Geburtstag

Holocaust-Überlebender Leon Weintraub wird 100 Jahre alt

Leon Weintraub Foto: picture alliance / SvenSimon

Er ist einer der letzten Überlebenden des Holocaust, einer der letzten Zeitzeugen. Am 1. Januar wird Leon Weintraub 100 Jahre alt. Er hat Schreckliches erlebt, doch seinen Humor hat sich der Mann, der sich selbst als unheilbaren Optimisten bezeichnet, bis ins hohe Alter bewahrt.

Gefragt, was ihm der bevorstehende 100. Geburtstag bedeute, lacht er und sagt: »Ich kann wieder mal von Null anfangen.« Er habe oft in seinem Leben alles zurückgelassen und dann neu begonnen. »Vom jüdischen Volk habe ich 2.000 Jahre Erfahrungen geerbt in der Fähigkeit, zu überleben«, sagte der heute in Stockholm lebende Mediziner im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Stuttgart.

Weintraub wurde 1926 als Sohn einer jüdischen Familie im polnischen Lodz geboren und ging bis zum Kriegsausbruch 1939 sechs Jahre in die Schule. Sein Vater starb bereits 1927. Im Winter 1939 musste er mit seiner Mutter und seinen Schwestern ins berüchtigte Ghetto Litzmannstadt in Lodz umsiedeln, 1944 wurden sie ins NS-Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert, wo er von seinen Angehörigen getrennt wurde.

Leon Weintraub war damals 18 Jahre alt und erinnert sich: »Wir wussten nicht, dass wir nach Auschwitz gebracht wurden. Es wurde uns nie gesagt, wann, warum und wohin wir gebracht werden. Was mir aber auffiel: Ein Gebäude mit hohen Schornsteinen, aus denen unaufhörlich ein schwarzer, schwerer, nach verbranntem Fleisch übelriechender Rauch kam, der alles durchtränkte.«Hass? Aus Wortschatz gestrichen!

Lesen Sie auch

Weintraub gelang es, Auschwitz zu entkommen - nach eigenen Worten durch eine spontane Augenblicks-Entscheidung. Er konnte sich unbemerkt von den Wachen einem Transport von Arbeitshäftlingen in ein Außenlager des KZ Groß-Rosen anschließen und entkam so dem Tod in den Gaskammern von Auschwitz. Danach wurde er in das Konzentrationslager Flossenbürg und schließlich ins KZ Natzweiler-Struthof gebracht. Die Befreiung erlebte Weintraub kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges durch französische Truppen in der Nähe von Donaueschingen.

Empfindet er gegenüber den Tätern Hass? »Ich habe dieses Wort aus meinem Wortschatz gestrichen«, sagt er. Den Nazis für ihre »in der Weltgeschichte einmaligen Untaten« könne er aber nicht vergeben. Das sei undenkbar.

Nach dem Krieg studierte Weintraub Medizin in Göttingen, kehrte 1950 nach Polen zurück und arbeitete als Gynäkologe in einer Klinik in Warschau. 1969 verlor er in Folge eines damals zunehmenden Antisemitismus in Polen seine Anstellung als Oberarzt. Daraufhin wanderte er mit seiner Familie nach Schweden aus. Weintraub lebt heute mit seiner Frau Evamaria in Stockholm. Zum 100. Geburtstag sei »ein großes Fest mit rund 120 geladenen Gästen« geplant.

2022 erschien sein Buch »Die Versöhnung mit dem Bösen. Geschichte eines Weiterlebens«. Ist das, was er in der NS-Zeit erlebt hat, für ihn Vergangenheit oder gegenwärtig? »Es ist traurig, aber es wird immer mehr gegenwärtig«, sagt Weintraub. Und zwar »durch die lauten, unangenehmen Aktivitäten der Rechtsradikalen«. Auf andere herabzuschauen und sich herauszunehmen, über deren Leben zu entscheiden: »Das führt geradewegs zur Gaskammer. Das haben diese Leute vergessen.«

Lesen Sie auch

Weintraub hat in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland, Polen und den USA hunderte Vorträge in Schulen und Gedenkstätten über seine Erfahrungen aus der NS-Zeit gehalten. 2026 ist er nach eigenen Worten schon bis September ausgebucht. »Dass ich noch Bericht erstatten kann über diese dunkle Wolke in der Weltgeschichte - die zwölf Jahre des sogenannten 1.000-jährigen Reiches. Das ist für mich große Genugtuung und Motivation.«

Kaum ein Ereignis der Weltgeschichte sei »in Wort und Bild so gründlich, ausführlich und vielseitig festgehalten wie der Holocaust, dokumentiert von den Überlebenden, den Befreiern und nicht zuletzt auch von den Tätern selbst«, sagt er. »Das ist kein Fake!«

Und Weintraub ist sich sicher: »Ich habe etwas bewirkt. Ich habe Spuren hinterlassen.« Und er sei »wirklich überzeugt: Die mich gehört haben, werden nicht die AfD wählen. Die wissen, dass krankhafter Nationalismus, der andere Menschen herabsetzt, menschenunwürdig ist«.

Eine Gefahr für das Erinnern an die NS-Schreckenszeit sieht er durch unechte und KI-generierte Fotos von Konzentrationslagern in sozialen Medien. Er kann der Künstlichen Intelligenz aber auch positive Seiten abgewinnen: »Es wurden schon zweimal Hologramme von mir eingespielt. Man wird mir daher auch noch in 30 Jahren gegenübersitzen können und mich fragen können, wie es wirklich war.«

USA

Top-Cop im Dilemma

Jessica Tisch, New Yorks erste jüdische Polizeipräsidentin, bleibt auch unter dem antizionistischen Bürgermeister Zohran Mamdani im Amt – zumindest vorerst

von Katja Ridderbusch  18.01.2026

USA

Old Shul

Bundesrichter Alvin K. Hellerstein leitet das Verfahren gegen Venezuelas Ex-Präsidenten Nicolás Maduro. Er ist 92 Jahre alt und orthodoxer Jude

von Michael Thaidigsmann  18.01.2026

Italien

Licht der Erinnerung

Die Juden Lecces wurden 1541 aus dem Königreich Neapel vertrieben. Fast 500 Jahre später wird ihre Geschichte in dem kleinen »Museo Ebraico« zu neuem Leben erweckt – dank zweier engagierter Familien

von Lydia Bergida  17.01.2026

Der Eruv kann auch teilweise aus ergänzten bei der Sigi-Feigel-Terrasse

Schweiz

Ein Eruv für Zürich

Unsichtbar im Stadtbild, spürbar im religiösen Alltag. Die größte jüdische Gemeinschaft der Schweiz spannt einen symbolischen Faden – und macht jüdisches Leben sichtbarer

von Nicole Dreyfus  16.01.2026

England

Maccabi-Fan-Bann: Ministerin entzieht Polizeichef das Vertrauen

Ein Bericht zum Agieren der West Midlands Police beim Ausschluss von Fans des israelischen Vereins Maccabi Tel Aviv vom Spiel gegen Aston Villa hat schwere Fehler zutage gefördert

 15.01.2026

Irak

Humor als Waffe

Elizabeth Tsurkov berichtet über ihre 903 Tage als Geisel einer pro-iranischen Terrormiliz und was ihr beim Überleben half

von Michael Thaidigsmann  15.01.2026

Auszeichnung

Vier Deutsche mit Obermayer Awards ausgezeichnet

Seit dem Jahr 2000 verleiht die amerikanische Obermayer-Stiftung jährlich einen Geschichtspreis an Heimatforscher und Gedenk- und Aufarbeitungsprojekte in Deutschland. In diesem Jahr werden vier Personen und eine Initiative geehrt

 13.01.2026

Nachruf

Zum »idealen arischen Baby« erklärt: Hessy Levinsons Taft gestorben

Der Fotograf sagte Tafts Familie damals, er habe bewusst das Foto eines jüdischen Kindes eingereicht, um die Rassenideologie der Nazis ad absurdum zu führen

von Imanuel Marcus  13.01.2026

Jackson

Brandanschlag auf Synagoge in Mississippi

Zwei Torarollen hat das Feuer vollständig zerstört. Der Verdächtige wurde vom FBI gefasst. Er bezeichnete das Gebäude während eines Verhörs als »Synagoge Satans«.

 12.01.2026 Aktualisiert