USA

Purim in Tehrangeles

Wenn an Purim mit lautem Rasseln und Ratschen der Name Hamans beim Lesen des biblischen Buches Esther getilgt wird, fällt das ohnehin besonders fröhliche Fest in einer amerikanischen Metropole ganz besonders fröhlich aus: Denn Los Angeles – genauer gesagt, die edlen Gegenden von Beverly Hills und Santa Monica – sind das Zentrum persisch-jüdischen Lebens in den Vereinigten Staaten.

Von den rund 80.000 persischen Juden in den USA leben etwa 60.000 im Großraum Los Angeles. Die zweitgrößte Stadt des Landes ist gleichzeitig auch Heimat von rund 700.000 Iranern oder Menschen iranischer Herkunft. Das ist die größte Zahl von Persern außerhalb ihrer ursprünglichen Heimat.

rachefeldzüge Viele kamen in den 60er- und 70er-Jahren nach Südkalifornien, sei es zum Studium oder um hier ihr berufliches Glück zu finden. Nach dem Sturz von Schah Reza Pahlavi im Zuge der sogenannten Iranischen Revolution der Mullahs 1979 flüchteten zusätzlich Tausende vor den Rachefeldzügen der Gotteskrieger nach Amerika. Allein 30.000 zog es nach Beverly Hills.

Ganze Stadtviertel Teherans zogen gemeinsam nach Los Angeles.

Ganze Stadtviertel Teherans, die von Mitgliedern der sehr wohlhabenden jüdischen Gemeinde bewohnt wurden, zogen gemeinsam nach Los Angeles.

Familien wie die Nazarians retteten ihr Leben durch die Auswanderung. Izak Parviz Nazarian wurde 1929 in Teheran geboren. In Israels Unabhängigkeitskrieg 1948 kämpfte er für den jüdischen Staat, diente unter anderem der späteren Ministerpräsidentin Golda Meir als Chauffeur. Später zog er wieder in den Iran und wurde ein erfolgreicher Bauunternehmer.

mullahs 1979 entkam Nazarian den Häschern der Mullahs. In seiner neuen Heimat fand er sich schnell zurecht – er war Mitbegründer der Firma Omninet, die zunächst Satellitenortungssysteme für Lkw-Routen zwischen Baustellen entwickelte und später vom regionalen Elektronikriesen Qualcomm übernommen wurde.

Mit seinem Bruder Younes, seinem Sohn Benjamin und seinem Schwiegersohn Neil Kadisha baute Izak Parviz Nazarian ein Familienimperium auf, das Neil Kadisha mit einem Vermögen von 1,89 Milliarden Dollar auf Rang 30 der reichsten Angelenos brachte, wie die Einwohner L.A.s genannt werden.

Für rund 700.000 Iraner und Menschen iranischer Herkunft wurde die Stadt zu einem neuen Zuhause.

Izak Parviz Nazarian war nicht nur ein höchst erfolgreicher Unternehmer, sondern auch freigebiger Philanthrop. Er unterstützte den Sinai Temple in Westwood und das Nessah Educational and Cultural Center, eine Synagoge samt Bildungszentrum in Beverly Hills, die fast ausschließlich von persischen Amerikanern besucht wird.

unterstützer Nazarian, der selbst nie studiert hatte, förderte als glühender Unterstützer Israels unter anderem die Universität Tel Aviv, die ihm dafür einen Ehrendoktor verlieh. Auch die Magbit-Stiftung in Los Angeles ist eine Gründung Nazarians. Sie unterstützt Studenten, die Schwierigkeiten auf dem College haben und sich mit dem Gedanken tragen, ihr Studium abzubrechen.

Als Nazarian 2017 im Alter von 88 Jahren starb, galt er als Säule der persisch-jüdischen Community von Los Angeles.

Längst sind Menschen wie Izak Parviz Nazarians Neffe Sam (45), ein erfolgreicher Immobilien- und Hotelunternehmer, in die Fußstapfen des Patriarchen getreten. Doch seine Erfolgsgeschichte steht nach wie vor exemplarisch für etliche persische Juden, deren Integrationsfähigkeit und Fleiß genau der Stoff sind, aus dem amerikanische Legenden gestrickt werden.

»persischer palast« Das architektonische Erbe von Nazarian ist allerdings nicht so geradlinig wie sein Erfolgsweg in den USA. In Beverly Hills wird ein Gebäude »Persischer Palast« genannt. »Von der Straße«, so beschreibt es das »Wayback Magazine« poetisch, »sieht er aus wie eine fluffige Hochzeitstorte – flankiert von einem Wald geriffelter Säulen.«

Besucher beschreiben das Interieur als einen Overkill aus poliertem Marmor, ausladenden Treppen und vergoldeten Rokoko-Möbeln – ein Stil, den Schah Reza Pahlavi bevorzugte.

Als Bill Clinton während seiner Präsidentschaft einmal wegen eines Fundraising-Termins bei den Nazarians zu Gast war, soll er gesagt haben: »Jetzt begreife ich, dass ich nur in einem Regierungs­gebäude wohne.«

gemeindeleben Kein Wunder, dass Beverly Hills auch den Spitznamen Tehrangeles trägt. Und trotz solcher Bausünden wie dem Zuckerbäckerpalast von Parviz Nazarian: Die persischen Juden, so sehen es mittlerweile die meisten Angelenos, haben den stetigen, scheinbar unaufhaltsamen Verfall von Los Angeles in den 70er- und 80er-Jahren aufgehalten. Heute sind Synagogen wie der Sinai Temple oder das Nessah Center prallvoll und Ausdruck lebendigen Gemeindelebens – ganz im Unterschied zur Zeit vor ihrer Ankunft.

Persische Juden sind die älteste Bevölkerungsgruppe in der Diaspora.

Persische Juden sind die älteste Bevölkerungsgruppe in der Diaspora. Sie sind weder Aschkenasen noch Sefarden, sondern Misrachim – die aus dem Osten. Die Geschichte der persischen Juden reicht weit zurück – bis ins Jahr 587 vor der Zeitrechnung, als Nebukadnezar den Ersten Tempel in Jerusalem zerstörte und die Juden als Sklaven ins damalige Babylon verschleppte. Aus Babylon wurde später das Persische Großreich.

Als im Jahr 539 v.d.Z. der persische König Kyros II., auch der Große genannt, die erste bekannte Menschenrechtserklärung der Welt verfasste, gab er den Juden die Freiheit, nach Palästina zurückzukehren und den Tempel wiederaufzubauen.

Etwa die Hälfte der jüdischen Bewohner nahm das Angebot an. Der Rest verstreute sich über das Imperium, auf Gegenden, die heute zur Türkei, zu Ägypten, dem Irak, Syrien, Afghanistan oder Pakistan gehören.

Haman Es sollten noch 183 Jahre vergehen, bis König Xerxes I. beinahe auf seinen teuflischen Berater Haman hereinfiel. Auch zu diesem Purim wird Jamshid Delshad, genannt Jimmy, wieder Purim feiern – wenn wohl auch nicht in seiner Gemeinde, dem Sinai Temple.

Delshad, mittlerweile beinahe 81 Jahre alt, war der erste persische Jude, der 1990 zum Gemeindevorsitzenden des Sinai Temple gewählt wurde, der ältesten und größten konservativen Gemeinde von Los Angeles. Jimmy Delshad war auch der erste persischstämmige Bürgermeister von Beverly Hills.

Die Rasseln und Ratschen wird es in Delshads Synagoge in diesem Jahr wegen der Corona-Pandemie nur per Video-Stream geben – doch laut wird es gewiss trotzdem.

Für den »Sinai Temple Virtual Purim Carnival« am Freitagnachmittag (Ortszeit) können sich Interessenten noch online registrieren unter www.sinaitemple.org/pdf/PurimEventsOnePager2021.pdf

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