Äthiopien

Operation Taubenflügel

Es gibt nicht viele Erfolgsgeschichten in Israel über jüdische Einwanderer aus Äthiopien. Meist greifen die Medien in diesem Zusammenhang Themen wie Diskriminierung, hohe Kriminalitätsraten, Arbeitslosigkeit und Alkoholismus auf. Deshalb nahm die Öffentlichkeit den Erfolg der beiden Frauen Yiyisch Aynaw und Pnina Tamano-Schata in diesem Jahr als außergewöhnlich wahr.

Die 22-jährige Yiyisch wurde im Februar zur ersten schwarzen Schönheitskönigin in Israel gekürt und von US-Präsident Barack Obama bei seinem Besuch zum Staatsbankett eingeladen. Sie überragte den mächtigsten Mann der Welt nicht nur um einige Zentimeter, die Abiturientin und Offizierin der israelischen Armee beeindruckte ihn auch mit ihrem Selbstbewusstsein und Wissen.

Pnina Tamano-Schata ist Juristin, und ihr gelang bei den Parlamentswahlen im Januar der Sprung in die Knesset – als erste äthiopischstämmige Frau überhaupt. Doch damit ist es nicht genug mit Gemeinsamkeiten – beide Frauen haben eine klare Botschaft: Es ist an der Zeit, diesen Teil der israelischen Gesellschaft als vollwertig anzuerkennen.

kinder Nach Angaben der Vereinigung der Äthiopischen Juden Israel (IAEJ) leben zurzeit rund 130.000 Äthiopier im Land. »Dazu zählen allerdings auch die Kinder, die hier geboren sind«, erklärt Hagit Hovav, zuständig für den Bereich Arbeit in der IAEJ, die als Lobby in vielen Gremien vertreten ist. In wenigen Wochen werden es nochmal 400 Falaschmura mehr sein; zwei Flugzeuge sollen sie am 28. August nach Israel bringen. Dann ist nach einem Beschluss der Jerusalemer Regierung die Operation »Taubenflügel« offiziell beendet.

Im Camp der Jewish Agency im nordäthiopischen Gondar bleiben diejenigen zurück, die nicht als Juden anerkannt wurden. Sie müssen künftig bürokratische Hürden nehmen, um vielleicht doch noch einreisen zu dürfen. Das Camp soll demnächst geschlossen werden. Viele verlieren ihre Unterkunft, ihre Arbeit, ihre Zukunft. So wie Gitacho Tabeka, der im Camp geboren wurde und den Einwanderern jahrelang Hebräischunterricht gab, wie die israelische Zeitung Haaretz berichtete. Der 24-Jährige steht nicht auf der Passagierliste für die letzten beiden Flugzeuge. »Ich weiß nicht, wie es weitergeht«, sagte er der Zeitung.

konversion Das Verhältnis Israels zu den äthiopischen Juden – Beta Israel genannt – war von Beginn an zwiespältig und ist es noch. Da sind beispielsweise die Zweifel an ihrem Judentum. Etliche der äthiopischen Einwanderer sind sogenannte Falaschmura, deren Vorfahren in der zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts freiwillig oder unter Zwang zum Christentum konvertierten. Trotzdem haben sie bestimmte jüdische Traditionen beibehalten und sahen sich selbst stets als Israeliten. Unter der Prämisse, sich einer eigens für sie eingerichteten Konversion zu unterziehen, erkannte das Oberrabbinat sie 1991 zwar als Juden an. Unterschiede werden trotzdem gemacht: Nach dem Gesetz wandern Falaschmura unter dem Gesichtspunkt der Familienzusammenführung ein und nicht aufgrund des Rückkehrrechts für Juden.

Putzjobs Jael lebt seit rund 17 Jahren in Israel, aber sie macht nicht den Eindruck, als sei sie angekommen. Die 34-Jährige putzt jeden Tag von 7.30 Uhr morgens bis 12 Uhr einige Labors im Weizman-Institut in Rehovot südlich von Tel Aviv. Danach putzt sie woanders. Ihr Mann ist arbeitslos, sie haben drei Kinder, eines ist an Leukämie erkrankt und muss regelmäßig in die Klinik. In diesen Zeiten weiß Jael oft nicht, wo ihr der Kopf steht. »Ich denke nicht darüber nach«, sagt sie. Wie viele Äthiopier ist sie sehr scheu. Die meisten bleiben unter sich, leben Tür an Tür in Bezirken wie Kiriat Moshe in Rehovot, jenseits der Industrieanlagen.

Integration Obwohl der Staat viel unternimmt, ist die Integration dieser Bevölkerungsgruppe nach wie vor nicht gelungen. Aus vielerlei Gründen, wie Hagit sagt. Hausgemacht sei, dass Programme fehlschlagen, weil die zuständigen Stellen schlicht nicht kooperieren. Zum anderen sind die Unterschiede in Bildung, Kultur und Mentalität riesig.

Neuankömmlinge leben etwa zwei Jahre lang in Aufnahmecamps überall im Land, wo sie auf das Leben hier vorbereitet werden. Sie unterziehen sich der Konversion, bekommen Sprachunterricht, es gibt Schulen und Kindergärten. Sie lernen Grundsätzliches über Israel und seine Gesellschaft sowie die Grundlagen der Körperhygiene. Danach steht jedem der Weg offen. Dieser führt die Kinder oft in religiöse Schulen und die Männer in schlecht bezahlte Jobs oder in die Arbeitslosigkeit, Drogenabhängigkeit, Kriminalität. Die Frauen leben im Zwiespalt zwischen ihrer traditionellen Rolle und den Ansprüchen einer modernen Gesellschaft. So verwundert das Ergebnis einer Umfrage vom Januar nicht, nach der sich die Mehrzahl der nordafrikanischen Juden in Israel nicht heimisch fühlt.

Die zweite Generation ist auf einem besseren Weg, sagt Hagit Hovav: »Immer mehr junge Leute studieren und etablieren sich in der Mittelschicht.« So wie Orit Isaschar, Pressesprecherin von IAEJ, und Psychologiestudentin in Tel Aviv. Die 31-Jährige ist ehrgeizig und selbstbewusst und sieht Bildung als Wegbereiter für Integration und Anerkennung: »Sie ist unsere einzige Chance.«

Aber Orit weiß, dass es Vorurteile gibt und sogar gut ausgebildete junge Äthiopier schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Ihre Eltern kämpften darum, überhaupt nach Israel zu kommen, die zweite Generation möchte mehr: Sie will am Leben teilhaben. Orit ist zuversichtlich: »Leute wie die Knesset-Abgeordnete Pnina Tamano-Schata brechen für uns Barrieren auf. Nach und nach werden immer mehr wie sie sein.«

Polen

Rechtsradikaler Politiker schockiert mit israelischer Hakenkreuzfahne

Am Holocaustgedenktag warf Konrad Berkowicz Israel im Sejm vor, das neue Dritte Reich zu sein

 14.04.2026

Warschau

Absage an Antisemitismus: Polnische Bischöfe besuchen Synagogen

Vor 40 Jahren umarmte Papst Johannes Paul II. in Roms Hauptsynagoge den dortigen Oberrabbiner. In Polen erinnern nun Bischöfe an diesen Meilenstein in den katholisch-jüdischen Beziehungen. Es gibt aber auch Misstöne

von Oliver Hinz  14.04.2026

Nordmazedonien

Brandanschlag auf Synagoge in Skopje

Zwei bislang unbekannte Täter verschafften sich Zugang zum Eingangsbereich des Gotteshauses und versuchten, ihn in Brand zu setzen

von Nicole Dreyfus  14.04.2026

Meinung

Israel, Ungarn und die Abwahl Viktor Orbáns

Mit dem langjährigen Ministerpräsidenten hatte der jüdische Staat einen Verbündeten in der EU. Dennoch könnte dessen Abwahl eine Chance sein, das ungarisch-israelische Verhältnis auf eine nachhaltigere Grundlage zu stellen

von Domokos Szabó  14.04.2026

Ungarn

Netanjahu gratuliert Wahlsieger Magyar – und lobt Orban

Israels Premier: »Orban ist ein wahrer Freund Israels, der fest an der Seite Israels stand angesichts ungerechter internationaler Verleumdungen«

 13.04.2026

Nachruf

Ein Leben, das amtlich nicht vorgesehen war

Mit Robert Kreutner ist einer der letzten Menschen, der 1938 vom St. Galler Polizeihauptmann Paul Grüninger gerettet wurde, gestorben

von Stefan Keller  13.04.2026

Budapest

Nach Wahlsieg: Magyar äußert sich erstmals zu Israel

Ungarns designierter Ministerpräsident will künftig wieder mit dem Internationalen Strafgerichtshof kooperieren. Auch zu möglichen EU-Sanktionen gegen Israel bezog Péter Magyar Stellung

 13.04.2026

Meinung

Hoffentlich wird Viktor Orbán abgewählt

Am 12. April stehen in Ungarn Wahlen an. Unter seinem langjährigen Ministerpräsidenten ist das Land zu einem russischen U-Boot in der Europäischen Union geworden

von Joshua Schultheis  12.04.2026 Aktualisiert

Washington

Warum jetzt? Melania Trumps rätselhafter Epstein-Auftritt

Melania Trump tritt kaum allein vor die Presse. Doch jetzt spricht sie über ein Thema, das ihr Ehemann so gern umschiffen wollte: den Epstein-Skandal

 10.04.2026