Basel

Ein alt-neuer jüdischer Raum

Jeziory heißt eine Stadt in Belarus. Es ist auch der Name eines Kunstwerks von Frank Stella aus dem Jahr 1973, ein Teil der Serie »Polish Village«. Darin arbeitete Stella das ausgelöschte jüdische Kulturerbe Osteuropas künstlerisch auf und fertigte dafür Skizzen, Gemälde und Skulpturen an, die er nach Kleinstädten benannte. Die einst beeindruckende Holzsynagoge in Jeziory übersetzte Stella dann in dreidimensionale Kunst.

Das Werk ziert nun als Reproduktion die Frontfassade des neuen Museumsbaus des Jüdischen Museums Schweiz (JMS) in Basel. Bunt und selbstbewusst empfängt »Jeziory« die Besucher an der Vesalgasse inmitten des Basler Universitätsquartiers. Auch in der Eingangshalle des Innenbereichs erzählt der 2024 verstorbene amerikanische Künstler mit seinen Collagen, dass der Wandel von Architektur zu Kunst und wieder zurück zu Architektur gelingen kann. »Wir sind als Jüdisches Museum der Schweiz ein jüdisches Museum mit internationalem Erbe. Jüdinnen und Juden aus Osteuropa trafen hier auf ihre Glaubensgenossen aus dem Elsass und Süddeutschland«, erklärt Direktorin Naomi Lubrich.

Ehemaliges Tabaklager

Die Idee, dass Stella und seine Kunst auch einem Gebäude, das der jüdischen Kultur und Geschichte in der Schweiz gewidmet ist, ein lebendiges Gesicht geben können, hatte Roger Diener. Der Basler Architekt, dessen Handschrift auch das Schoa-Memorial in Paris trägt, wurde ins Boot geholt, nachdem man sich dazu entschieden hatte, eine leer stehende ehemalige Tabaklagerhalle in ein Museum umzuwandeln.
Fünf Jahre sollte dieser Prozess dauern.

Über das Ergebnis ist Direktorin Lubrich sichtlich glücklich: »Die Planung war intensiv, umso mehr sind wir für die neuen Räumlichkeiten dankbar. Dieses Museum ist mehr als ein Gebäude – es soll ein Ort lebendiger Erinnerung, des Dialogs und der Begegnung werden. Wir möchten jüdische Geschichte, Kultur und Gegenwart sichtbar machen und Räume schaffen, in denen Neugier, Empathie und Verständnis wachsen können.«

So gibt sich das Museum gleichzeitig zeitgenössisch und verantwortungsbewusst. Die Geschichte der Juden in der Schweiz wird facettenreich über Stockwerke hinweg ausgebreitet, immer mit dem Anspruch, sie aus jüdischer Perspektive zu erzählen. Wer über die elegante Holztreppe in die erste Etage gelangt, den empfängt ein Raum des Kults und der Liturgie. Schauplatz ist die Synagoge und die damit verbundene Frage nach Gemeinschaft. An keinem anderen Ort als in der Synagoge manifestiert sich diese im Judentum so zentrale Art der Zusammenkunft.

Prominent im Ausstellungsraum aufgestellt sind dafür die Bänke und der Toraschrank des ehemaligen Betsaals von Solothurn, einer kleinen jüdischen Gemeinde in der Nordwestschweiz. Er wurde zu Beginn der 80er-Jahre aufgelöst, die Geschichten um die Menschen, die darin regelmäßig in die »Schul« gegangen sind, haben sich jedoch in den Ritzen des Holzes verewigt. Man kann erahnen, wie manch kleiner Junge sich während des Gebets wohl langweilte, während er seine Ini­tialen in die Oberfläche eingravierte.

Ariel Reichman, Künstler und Sohn eines Kantors aus Johannesburg, fertigte für die Ausstellung eigens Pergamentbilder an, die sich an den Toramänteln der einstigen kleinen Synagogen orientieren. Sie verkörpern, wie er sagt, eine tiefe Verbindung zwischen Glauben, Tradition und künstlerischem Ausdruck. »Diese Textilien erfüllen nicht nur praktische rituelle Funktionen, sondern spiegeln auch die kulturelle Identität, die Werte der Gemeinschaft und das Konzept des Hiddur Mizwa wider – der Verschönerung religiöser Gebote.«

»Es sind Räume, in denen Neugier, Empathie und Verständnis wachsen können.«

Naomi Lubrich

Im Laufe der Zeit kam es häufig vor, dass Familien Mäntel in Auftrag gaben oder sie zum Gedenken an geliebte Menschen oder zur Feier von Lebensereignissen wie Hochzeiten oder Geburten spendeten.
Die drei »G« sind prägend für den ersten Teil der Dauerausstellung: Glaube, Gemeinde und Geschichten. Sie offenbaren sich auch in kostbaren Judaika – das Museum umfasst überdies eine große Sammlung sogenannter B-Objekte. Verschiedene Exponate verweben jüdische Familien- mit Schweizer Wirtschaftsgeschichte, so auch die der Levys.

Eine alte Taschenuhr aus Silber und Messing wurde 1901 von Jules Levy in La Chaux-de-Fonds hergestellt, wie aus der Inschrift zu lesen ist: »Jules Levy. Chaux-de-Fonds. Tischri 5662. Mon cher oncle.« Die Stunden auf dem Ziffernblatt sind durch hebräische Lettern dargestellt. Die 1833 gegründete jüdische Gemeinde von La Chaux-de-Fonds wuchs schnell und zählte rund 900 Mitglieder, als die lokale Uhrenindustrie um 1900 ihren Höhepunkt erreichte.

Der »Röstigraben«, also die Sprachgrenze zwischen der französisch- und der deutschsprachigen Schweiz, entspricht bemerkenswerterweise auch der Grenze zwischen sefardischem und aschkenasischem Judentum in der Schweiz, wie später im zweiten Stock zu erfahren ist. Eine Mesusa aus Algerien und eine Brauthaube geben Einblick in diese für die Schweiz exemplarische Tatsache. »Nur durch Zufall sind wir auf diese Haube gestoßen«, so Lubrich, der darauf hinweist, wie sehr das Museum auch darauf angewiesen ist, über Privatleute zu Exponaten und damit zu Geschichten zu gelangen. »Wir rufen unser Publikum auch explizit dazu auf, uns Geschichten zu erzählen und im besten Fall Objekte auszuleihen.«

Steven Spielberg und Zionismus

Während im ersten Stockwerk die Religion im Zentrum steht, erzählen im zweiten unter dem Stichwort »Kultur« die Bereiche »Herkunft«, »Selbstbestimmung« und »Überleben« eine »ebenso einzigartige wie wechselhafte jüdische Geschichte«, wie Lubrich erklärt.

Darunter fällt das Verhältnis zur nichtjüdischen Umgebung. Angefangen im Mittelalter, als 1349 das erste Pogrom den Juden in Basel aber auch in anderen Schweizer Städten den Tod brachte oder sie zur Flucht zwang, macht die Ausstellung hier ein Fenster nach Zürich auf: Gezeigt werden Einblicke in die mittelalterlichen Wandmalereien an der Brunngasse. Es geht weiter über die Emanzipation der Juden und ihren Kampf, als gleichberechtigte Bürger behandelt zu werden, bis hin zu Theodor Herzl, dessen Vision des Zionismus sich in Basel materialisiert hat.

Naomi Lubrich schmunzelt: »Für das Straßenschild ›Baselstraße‹ haben wir die Stadtverwaltung in Tel Aviv angefragt. Wir wollten ein originales Schild, erhalten haben wir eine Neuanfertigung.« Dann wird Lubrich wieder ernst: »Der Tragweite des Zionismus sind wir uns sehr bewusst. Wir bemühen uns, in der Ausstellung ein faires Bild zu zeigen.« Dass das Mandatsgebiet Palästina ein Schmelztiegel verschiedener Menschen und Kulturen war, wollen die Ausstellungsmacherinnen mit dem First Film of Palestine von 1911 zeigen.

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Niemand Geringeres als Steven Spielberg erweckte diesen Film wieder zum Leben, indem er ihn restaurierte. Bevor Aufbruchstimmung und vielleicht auch eine Spur Hoffnung die Ausstellung abrunden, nimmt sich das Museum des Themas Schoa an, auch hier wieder aus innerjüdischer Sicht. »Der Holocaust ist Teil der jüdischen Erfahrung«, sagt Lubrich und weist unter anderem auf den Pass von Johanna Gundelfinger hin, die sich von München nach Zürich retten konnte. Ihre Tochter Irene Neuburger dagegen hat das KZ Bergen-Belsen nicht überlebt. Ihren Bericht aus dem Lager hat ihre Urenkelin Dina Wyler für die Ausstellung eingelesen.

Provinienzforschung auch hier

Auch die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg und die Aufarbeitung danach werden beleuchtet. Das Museum, seiner historischen Verantwortung bewusst, versucht, auch mit ungelösten Debatten umzugehen, wie etwa beim Thema Provenienzforschung. »Auch ein jüdisches Museum muss sich diesen Fragen stellen, insbesondere weil wir hier auch jüdische Gegenstände zeigen.«

Die Wiedereröffnung des Jüdischen Museums Schweiz, des ältesten jüdischen Museums im deutschsprachigen Raum seit dem Holocaust, markiert daher einen Neuanfang, nicht nur physisch. In einer Zeit, in der sich Gedankenräume verengen, ist ein solches Museum von besonderem Wert.

Das Museum ist montags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet.

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