Bosnien

»Alle Bürger müssen gleich sein«

»Die drei großen Ethnien sind mit ihrem gegenseitigen Hass so beschäftigt, dass sie keine Zeit haben, uns Juden zu hassen«: Jakob Finci Foto: Juan F. Álvarez Moreno

Herr Finci, vor 25 Jahren wurde der Frieden von Dayton beschlossen, der den Bosnienkrieg beendete. Kritiker behaupten, der Krieg sei nur eingefroren worden und das Land nun politisch gelähmt. Gab es keine bessere Lösung?
Es wäre gefährlich, das Abkommen nun anzufechten: Ohne Dayton hätten wir Kriegszustand. Den Krieg zu stoppen, war das Wichtigste – und damit war dieses Abkommen erfolgreich.

Die bosnische Verfassung war Teil des Abkommens und entwarf ein Gleichgewicht zwischen den drei größten Ethnien. Deswegen dürfen jüdische Bosnier für hohe politische Ämter nur kandidieren, wenn sie sich zu einer der Gruppen bekennen. Sind Juden in Bosnien Bürger zweiter Klasse?
Diese Regelung wurde nicht spezifisch gegen Juden gemacht, es betrifft auch Minderheiten wie Roma, Deutsche oder Ungarn. Aber auch die Mehrheitsvölker – Muslime, Serben und Kroaten – dürfen sich nur in Teilen des Landes zur Wahl stellen.

Wann wurden Sie darauf aufmerksam?
2002, als Bosnien Mitglied des Europarats wurde und unterzeichnete, dass alle politischen Ämter durch freie Wahlen zu besetzen seien – ohne Rücksicht auf Religion oder Ethnie. Das ist bei Minderheiten in Bosnien nicht der Fall, also schickte ich der Wahlkommission einen Brief: Ich wollte für einen Sitz der dreiköpfigen Präsidentschaft kandidieren. Das ist aber laut Verfassung nur einem Serben, Muslim und Kroaten vorbehalten. Die Antwort war deswegen: Nein.

Dabei blieb es aber nicht.
Nein, zusammen mit dem Vertreter der Roma verklagte ich den Staat vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Ich hatte keine Angst, zu verlieren. Kurz vor dem Urteil sprach ich mit dem Diplomaten Richard Holbrooke, dem »Architekten« des Abkommens. »Wir haben es nicht gegen euch gemacht«, sagte er, »es war die einzige Lösung, die die drei Kriegsparteien unterstützten.« 2009 entschied das Gericht zu unseren Gunsten.

Elf Jahre später hat Bosnien seine Verfassung noch nicht angepasst. Warum?
Es gibt keine gemeinsame Lösung. Nach der Gerichtsentscheidung formten zehn Leute aus verschiedenen Ethnien und Parteien eine Kommission. Am Ende kamen sie mit zehn Vorschlägen – und keiner erlangte die Mehrheit. Seitdem fanden drei Wahlen statt, 2022 ist die nächste. Wenn Bosnien die EU-Mitgliedschaft anstrebt, müssten wir die Verfassung ändern.

Hätten Sie als Kandidat eine Chance?
Ich glaube nicht. Mir geht es um das Prinzip: Alle Bürgerinnen und Bürger müssen gleich sein.

Sie wurden 1943 in einem italienischen Konzentrationslager in Kroatien geboren. Nach der Befreiung kamen Ihre Eltern mit Ihnen zurück nach Bosnien. Wie prägte das Ihre Kindheit?
Einmal fragte uns die Lehrerin nach unserer Nationalität. »Ich bin Kroate«, sagte ich. »Wie, Kroate?«, antwortete sie. »Ich bin in Kroatien geboren«, erwiderte ich. »Frag deine Mutter, was du bist«, sagte sie. Als ich nach Hause kam, erklärte mir meine Mutter, dass beide Familienteile jüdisch waren – und was es bedeutete, ein Jude zu sein. Ich war sieben Jahre alt.

Wie wird in Bosnien über die Schoa gesprochen?
Zu sozialistischen Zeiten lernten wir in der Schule nicht, dass der Holocaust ein Verbrechen gegen die Juden war. Es ging nur allgemein um die Opfer des Faschismus. Nach dem Geschehen in Srebrenica, 1995, sprachen alle über Genozid. Leider spricht niemand über den Holocaust.

Nicht einmal über Srebrenica gibt es Konsens?
Ja, leider wird gestritten, ob Srebrenica ein Genozid oder »nur« ein großes Verbrechen war. Viele Politiker versuchen, die Vergangenheit schönzureden. Darum haben sie kaum Zeit, über die Zukunft nachzudenken.

Vor 500 Jahren kamen spanische Juden nach Bosnien, das damals Teil des Osmanischen Reiches war. Ihre Gemeinde wurde im Zweiten Weltkrieg fast ausgelöscht. Was ist geblieben?
Im alten Teil von Sarajevo findet man jüdische Spuren. Vor der Schoa waren 12.000 der 60.000 Einwohner jüdisch. Wir hatten sieben Synagogen, fünf davon überdauerten den Krieg, eine wird heute noch genutzt. Leider wurden viele jüdische Familien komplett vernichtet, danach verstaatlichten die Sozialisten ihr Eigentum. Bosnien ist das einzige Land in Europa, in dem die Rückerstattung an die Juden nicht einmal angefangen hat.

Wie war das jüdische Leben, als Bosnien noch Teil Jugoslawiens war?
Man war zufrieden: Im Zweiten Weltkrieg hatten wir Juden gegen kroatische Faschisten und serbische Nationalisten gekämpft. Das waren Gegner der sozialistischen Partisanen – der einzigen Gruppe, die uns akzeptierte. Nach Kriegsende war das Leben unter den sozialistischen Herrschern deswegen nicht so schwer.

Im Bosnienkrieg in den 90ern versuchten Sie, mit Ihrer Wohltätigkeitsorganisation »La Benevolencija« Juden zu retten. Bei wie vielen gelang es?
Wir konnten im Krieg 3000 Kinder und Senioren aus Sarajevo in Sicherheit bringen. Nur 1000 davon waren Juden. Wir brachten Essen und Medikamente in die Stadt. Ob Kroaten, Serben oder Muslime: Wir halfen allen.

War das gefährlich?
Auf der Route zwischen Sarajevo und der kroatischen Küste gab es 36 Checkpoints von Armeen und Milizen. An jedem Checkpoint musste man das richtige Ausweispapier zeigen: Wenn man Serben die muslimische Erlaubnis zeigte, konnten sie dich töten. Oft trugen die Soldaten keine Uniformen, man musste also raten. Ich sagte dann: »Was für ein schöner Tag, oder?« Dann sagten sie etwas wie: »Ja, aber diese verdammten Kroaten hören nicht auf zu schießen.« Dann wusste man Bescheid. Gott sei Dank kam niemand von uns ums Leben.

Gibt es heute Antisemitismus in Bosnien?
Wir sind weniger als 1000 Juden in sechs Gemeinden. Als ihr Vorsitzender kann ich stolz sagen, dass Bosnien frei von Antisemitismus ist. Tatsächlich sind die drei großen Ethnien mit ihrem gegenseitigen Hass so beschäftigt, dass sie keine Zeit haben, uns Juden zu hassen.

Mit dem Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in Bosnien sprach Juan F.
Alvarez Moreno.

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