Österreich

Die Welt von gestern

Die Lokomotive schrie heiser auf: der Semmering war erreicht.» So beginnt Stefan Zweigs berühmte Novelle Brennendes Geheimnis über den amourösen Kurzurlaub eines jungen Adligen im Nobelkurort des Wiener Fin de Siècle schlechthin.

Wie der Baron in der Geschichte kamen damals täglich zahlreiche Gäste am Bahnhof von Semmering an, einem kleinen Ort am gleichnamigen Gebirgspass rund 100 Kilometer südlich von Wien. Tatsächlich war es der Eisenbahn zu verdanken, dass Semmering zu einem Feriendomizil der adeligen und bürgerlichen Gesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts aufsteigen konnte.

Fassaden Wer heute an diesem Bahnhof aussteigt, kann die glanzvolle Welt von gestern nur noch erahnen. Die Straßen sind leer, die meisten Geschäfte und Gasthäuser geschlossen. Der Ort wirkt ausgestorben. Ein Eindruck, den die bröckelnden Fassaden der brachliegenden ehemaligen Grandhotels verstärken. Und doch strahlen sie noch etwas von dem Flair aus, das Adlige, Großbürger, Künstler und Intellektuelle, darunter viele Juden, einst scharenweise anzog. Heute ist nur noch eines der alten Grandhotels in Betrieb: das in den 80er-Jahren teilweise renovierte und wiedereröffnete Panhans – aber wie lange noch, ist fraglich.

Obwohl es in Zweigs Novelle nicht namentlich genannt wird, deutet vieles darauf hin, dass der Protagonist im Südbahnhotel abstieg. 1882 eröffnet, war es das erste Grandhotel im Ort und schon bald ein äußerst wirksamer Tourismusmagnet. Errichtet wurde es von der privaten Südbahngesellschaft, die den Semmering zuvor für die Eisenbahn erschlossen hatte und nun nach neuen Einnahmequellen suchte. Man entschied sich für den Bau auf exakt 1000 Metern Höhe über dem Meeresspiegel mit Panoramablick auf die nahe Raxalpe und den Schneeberg, die sogenannten Wiener Hausberge.

Was Einrichtung und Ausstattung betraf, wurde auf höchsten Komfort gesetzt: Mit 356 luxuriösen Zimmern, zahlreichen Speisesälen, Cafés, Theatern, Sportanlagen und einem hauseigenen Kino ließ das Südbahnhotel kaum Wünsche offen. Schon kamen die höchsten Wiener Kreise angereist, von der Kaiserin abwärts. Bald entdeckte aber auch das – vor allem jüdisch geprägte – Großbürgertum die Möglichkeit, dem Lärm und Schmutz der Stadt für einige Zeit zu entfliehen. Semmering blühte auf.

luxushotels Weitere Luxushotels wurden errichtet, später sogar das erste Casino Österreichs. Die «Sommerfrische» wurde modern, und auch der Wintersport begann sich langsam zu etablieren. Wer es sich leisten konnte, flüchtete aus der Großstadt. Die Sogwirkung der Salons und Cafés war auch auf Künstler und Intellektuelle enorm: Stefan Zweig, Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal und Gustav Mahler kamen. Franz Werfel, Sigmund Freud, Ludwig Wittgenstein und Peter Altenberg ebenso. «Den Brennpunkt des bunten Treibens bildete immer die Terrasse des Südbahnhotels», schrieb Karl Kraus, auch ein regelmäßiger Gast. Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen.

Wie in ganz Europa hinterließ der Erste Weltkrieg auch am Semmering seine Spuren. Der Tourismus ging stark zurück, mit dem Ende der Donaumonarchie blieben die adligen Gäste aus. Der gesellschaftliche Charakter der Sommerfrische trat immer stärker in den Hintergrund. Mit dem raschen Ausbau der Sportinfrastruktur ließen sich die Wiener Bürger aber vorerst weiterhin in den Kurort locken.

kurort Schon in den 20er-Jahren hetzte die antisemitische Presse gegen die Sommerfrischler. Den Nazis waren der Kurort und viele seiner Gäste verhasst, standen sie doch für das liberale, kunstsinnige und intellektuelle jüdische Bürgertum. Die Machtübernahme der Nazis in Österreich bedeutete das sofortige und endgültige Ende dessen, wofür der Semmering einst stand. Schon bald wurde er für «judenfrei» erklärt. Die Vertreibung und Ermordung der europäischen Juden hinterließ schließlich auch in dem Kurort eine dauerhafte Lücke, die sich nicht wieder schloss.

Die Erfolge der touristischen Wiederbelebungsversuche nach dem Zweiten Weltkrieg waren nicht von Dauer. Die zunehmende Verbreitung des Autos und später auch des Flugverkehrs veränderte die Urlaubsvorstellungen der Nachkriegsgesellschaft grundlegend. Wer bequem ans Meer fahren konnte, wollte nicht mehr zur Sommerfrische ins Gebirge. Semmering konnte mit der Konkurrenz immer weniger mithalten. Die Gäste blieben aus, und mit ihnen auch notwendige Investitionen und Modernisierungen.

So stellten die Hotels der Reihe nach ihren Betrieb ein, 1976 auch das Südbahnhotel. Teile der riesigen Anlage wurden im Laufe der Zeit von wechselnden Besitzern in Wohnungen umgewandelt. Der Großteil der ehemals prunkvollen Räume steht allerdings bis heute leer – und verfällt.

Ruine Eine aktuelle Ausstellung im Jüdischen Museum Wien widmet sich diesem Verfall, der das Fehlen der Gesellschaft symbolisiert, die hier einst ein und aus ging. Die Fotografin Yvonne Oswald besuchte die monumentale Ruine des Grandhotels über fünf Jahre hinweg immer wieder und hielt ihre Eindrücke fest. Das Ergebnis ist bedrückend: leere Säle, auf deren Parkett schon lange nicht mehr getanzt wird, ein Salon mit verstaubten Sitzmöbeln, uralte Spiegel an den Wänden, die das Bild des Betrachters verzerren, ein Hallenbad, das unter zerbrochenen Fliesen vor sich hin schimmelt.

Die Bilder führen den Ausstellungsbesuchern vor allem eines vor Augen: eine schmerzhafte Abwesenheit. Als Kontrast werden historische Aufnahmen und Filme gezeigt. Einen «Einspruch gegen das Ende» nennt die Philosophin und Künstlerin Elisabeth von Samsonow die Konzeption im Ausstellungskatalog. Und tatsächlich möchte man selbst Einspruch erheben gegen eine Entwicklung, die wie ein gewaltiges Missverständnis erscheint.

Die Ausstellung «Das Südbahnhotel. Am Zauberberg der Abwesenheit» läuft noch bis zum 11. Januar 2015 im Museum Judenplatz.

www.jmw.at

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