Schweiz

Mitmenschlich in Uniform

Kein Minjan? Die Zahl der jüdischen Soldaten in der Schweizer Armee ist gering. Foto: picture alliance/KEYSTONE

Für Ariel Wyler ist ein Leben ohne Dienst in der grünen Uniform der Schweizer Armee völlig unvorstellbar. Der studierte Ökonom ist Oberst – und damit in der militärischen Hierarchie der Schweiz der ranghöchste Jude.

Weil Wyler aber auch gesetzestreu lebt – er ist Mitglied der orthodoxen Israelitischen Religionsgesellschaft Zürich (IRGZ) – hat es in seiner Zeit in der Armee immer wieder einige Probleme gegeben, die es zu lösen galt: Koscheres Essen oder Armeeeinsätze an Schabbat und Feiertagen sind einige der wichtigsten Stichworte. In der Schweiz gilt im Gegensatz zu vielen anderen Ländern weiterhin die allgemeine Dienstpflicht, allerdings wurden die Angebote, statt Militär- einen Zivildienst zu absolvieren, ab etwa 1990 ausgebaut.

säkularisierung Sich für jüdische Soldaten einzusetzen, das ist nicht zuletzt eines der Aufgabenfelder, denen sich der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) seit Langem widmet. Und weil Ariel Wyler auch in der Geschäftsleitung des SIG sitzt und dort für das Ressort »Religiöses« zuständig ist, weiß er, wovon er spricht. Auf die allgemeine gesellschaftliche Entwicklung angesprochen, macht sich Wyler grundsätzlich keine Illusionen: »Die Säkularisierung der Gesellschaft zeigt sich heutzutage auch in der Armee.«

So sei etwa die Nachfrage der Armeeangehörigen nach religiöser Betreuung in den letzten Jahrzehnten massiv zurückgegangen. Dass Seelsorger wie früher predigen oder sogar Gottesdienste abhalten würden, sei heute überhaupt keine Option mehr. Ein Minjan habe sich wegen der geringen Zahl der jüdischen Soldaten ohnehin nie wirklich aufgedrängt, sagt Wyler.

Gefragt ist mitmenschliche Begleitung, die offen ist für religiöse Fragen.

Dennoch bewegt sich die Armee nun auf diesem Gebiet etwas auf die jüdische Minderheit zu: Sie möchte neuerdings ausdrücklich auch Seelsorger – oder auch Seelsorgerinnen – engagieren, die vom SIG empfohlen werden. Dies allerdings ganz klar unter den Auspizien und der Federführung der Armee, so wie sie für alle Angehörigen der Armeeseelsorge gelten.

Diese sei Teil eines größeren Ganzen, sagt Stefan Junger, Chef der Armeeseelsorge im Eidgenössischen Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS). Allerdings winkt Junger sofort ab, wenn die Nachfrage kommt, ob es in der Schweizer Armee bald auch Rabbiner geben werde: »Das ist die falsche Frage. Es geht vielmehr darum, dass wir Leute gewinnen, die zunächst Armeeseelsorger sein können. Ihre eigene Verwurzelung ist uns wichtig. Sie steht aber nicht im Vordergrund.«

BEISTAND Junger bringt ein Beispiel: »Wenn die Großmutter eines jüdischen Rekruten stirbt und er während seines Dienstes in der Armee seelischen Beistand braucht, dann soll die Armee aus ihren eigenen Reihen einen Seelsorger stellen können, der im Bedarfsfall auch spezifische religiöse Bedürfnisse dieses Rekruten aufnehmen kann.« Explizit religiöser Beistand im engeren Sinn sei aus seiner Erfahrung weniger häufig gefragt als mitmenschliche Begleitung, die offen ist für religiöse, spirituelle oder transzendente Fragen und Anliegen. Jeder Armeeseelsorger soll dies anbieten können, unabhängig von seinem persönlichen Hintergrund.

Stehen jedoch für diesen Rekruten spezifisch konfessionelle oder religiöse Fragestellungen im Vordergrund, soll ihm nach Möglichkeit ein Austausch mit einem Armeeseelsorger mit demselben Hintergrund ermöglicht werden.
Alle Anwärter der Armeeseelsorge müssten, um berücksichtigt zu werden, sowohl über seelsorgerische als auch über theologische und nicht zuletzt kommunikative Fähigkeiten verfügen, hält Junger fest. Hier setzt die Armee seit Kurzem auf die Partnerschaft mit dem Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund, aber auch mit einer muslimischen Organisation.

Ariel Wyler beschreibt das Anforderungsprofil für eine jüdische Seelsorge so: »Es müssen Leute mit großer sozialer Kompetenz sein, die aber auch in der jüdischen Religion verwurzelt sind.«

LIKRAT Gegenüber der Zeitschrift »Tachles« drückt SIG-Generalsekretär Jonathan Kreutner den Wunsch aus, dass auch eine Frau berücksichtigt würde. Ihm selbst, aber auch Ariel Wyler, ist allerdings keine jüdische Armeeangehörige bekannt.
Spannend ist aber sicher die Idee, dass die jüdische seelsorgerische Betreuung auch von »Likrat«-Vertretern, den sogenannten Likratinos, geleistet werden könnte.

Dass Seelsorger wie früher predigen oder sogar Gottesdienste abhalten würden, ist heute überhaupt keine Option mehr.

Im Rahmen des Likrat-Programms des SIG versuchen sie, in Schulen und auch in Tourismusorten in den Schweizer Bergen, wo sich im Sommer viele orthodoxe Gäste aufhalten, das Judentum zu erklären und auf diese Weise vielen Menschen näherzubringen. »Die Armee könnte also auch Teil davon sein«, glaubt Ariel Wyler.

Brauche es in einem bestimmten Fall aufgrund eines konkreten Bedürfnisses aber doch einmal einen Rabbiner oder spezifische Fachkompetenz, die in den eigenen Reihen nicht zur Verfügung stehen, dann, so Stefan Junger, »vertrauen wir in diesem Fall schon darauf, dass der SIG uns dann hilft, eine geeignete Person zu finden«.

RESPEKT Der SIG ist zudem beim Thema Antisemitismusprävention im Gespräch mit der Armee. Die Sensibilisierung zu Diversität und Inklusion sowie die Förderung des gegenseitigen integralen Respekts soll als Pilotprojekt in Zusammenarbeit mit einer Rekruten- und Kaderschule stattfinden.
Der SIG ist dabei behilflich, hier seinerseits mit fachkompetenten Leuten einen Beitrag zu leisten. Stefan Junger spricht von einem Pilotprojekt, das man gegenwärtig entwickle und das im Verlauf dieses Jahres durchgeführt werde, Details dazu sind im Moment in Bearbeitung.

Antisemitismus in der Schweizer Armee ist glücklicherweise kein Alltagsthema, sorgt aber doch immer wieder für Schlagzeilen: so zu Jahresbeginn, als ein 19-jähriger jüdischer Rekrut in verschiedenen Medien über schlimme antisemitische Erlebnisse in Uniform berichtete. Er hat die Armee inzwischen verlassen, der oberste Ausbilder entschuldigte sich, und die Militärjustiz ermittelt wegen Rassendiskriminierung.

Spanien

»Ich bin ein Bagel«

Eine amerikanische Jüdin folgt den Spuren ihrer Vorfahren nach Madrid – und entdeckt das Backen

von Sophie Albers Ben Chamo  15.02.2026

USA

Stolze Muskeljuden

Die neue Organisation »Tribe NIL« hilft jungen jüdischen Profi-Sportlern, ihr Leben zu finanzieren

von Martin Krauß  15.02.2026

Schweiz

Heidi kann allein gehen, sie weiß den Weg

Der letzte große Heimweh-Roman Europas hat auch in Israel viele Jugenderinnerungen geprägt. Die Rezeption der Geschichte des Mädchens aus den Bergen spiegelt gesellschaftliche Entwicklungen wider

von Nicole Dreyfus  15.02.2026

Großbritannien

Gericht: Einstufung von »Palestine Action« als Terrorgruppe unrechtmäßig

Innenministerin Shabana Mahmood kritisierte die Entscheidung der Richter und will in Berufung gehen

 13.02.2026

Österreich

Wiener Oberrabbiner wandert nach Israel aus

Sechs Jahre leitete der gebürtige Schweizer Engelmayer mit einer internationalen Berufsbiografie die jüdische Gemeinde in Wien. Jetzt siedelt er mit seiner Familie nach Israel über

von Burkhard Jürgens  12.02.2026

Australien

Der Held von Sydney will wieder arbeiten

Ahmed Al-Ahmed hat das Gefühl in seinem Arm verloren und dank einer Spendenkampagne genug Geld zum Leben und Heilen. Doch der Familienvater will sein Geschäft wieder öffnen

 11.02.2026

Zürich / Washington

Neue alte Verstrickungen

US-Ermittler entdeckt Hunderte neue Konten der Credit Suisse mit NS-Bezug

 09.02.2026

Raumfahrt

Jessica Meir fliegt zur Internationalen Raumstation

Jessica Meir soll acht Monate im All verbringen. Diese Tour ist für sie dieses Mal emotional besonders herausfordernd, wie sie bei einer Pressekonferenz erzählte

 09.02.2026

USA

Werbespot gegen Antisemitismus beim Super Bowl

Beim Finale der amerikanischen Football-Liga NFL wird auch ein Clip gegen Judenhass gezeigt. Finanziert hat ihn der jüdische Besitzer der »New England Patriots«, die heute Abend gegen die »Seattle Seahawks« antreten

 08.02.2026