Film

Ein bescheidener Held

Sir Nicholas Winton (1909–2015) Foto: dpa

»Wer auch nur ein Leben rettet, rettet die ganze Welt.« Der aus der Mischna, der Grundlage des Talmud, überlieferte Satz findet seinen stärksten Ausdruck, wenn sich jüdische Familien von Überlebenden treffen, um einen Retter zu ehren.

Für den 1909 in London geborenen Nicholas Winton halten die Worte keinen Trost bereit. Dabei hat Winton in der Zeit zwischen der Besetzung des Sudetenlandes durch deutsche Truppen im Oktober 1938 und dem Einmarsch in Prag fünf Monate später 669 jüdischen Kindern das Leben gerettet. Sie waren »Nicky’s children«.

Der junge Börsenmakler half dabei, bürokratische Hindernisse zu überwinden. Er legte Spendensammlungen auf und organisierte Visa für die tschechoslowakischen Kinder. Unterstützt von einem emotionalen Leserbrief in der »Times«, stellte er ihre Unterbringung in britischen Pflegefamilien oder Heimen sicher. In James Hawes‘ Film »One Life« beharrt der von Anthony Hopkins verkörperte alte Winton mit melancholischem Trotz dennoch darauf, versagt zu haben. »Not enough«, stellt er fest. Es hätten mehr Kinder gerettet werden müssen: »It’s never enough, is it?«

Adaption des Buches der Tochter des Protagonisten

Lucinda Coxon und Nick Drake haben das 2014 erschienene Buch »If It’s Not Impossible ... The Life Of Sir Nicholas Winton« seiner Tochter Barbara fürs Kino adaptiert. Sie erzählen die Geschichte eines Mannes, den es 1938 eher zufällig nach Prag verschlug. Die begründete Ahnung von der Besetzung der Tschechoslowakei durch das deutsche Militär und der Anblick frierender und furchtsamer Menschen führte ihn zu der Erkenntnis: »Look, I have to do something.«

Zac Nicholsons Kamera zeigt zu Anfang Winton 1987 in seinem Haus in Maidenhead. Er betrachtet ein Album mit Fotos von Kindern, beschäftigt sich mit Kuchen und Kleingeld und kommentiert die gegenwärtige Wirtschaftspolitik, insbesondere den Effekt von Deregulierung: »Idioten«. Später springt der fitte Greis (Winton wurde 106) in den Swimmingpool, und der Film taucht ein in die Vergangenheit. Johnny Flynn bewegt sich als Winton 1938 in einem konventionell gestalteten Rahmen, den keiner der Dialoge und Spannungsbögen, mit denen die Dramatik der Ereignisse rekonstruiert wird, jemals verlässt.

»One Life« gewinnt Substanz und Klasse durch seine Charakterzeichnung, mit einem Ensemble, dem in kleinen Rollen auch Lena Olin, Romola Garai und Marthe Keller sowie Samuel Finzi und Jonathan Pryce angehören. Flynn als Winton ist nicht zum Helden geboren, seinen humanitären Einsatz betrachtet er als etwas vollkommen Gewöhnliches. Konsequenterweise will er eine »Armee der Gewöhnlichen« mobilisieren, wie er sagt.

Das Wort »Nein« ist dieser im Pelzmantel auftretenden Alphafrau fremd

Unter den Menschen, die mithelfen, sticht Wintons Mutter hervor. Helena Bonham Carter spielt Babette, eine Frau mit deutschen Wurzeln, mit der Überwältigungskondition einer Margaret Thatcher. Das Wort »Nein« ist dieser im Pelzmantel auftretenden Alphafrau fremd, da steht die Bürokratie auf verlorenem Posten.

Anthony Hopkins fügt den unvergesslichen Figuren seiner Filmkarriere eine weitere hinzu. Er zeichnet das Bild eines Mannes ohne Stolz, geschweige denn Hybris. Wintons Bescheidenheit nimmt fast schon pathologisch anmutende Züge an: »Nothing to brag about.« Er erscheint als dickköpfig, brüsk, rhetorisch zielgenau. In Hopkins‘ Darstellung verbirgt sich in diesem Mann ein Kümmerer, der Geld für karitative Zwecke einsammelt und sich bei der Telefonseelsorge engagiert. Die Vergangenheit lässt ihn nicht los, wühlt ihn immer noch auf. Um angesichts seiner Erfahrungen und Selbstzweifel nicht wahnsinnig zu werden, hält er Gefühle gewaltsam unter Verschluss.

Lesen Sie auch

Fußball

Als Bayern gegen Prag verlor

Vor 125 Jahren traf der FC Bayern bei seinem ersten Auslandsspiel auf den legendären DFC Prag – und unterlag 0:8. Nach dessen Auflösung 1938 geriet der jüdische Verein fast in Vergessenheit, doch seit einigen Jahren wird er von Enthusiasten wiederbelebt

von Kilian Kirchgeßner  11.01.2026

Armenien

Offene Arme in Jerewan

Juden finden in einer der ältesten Städte der Welt Sicherheit und Gemeinschaft. Ein Ortsbesuch

von Stephan Pramme  11.01.2026

Sport

»Absoluter Holocaust«: Fußball-Kommentator sorgt für Eklat

Der Ex-Torwart Shay Given hat die Amtszeit des Trainers Wilfried Nancy bei Celtic Glasgow mit dem industriellen Massenmord der Nationalsozialisten verglichen

 11.01.2026

Belgien

Außerhalb des Völkerrechts

Die belgische Regierung verweigert einer Staatsangehörigen die konsularische Betreuung, weil sie in einer von Brüssel nicht anerkannten israelischen Siedlung lebt

 09.01.2026

Alija

Sprunghafter Anstieg: Mehr Juden sagen Frankreich Adieu

2025 hat sich die Zahl der jüdischen Auswanderer nach Israel fast verdoppelt. Experten machen dafür vor allem den wachsenden Antisemitismus verantwortlich

 08.01.2026

Los Angeles

Sega-Mitgründer David Rosen im Alter von 95 Jahren gestorben

Der Unternehmer aus New York ging in den 1950ern nach Japan und importierte Fotoautomaten. Später folgten Flipper-Automaten und Jukeboxen

 08.01.2026

Meinung

Instrumentalisiertes Leid kennt keine Moral

Nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana braucht es Mitgefühl und Respekt. Wer eine lokale Tragödie von existenzieller persönlicher Wucht für politische Deutungen missbraucht, handelt zynisch – und entwürdigt die Betroffenen.

von Nicole Dreyfus  08.01.2026

Interview

»Die ICZ gehört zu mir – und ich gehöre zu ihr«

Sie will Brücken bauen, ohne den Rahmen zu sprengen. Die neu gewählte ICZ-Präsidentin Noëmi van Gelder spricht über Tradition und Offenheit, über Sicherheit in bewegten Zeiten – und darüber, wie jüdisches Leben in Zürich sichtbar, stark und gemeinschaftlich bleiben kann

von Nicole Dreyfus  08.01.2026

Jerusalem

Gedenkstätte Yad Vashem verweigerte Selenskyj Rede

Kurz nach Kriegsbeginn in der Ukraine wollte Selenskyj in Yad Vashem sprechen. Aber durfte nicht. Der Gedenkstätten-Vorsitzende nennt nun dafür klare Gründe

 07.01.2026