psychische Folgen, wie er sagt. Bis heute hält er den Weltrekord im Gehen über 50 Meilen: sieben Stunden, 23 Minuten, 50 Sekunden. Inzwischen ist ein weiterer Rekord über hundert Meilen dazu gekommen, in der Altersklasse der über 70-Jährigen. Noch immer walkt er jeden Tag. »Aber ich beginne, die Last des Alters zu spüren«, sagt er. Als Zeitzeuge und Mahner engagiert er sich dennoch weiter.

Sammlung Seit seinem 13. Lebensjahr sammelt Ladany originale Dokumente aus dem Lager Bergen-Belsen. Auch zum Attentat von München hat er zusammengetragen, was er bekommen konnte. In Omer im Süden von Israel bewahrt er seine Privatsammlung, die noch immer wächst. Ein Teil seiner Erinnerungsstücke ist in einer Ausstellung zu sehen, die die Gedenkstätte Bergen-Belsen als Wanderausstellung präsentiert.

Mit Blick auf die Olympischen Spiele sieht er sich eines Geistes mit dem Begründer der Spiele der Neuzeit, Pierre de Coubertin (1863-1937). Dieser habe durch den Sport junge Menschen aller Welt zusammenbringen wollen, sagt Ladany. Und er betont: »Ohne jegliche Form der Feindschaft«.

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