Ruth Bader Ginsburg

»Ihr Vermächtnis wird bleiben«

Ruth Bader Ginsburg Foto: dpa

Ruth Bader Ginsburg

»Ihr Vermächtnis wird bleiben«

Zum Tod der amerikanischen Justiz-Ikone und Vorreiterin für Frauenrechte und liberale Denkweisen

von Lena Klimkeit  20.09.2020 20:14 Uhr

In Washington begegnet man Ruth Bader Ginsburg oft. Das Gesicht der legendären Supreme-Court-Richterin prangt an Hausfassaden. In Souvenirläden ziert es T-Shirts und Baby-Bodys, Kaffeetassen und Socken. Mal trägt Ginsburg ein Krönchen, mal Boxhandschuhe.

Dem ständig wechselnden Kragen der Justiz-Ikone über ihrer schwarzen Richterrobe tragen ihre Abbilder ebenfalls Rechnung. Trotz schwerer Krankheit und Chemotherapie kam sie ihrem Amt am höchsten US-Gericht bis zu ihrem Tod nach. Am Freitag ist Ginsburg nun gestorben. Sie wurde 87 Jahre alt.

Joan Ruth Bader wurde 1933 in New York als Tochter einer österreichisch-jüdischen Mutter und eines russisch-jüdischen Vaters geboren.

Ginsburg gilt als Vorreiterin für Frauenrechte und liberale Denkweisen. Für die Gleichberechtigung ging sie als junge Juristin aber nicht auf die Straße: Stattdessen leistete sie als Richterin Pionierarbeit bei der Entwicklung von Gesetzen gegen die Diskriminierung von Frauen. Bevor sie selbst an den Supreme Court kam, habe sie den Richtern dort »wie eine Kindergärtnerin« erzählen müssen, dass Geschlechterdiskriminierung existiere, sagte sie einmal. Ginsburg machte sich auch für die Legalisierung der Abtreibung stark und sprach sich für die Gleichstellung von Homosexuellen aus.

FAMILIE Joan Ruth Bader wurde 1933 in New York als Tochter einer österreichisch-jüdischen Mutter und eines russisch-jüdischen Vaters geboren. Als sie erst 14 Monate alt war, starb ihre ältere Schwester Melanie. Die Hoffnungen der Eltern, die sich beide kein College leisten konnten, auf sozialen Aufstieg lasteten allein auf der jüngeren Tochter.

Mit ihrem Wunsch, Jura zu studieren, wagte sie sich in eine absolute Männerdomäne. Ihr Studium absolvierte sie unter anderem an der Elite-Universität Harvard. Später lehrte sie Jura an der Columbia-Universität in New York.

Es war Präsident Bill Clinton, der die liberale Juristin und damalige Berufungsrichterin 1993 für den Supreme Court nominierte.

Wie zäh Ginsburg war, bewies sie schon in frühen Studienjahren: Das Glück der jungen Familie wurde von der Krebserkrankung von Ginsburgs Mann Martin erschüttert. Fortan kümmerte sie sich nicht nur um ihr Studium und die wenige Monate alte Tochter Jane, sondern auch um ihren kranken Mann und dessen Studium.

Jane und ihr Bruder James erzählten einmal, Ginsburg habe teilweise so viel und bis spät in die Nacht gearbeitet, dass sie das Wochenende praktisch verschlafen habe.

LIBERAL Es war Präsident Bill Clinton, der die liberale Juristin und damalige Berufungsrichterin 1993 für den Supreme Court nominierte. Die damals 60-Jährige wurde nach Sandra Day O’Connor die zweite Frau an dem Gericht und - wie alle Richter dort - auf Lebenszeit ernannt. Unter den Richtern, die ihre kniffligen Mehrheitsentscheidungen oft entlang ideologischer Linien treffen, zählte sie zum linksliberalen Block.

Ernsthaft habe sie sich erstmals Anfang der 60er-Jahre Gedanken über die Gleichberechtigung von Frauen gemacht, sagte Ginsburg einmal in einem Interview. Seinerzeit recherchierte sie für ein Buch über Zivilverfahren in Schweden, wo Frauen damals bereits einen deutlich größeren Anteil unter den Jura-Studenten ausgemacht hätten.

Kämpferisch, nüchtern, arbeitswütig, nicht unbedingt für Smalltalk zu haben: So beschreiben Weggefährten die zierliche Brillenträgerin. Die Dokumentation »RBG - Ein Leben für die Gerechtigkeit« deckt diese Beschreibung. Sie zeigt Ginsburg auch außerhalb des Gerichts, in der Oper, im Fitnessstudio, bei ihrer Enkelin. Man erfährt etwas über die tiefe Verbundenheit zwischen Ginsburg und ihrem Mann.

Viele verehrten die Top-Juristin wie einen Popstar. In Anlehnung an den US-Rapper The Notorious BIG wurde Ginsburg der Spitzname »Notorious RBG« verpasst.

Er sei der erste Mann gewesen, der sich dafür interessiert habe, »dass ich ein Gehirn habe«, sagte Ginsburg. Für »Marty« sei es in Ordnung gewesen, in der Beziehung die zweite Geige zu spielen. »Er war so selbstsicher, dass er mich nie als irgendeine Bedrohung ansah. Er war mein größter Unterstützer.« Ginsburgs Mann starb im Jahr 2010.

POPSTAR Viele verehrten die Top-Juristin wie einen Popstar. In Anlehnung an den US-Rapper The Notorious BIG wurde Ginsburg der Spitzname »Notorious RBG« verpasst. Während der Corona-Pandemie machten Fotos eines Plakats in Washington die Runde in sozialen Netzwerken: »RBG arbeitet weniger als fünf Meilen von hier entfernt«, war darauf zu lesen. »Wenn Du keine Maske trägst, um Deine Freunde und Familie zu schützen, tu es, um RBG zu schützen.«

Berüchtigt waren ihre scharf formulierten Minderheitsmeinungen bei Gericht, für die Ginsburg vor allem von vielen Nicht-Juristen gefeiert wurde. Auch ein Slogan setzte sich im Zusammenhang mit ihr durch: »You can’t spell the truth without Ruth« - das englische Wort für Wahrheit lasse sich nicht ohne Ruth buchstabieren.

Am Wochenende versammelten sich Hunderte Trauernde vor dem Obersten Gericht. Ihr Tod bedeute, »dass wir kämpfen müssen, um wieder zu einem ausgewogenen Gericht zu kommen«, sagte Sheila Martin, die am Samstag zu dem Gebäude kam.

TRUMP Kritik zog Ginsburg wegen Bemerkungen über den damaligen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump auf sich. In Interviews hatte Ginsburg vor einer Präsidentschaft Trumps und vor ihm als Person gewarnt. Unter anderem bezeichnete sie ihn als Blender. Später nannte sie ihre Äußerungen unklug und versprach mehr Umsicht.

Im Juli wurde bekannt, dass sie erneut an Krebs erkrankt war.

Zuletzt hatte sich Ginsburgs Gesundheitszustand verschlechtert. Im Januar 2018 verpasste sie wegen einer Operation an der Lunge eine mündliche Verhandlung - laut US-Medienberichten erstmals in ihren 25 Jahren an dem Gericht. Im Juli wurde bekannt, dass sie erneut an Krebs erkrankt war.

STÄRKE Schon während der Präsidentschaft Barack Obamas hatten Justizkreise Ginsburg angesichts ihres fortgeschrittenen Alters zum Rücktritt gedrängt, um dem Demokraten die Gelegenheit zu geben, einen Nachfolger zu platzieren. »Wen hätten Sie lieber im Gericht als mich?«, konterte sie die Forderungen in einem Live-Interview.

Zum Tod von Ruth Bader Ginsburg schrieb der britische »Independent« am Sonntag: »Werte ändern sich. Und manchmal erfordert die Sache der Gleichheit, dass außergewöhnliche Persönlichkeiten Führungsstärke zeigen. Sei es in der Politik, der Justiz oder im gesellschaftlichen Aktivismus. Richterin Ginsburg war eine solche Persönlichkeit. Wir können uns sicher sein, dass sie Teil einer großen Bewegung war, die anhalten wird.«

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