Osteuropa

Der Zauber von Lublin

Um Synagogen macht Jascha Masur einen Bogen. Nur zu Rosch Haschana und Jom Kippur bequemt er sich zum Gottesdienst. Nimmt ihn dafür einer ins Gebet, entgegnet er kess: »Wann bist du im Himmel gewesen, und wie hat Gott ausgesehen?« – »Was für ein verwegener Mann!«, lässt Isaac Bashevis Singer den Erzähler dieser Geschichte staunen und Jascha seinen Job machen als Seiltänzer. Welch verwegene Kunst.

Jascha ist Der Zauberer von Lublin: Singers weltberühmter Titelheld. Ein Alter Ego des Literaturnobelpreisträgers? Singer selbst war ein eigenwilliger Jude. Als Rabbinersohn und -enkel durch strenge Erziehung geprägt, mochte er selbst diesen Beruf nicht ergreifen. Sein Elternhaus verschmäht Kunst, Theaterbesuche gelten als Sünde. So kommt es, dass Singer – ein Atheist in den Augen des Vaters, Pinchos Menachem Zynger, mit einem Gegenentwurf herausrückt. Ausgerechnet mit einem Vertreter des fahrenden Volkes, einem unsteten Typen, der sich aus der Religion (zunächst) nichts und stattdessen Kunststücke macht, beglückt der gebürtige Pole die internationale Leserschaft sowie Lublin.

Obwohl Singer kaum einen Bezug zu Lublin hat – seine Mutter Batszewa Zylberman kam viel weiter südlich, im Schtetl Biłgoraj, zur Welt –, siedelt er dort den Akrobaten an, der seine Reise auf dem Drahtseil des Lebens in äußerster Gottesfurcht beschließt. Am Stadtrand von Lublin besitzt Jascha »ein Haus nebst Schuppen« mit Blick auf ausgedehnte Weizenfelder, Ställe, einen Heuboden, zwei Apfelbäume und einen Garten, in dem seine Ehefrau Esther »ihr Gemüse zog«. Aus diesem Idyll bricht er jedoch bis zum lebensentscheidenden Unfall fortwährend aus, nicht nur berufsbedingt. Dankbar schlägt Lublin, wo passenderweise das älteste Theatergebäude Polens steht, aus der schillernden Figur nun Kapital.

Trotz zweifelhafter Moral ist Singers Romangestalt für den Tourismus der perfekte Ankermann

Vorhang auf für die Fiktion: Ungeachtet ihrer zweifelhaften Moral – mehrfacher Ehebruch! – ist Singers Romangestalt für die Tourismusorganisation »Lublin Metropolitan« der perfekte Ankermann. Zentrales Fotomotiv in der Grodzka-Straße ist die Seiltänzerfigur mit Affe Joktan, 2018 installiert hoch über den Köpfen der Passanten als Hommage an Jascha. Jetzt wurde Der kuncnmacher fun Lublin (Tel Aviv 1971) erstmals aus dem Jiddischen ins Polnische übersetzt. Polen könnten, so Tourismuschef Krzysztof Raganowicz, den jüdischen Artisten somit ganz neu entdecken.

Obwohl Singer kaum einen Bezug zur Stadt hat, siedelt er seinen Romanhelden dort an.

Stadt und Region werben mit dem Mann, der auch als Zauberkünstler und Hypnotiseur verblüfft, immer systematischer für Zirkus und Kulturfestivals – wie im vergangenen Sommer den »Karneval der Magier«, dessen Pate Jascha ist. Doch auch tieferes Interesse am jüdischen Erbe und gelebtem Alltag wird befördert. Jascha kauft in Lublin »Leckerbissen« ein wie »feine Wurst«, Leber, Halva oder Honigkuchen als Gastgeschenke.

Cebularz von Bäcker Kuźmiuk, dem ältesten in Lublin, konnte er noch nicht kosten, da er im 19. Jahrhundert zu Hause ist und diese Spezialität erst seit 80 Jahren in der Weihnachtszeit gebacken wird. Jüdische Köstlichkeiten bereitet darüber hinaus das Mandragora-Restaurant im Herzen Lublins zu, wo eine junge Polin nicht nur den Speisen verfallen ist. Sie faszinierten jüdische Geschichte und Bräuche, sagt Julia Brzostowska: »Aus Leidenschaft wurde ich Kellnerin.«

Ebenso verdanken die trotz finanzieller Schwierigkeiten liebevoll restaurierten Synagogen im Lubliner Land, etwa in der Welterbe-Stadt Zamosc oder der Kleinstadt Szczebrzeszyn, ihr zweites Leben als Ausstellungs- und Gedenkorte echter Passion. Ein Drahtseilakt ist derweil die touristische Vermarktung Lublins als weitläufige Zirkusarena aufgrund der unmittelbaren Nachbarschaft zum Konzentrationslager Majdanek.

Aktion Reinhardt: Tarnname für unvorstellbares Morden

Ausgelassenheit und Entsetzen paaren sich im Besucherbewusstsein. Lublins reiche jüdische Kultur wurde ausradiert, die jüdische Bevölkerung hingeschlachtet in der Aktion Reinhardt, so der Tarnname für das unvorstellbare Morden.

Dass nichts davon vergessen wird, setzte sich vor mehr als 25 Jahren das »Grodzka Gate – NN Theatre« zum Ziel, für Raganowicz eine »starke Wissensbasis«. Etabliert und mehrfach erweitert von Tomasz Pietrasiewicz, erforscht und archiviert das Kultur- und Ausstellungszentrum die DNA des ehemaligen jüdischen Viertels und die Biografien seiner Bewohner.

Das im 18. Jahrhundert erneuerte Grodzka-Tor, jahrhundertelang »Jüdisches Tor« genannt, weil es Lublins Altstadt mit dem Judenquartier verband, geht zurück auf die Stadtbefestigung aus dem Jahr 1342. Das nach seinem Standort benannte NN Theatre ist auch Katalysator für die Singer-Rezeption und (Mit-)Organisator von Veranstaltungen wie »Die Stadt der Dichtung« oder des Festivals »Sladami Singera« (In Singers Fußstapfen), das Künstler, Musiker und Zirkusleute aus aller Welt in insgesamt 15 Städten bestreiten – allesamt Orte, in denen Singer seine Helden ansiedelte.

Straßen und Gassen sind beliebt als Filmkulisse

Lublins jüdisches Viertel in der Nähe des Schlosses zählt heute zu den attraktivsten Gegenden der Stadt. Einige historische Fassaden zieren hebräische Wörter. Die Straßen und Gassen sind beliebt als Filmkulisse, und bei Besuchern fördern sie den mentalen Zeitsprung. Ebenso wie die eindrücklichen Aufnahmen, die dem 1883 geborenen jüdischen Fotografen Abram Zylberberg zugeschrieben werden. 2012 tauchten bei Reparaturarbeiten im Haus Am Markt 4, wo Zylberberg vorübergehend wohnte, Negative von mehr als 2700 Fotos auf. Etliche davon bilden nun stark vergrößert eine Porträt­galerie entlang von Häusern in der Altstadt: Kunst im öffentlichen Raum. Das Konvolut dokumentiert die Epoche von 1914 bis 1939, als ein Drittel der Einwohner Lublins jüdisch war – 43.000 Menschen, 1865 waren es sogar rund 60 Prozent.

Während Synagogen jetzt oft wieder einladende Orte sind, erinnert an die Große Synagoge in Lublin nurmehr eine Gedenktafel. Die Dauerausstellung in der ehemals weithin berühmten Talmudschule erschließt detailreich das Zeitalter, in dem das jüdische Leben in der Stadt blühte. Im selben Gebäude befinden sich die Synagoge und das elegante Hotel Ilan. Anders als heute, da die jüdische Gemeinde in Lublin auf nur noch rund 30 Mitglieder geschrumpft ist, spürte Jascha noch »die Beständigkeit einer alten fest gegründeten Gemeinde«.

Neben Jascha fokussiert das Stadtmarketing bedeutende Juden, die einst in Lublin lebten.

Isaac Bashevis Singer gehörte der Gemeinde nicht an, er lebte nie in der Stadt nahe der ukrainischen Grenze und siedelt seine Akrobatenfabel wesentlich in Warschau an, wo er bis zu seiner Emigration in die USA im Jahr 1935 lebte. Unlängst wurde gleichwohl in Lublin ein Platz nach ihm benannt. Doch nurmehr ein Schild markiert ihn einstweilen, drum herum wuchert Gestrüpp.

Eine Parabel über Läuterung

Neben dem fiktiven Juden Jascha, wesentlich für Lublins »Identitätsfindung«, fokussiert das Stadtmarketing die »bedeutenden Lubliner Juden« Schlomo Luria (1510–1573), den Maharschal, Jakov Jizchak Horowitz (1745–1815), den »Seher von Lublin«, einen der bekanntesten chassidischen Führer und Mystiker seiner Zeit, sowie Meir Shapiro (1887–1933), den Lubliner Rav, Gründer der Chachmei Lublin Yeshiva und erster jüdisch-orthodoxer Abgeordneter des Parlaments der Zweiten Polnischen Republik.

Das Leben Jaschas ist eine Parabel über Läuterung: ein Thema ohne Verfallsdatum. »Würdige Juden«, erzählt Singer am Ende des Romans, suchten den »Rat und Segen« des Heimkehrers, »als wäre er ein Rabbi«. Jetzt, wo Jascha unfallbedingt kein Akrobat mehr ist, blicken fromme Juden statt Zirkuspublikum zu ihm auf.

2029 Europäische Kulturhauptstadt

Lublin verzeichnete vor einigen Monaten einen Titelgewinn: Die frühere Residenzstadt wird 2029 Europäische Kulturhauptstadt. Dabei hatte sie erst 2017 groß gefeiert: ihr 700-jähriges Bestehen. Wie man die Kulturhauptstadt-Krone unterfüttern wird, um den außerordentlichen jüdischen intellektuellen und wirtschaftlichen Beitrag zu würdigen, der die geistige Haltung und prachtvollen Bauwerke der 340.000-Einwohner-Stadt bis heute prägt, ist für viele eine spannende Frage.

Im Zeichen von »RE:UNION« – so lautet das Motto für 2029 – sollen Menschen einander näherkommen und geschichtliche Epochen zueinander in Bezug gesetzt werden. So weit, so allgemein. »RE:UNION« ist indes mehr als ein willkürlich übergestülpter Begriff aus der woken Wortschatzkiste, der in Zeiten von Krieg und unfassbarem Terror zeitgeistig Völkerverständigung beschwört. Die Kulturkapitale in spe bezieht sich vielmehr ausdrücklich auf die Lubliner Union zwischen Polen und Litauen im Jahr 1569. Damals seien »Christen, Juden und Orthodoxe für einen Moment miteinander vereint« gewesen, heißt es.

Daran will man anknüpfen. Bis 2029 sollen »historische Stätten und Erzählungen neu erlebbar« sein. Nicht zuletzt dank Singers Vorarbeit dürfte der Zauber von Lublin dann noch viel mehr Menschen entflammen.

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