Slowakei

Gegenwehr

Auf einmal war es so, als sei er wieder lebendig: 80 Leute aus aller Welt kamen zu Ehren Imrich Lichtenfelds nach Bratislava, die besten Kämpfer eines Krav-Maga-Verbandes. »Am Schluss sind wir in die Straße gegangen, wo Lichtenfeld gelebt hat, haben uns in ein Café gesetzt und dort alle einen Curaçao bestellt, sein Lieblingsgetränk«, sagt Michal Vanek. Der Direktor des Jüdischen Museums in Bratislava ist auch der Biograf von Lichtenfeld. Und als alle das Glas mit dem hochprozentigen Bitterorangen-Likör in der Hand hielten, sei ihm klar geworden, dass sich in diesem Moment ein Kreis schloss, der sich von den ersten Lebensjahren Lichtenfelds in Bratislava über die Zuflucht in Israel und schließlich zum weltweiten Siegeszug seiner spektakulären Nahkampf-Technik zieht.

Seit seiner Geburt am 26. Mai 1910 nannten ihn alle eigentlich nur »Imi«. Schon sein Vater war Sportler, und der Sohn eiferte ihm nach. Klein und kräftig war er, wenn man sich alte Schwarz-Weiß-Fotos anschaut, und schon früh mit imposanten Muskeln bepackt. Wenn es um Sport ging, brillierte Imi als junger Mann in etlichen Disziplinen. »Er war Landesmeister im Boxen und im Ringen. Er wusste, wie der Körper funktioniert«, sagt Vanek. Nur ahnte er damals noch nicht, wie gelegen ihm dieses Wissen eines Tages kommen sollte.

Es war ein langsamer Prozess, in dessen Verlauf die Luft für die jüdischen Bewohner der Slowakei dünner wurde. Im fernen Deutschland kam 1933 eine antisemitische Partei an die Macht, das verfolgte man natürlich in Bratislava, damals noch Teil der Tschechoslowakei. Später, als die autonome Slowakei gegründet wurde – als faschistischer Staat von Hitlers Gnaden –, brach sich der latent schwelende Antisemitismus aber auch hier immer brutaler Bahn.

Michael Vanek zeigt sein Museum. Es liegt am Rande des einstigen jüdischen Viertels, ein mächtiges historisches Gebäude. Wo einst eine große Synagoge stand, rauscht heute eine sechsspurige Ausfallstraße. Hier, außerhalb des ursprünglichen Zentrums, siedelten sich vor einigen Jahrhunderten Juden an. Ein steiler Hügel unterhalb der Burg, enge Gassen, viele Stufen, Kopfsteinpflaster, schmale Häuschen. Längst schon durften damals Juden überall in der Stadt leben, aber viele waren immer noch hier zu Hause.

Hier wohnten viele faschistische Studenten

Vanek läuft weiter und bleibt schließlich vor einem fünfstöckigen Haus stehen, heute wie damals ein Studentenwohnheim, gelegen an der Peripherie des jüdischen Viertels. Viele faschistische Studenten wohnten damals in dem Haus, so erinnern sich Zeitzeugen, und so gingen von hier besonders häufig brutale Schlägereien aus – marodierende junge Leute, die durch das Judenviertel zogen und abwarteten, welcher Jude ihnen vor die Fäuste laufen würde.

Die Übergriffe im jüdischen Viertel wollte Lichtenfeld sich nicht gefallen lassen.

»Es herrschte eine Atmosphäre, in der die Menschen ohnehin gegen die jüdische Gemeinschaft aufgehetzt waren«, sagt Vanek. Sie zertrümmerten die Auslagen von jüdischen Geschäften, warfen Fenster ein und schlugen brutal alle Juden zusammen, die sie trafen. Manchmal kam es zu regelrechten Pogromen: »Nach der Vorführung eines Propaganda-Films sind die Leute geschlossen ins jüdische Viertel gezogen und haben auf die Bewohner eingeschlagen.«

Das war der Moment, in dem das Leben von Imi Lichtenfeld eine Wendung nahm. Die Übergriffe wollte er sich nicht gefallen lassen. Er trommelte seine Freunde vom jüdischen Sportverein zusammen, und sie organisierten eine Art jüdische Bürgerwehr. »Sie sind im jüdischen Viertel auf Patrouille gegangen«, so Vanek. »Es gibt von einigen Konfrontationen auch noch Polizeiprotokolle.« Bratislava war damals eine der ganz wenigen europäischen Städte, in denen Juden sich zur Wehr setzten gegen die Übergriffe. Lichtenfelds Sportfreund David Unreich leitete mit ihm zusammen die Truppe, und schnell wurden sie zum Schrecken der Straßenschläger.

Die Kämpfer mussten dazulernen

Allerdings mussten die Kämpfer dazulernen. »Er merkte, dass die klassischen Griffe und Tricks vom Ringen nicht halfen. Das Einzige, was den Sieg brachte, waren Griffe, die im Sport ein klares Foul wären.« Tritte in die Genitalien, Schläge auf den Kehlkopf, Treffer an den Schmerzpunkten des Körpers – Lichtenfeld schuf schnell ein Repertoire an Tricks, die sich bei den täglichen Straßenschlachten bewährten, und entwickelte so eine effiziente Kampftechnik. Kein Sport mehr mit klaren Regeln, sondern eine Schule fürs Überleben. »Es ging ihm darum, den Gegner so weit außer Gefecht zu setzen, dass sich die eigenen Leute in Sicherheit bringen können«, sagt Vanek.

Er selbst war durch Zufall auf Lichtenfeld und dessen unglaubliche Geschichte gestoßen. Seine Kinder hätten Krav Maga trainiert und erzählten irgendwann zu Hause davon, dass dieser Kampfsport seine Wurzeln in Bratislava habe. Vanek wurde hellhörig. Obwohl er das Jüdische Museum leitet, kannte er die Geschichte nicht. In Bratislava war der Held gänzlich in Vergessenheit geraten. Vanek hörte sich in der jüdischen Gemeinde um und fand sogar noch einen Zeitzeugen. Er grub tiefer, ging in die Archive, las alte Zeitungen.

Und mit jedem Mosaiksteinchen wurde die Geschichte faszinierender. Vanek reiste nach Israel, traf ehemalige Schüler von Lichtenfeld und veranstaltete schließlich im Jüdischen Museum eine Ausstellung über ihn. Die wurde in Bratislava ein Riesenerfolg. Ein renommiertes Theater brachte Lichtenfelds unglaubliche Geschichte auf die Bühne und machte ihn damit einmal mehr zum Stadtgespräch – einschließlich des unrühmlichen Verhaltens der slowakischen Faschisten, die damals Arm in Arm mit den deutschen Nazis Jagd auf Juden machten.

Seine Erfahrungen wurden dringend benötigt, so wurde er Cheftrainer der Armee.

Für Lichtenfeld begann ein neues Kapitel: Obwohl nach Erinnerung von Zeitzeugen die brutalen Angriffe der faschistischen Schläger durch die jüdische »Bürgerwehr« tatsächlich für eine Weile aufhörten, war allen klar, dass sie diese Schlacht nicht gewinnen konnten. Lichtenfeld verließ die Slowakei mit dem letzten Schiff über die Donau mit Ziel Palästina. Als später der israelische Staat gegründet wurde, ging er zur Armee. Dort wurden seine Erfahrungen im Straßenkampf dringend benötigt, und er wurde zum Cheftrainer der Streitkräfte. In seiner neuen Rolle schrieb er seine Kampftechnik schließlich auf und systematisierte sie. Dies war die Geburtsstunde von Krav Maga, Hebräisch für Nahkampf.

Eines der Hauptprinzipien von Krav Maga ist vermutlich Lichtenfelds eigener Statur geschuldet: Er war klein, als Ringer kämpfte er in der Kategorie Fliegengewicht. Aber auf der Straße hatte er es oft mit Gegnern zu tun, die doppelt so schwer waren wie er. Er machte es deshalb zur Maxime, Alters- und Gewichtsunterschiede durch Technik auszugleichen. Und noch etwas gehört zu Krav Maga: die Kunst, den Kampf zu vermeiden. Weglaufen, solange es noch geht, und selbst dann nicht zu eskalieren, wenn man sich dem Gegner überlegen dünkt.

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Und wenn man doch zuschlagen muss, dann so wirkungsvoll, dass man sich Zeit und Raum zur Flucht verschafft – aber eben auch nur so stark, wie es in der Situation eben notwendig ist. Diese Regeln verinnerlicht heute jeder, der Krav Maga lernt. Und das sind nicht nur israelische Soldaten und Geheimdienstmitarbeiter: In aller Welt gibt es heute Krav-Maga-Verbände wie jenen, dessen beste Kämpfer in Bratislava mit Michal Vanek den Curaçao tranken.

Immer noch hellwach

Für Vanek ist klar: Krav Maga ist zwar in Israel berühmt geworden, kommt aber eigentlich aus Bratislava. »Hier hat er alles Wesentliche gelernt. Hier wurde er Profi-Sportler. Und hier hat er seine unfreiwilligen Lektionen von den örtlichen Nazis bekommen.« Aus Lichtenfelds Zeit in Israel gibt es einige Videos, die im Internet kursieren. Sie zeigen ihn als betagten Mann, immer noch hellwach, immer noch auf der Trainingsmatte, immer noch umringt von Schülern – und immer noch in der Lage, einen halb so alten, doppelt so schweren Gegner mit einem einzigen Handgriff zu Boden zu bringen.

Imi Lichtenfeld starb 1998 in Israel, er wurde 87 Jahre alt. In seine Heimatstadt Bratislava ist er nie zurückgekehrt.

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