New York

Wie mein Junge das Essen lernte

Nach der Entwöhnung von der Mutterbrust aß unser Sohn ein Jahr lang eigentlich alles. Dann wurde er drei, und zack – plötzlich ging gar nichts mehr. Sein Speisezettel beschränkte sich fortan auf die folgenden Gerichte: 1.) Brote, die dick mit Philadelphia bestrichen waren, 2.) Hotdogs, naturgemäß durften es nur die koscheren von Abeles & Heyman sein, 3.) Pizza mit Tomatensauce, 4.) Erdbeerjoghurt, aber bitte ohne ekelige Fruchtstücke, 5.) Fuji-Äpfel (Baruch haschem! Immerhin!). Geübte Leser erkennen sofort, was in dieser Liste fehlt: Gemüse jeglicher Art.

Dann wurde unser Sohn zwölf. Und beinahe über Nacht entdeckte er (erstens) Rühreier und (zweitens) Kartoffeln. Und Spaghetti mit Tomatensoße. Er war sogar bereit, Karotten wenigstens zu probieren, halleluja! Danach beschloss ich, mit ihm eine Fressorgie quer durch New York zu unternehmen. Schließlich ist unsere Heimatstadt (800 Sprachen, ungezählte Religionen) ein Ort, wo man eine kulinarische Weltreise unternehmen kann, ohne auch nur das Stadtviertel zu verlassen.

Kulinarische Weltreise, ohne das eigene Viertel verlassen zu müssen

Wir begannen in Chinatown. Ich wollte unserem Sohn die Gelegenheit geben, eine Parallelgesellschaft zu erleben, die nicht im Traum daran denkt, sich kulinarisch dem American Way of Life anzupassen, und dabei bestens funktioniert. Ich gestehe: Das Restaurant, das wir aufsuchten, war nicht koscher. Selbstverständlich gibt es in New York auch koschere Chinesen. Das funktioniert dann so, dass die Köche aus China stammen und ein Maschgiach aufpasst, dass sie nicht die milchigen mit den fleischigen Tellern verwechseln.

Aber ich wollte authentische Atmosphäre, und das heißt: fröhliche chinesische Großfamilien sowie Resopal-Tische, die zwecks Reinigung mit grünem Tee abgewischt werden. Ich bestellte unserem Sohn kalte Sesamnudeln und zeigte ihm, wie man mit Stäbchen hantiert. Außerdem informierte ich ihn, dass es in China – einer uralten Kulturnation, die vieles mit dem Judentum gemein hat – keineswegs als unhöflich gilt, Nudeln der Länge nach geräuschvoll einzusaugen. Er schlürfte und sprach die goldenen Worte: »Tati, kann ich das hier bitte für den Rest meines Lebens essen?«

Sonntagsausflug nach Harlem

Eine Woche später unternahmen wir einen Sonntagsausflug nach Harlem. In einer Kirche sang ein Gospelchor so herzzerreißend schön, dass unser Sohn am liebsten hineingegangen wäre und mitgesungen hätte. Ich hatte uns ein Restaurant ausgesucht, das sich auf Soul Food spezialisiert hat, die traditionelle Küche der Schwarzen aus den Südstaaten. Als Erstes stellte die Kellnerin uns in einem Körbchen herrliches gelbes Maisbrot auf den Tisch. Manche sagen, dies sei gar kein Brot, sondern Kuchen, denn die Schwarzen tun jede Menge Zucker hinein – aber was ist das für ein Argument?

Er mag keine Pastrami. Haben wir bei seiner jüdischen Erziehung etwas falsch gemacht?

Während wir auf den Hauptgang warteten und mein Sohn mit beeindruckender Geschwindigkeit das Brotkörbchen leer aß, erzählte ich ihm von der Freundschaft Martin Luther Kings mit Abraham Joshua Heschel, dem polnischen Rabbi, der in Amerika zum wichtigsten Vertreter des konservativen Judentums wurde. Heschel predigte: »Rassismus ist Satanismus.« An der Seite von Pastor King demonstrierte er in Alabama dafür, dass schwarze Amerikaner in den Südstaaten endlich das Wahlrecht erhielten. Wäre Martin Luther King im April 1968 nicht erschossen worden, wäre er kurz danach Gast an Rabbi Heschels Sedertafel gewesen.

Während ich noch redete, kam unser Hauptgang: ein Barbecue-Hühnchen. Hier muss ein gängiges Missverständnis aufgeklärt werden: Barbecue heißt nicht grillen! Grillen ist schnell und heiß; Barbecue ist relativ kalt und langsam, das Fleisch hängt stundenlang über glimmendem Holz in einem extra dafür konstruierten Ofen.

Nachdem ich meinen Sohn informiert hatte, dass es völlig okay sei, dieses himmlische Gericht mit bloßen Fingern zu zerlegen, stellte er mir die Frage: »Tati, kannst du das jeden Freitagabend für uns kochen?« Ich tippte mir mit dem Finger an die Stirn.

Tacos vom lokalen Mexikaner: Besser als im Ferienlager

Was als Nächstes? Wie alle amerikanischen Kinder hat unser Sohn den letzten Sommer in einem Ferienlager verbracht; und wie in allen Ferienlagern waren auch dort mittelmäßige Tacos gereicht worden. Er hatte sie gekostet und für essbar, aber nicht besonders gut befunden. Also nahm ich ihn zu unserem örtlichen Mexikaner mit, damit er das echte Produkt kennenlernte.

Da wir keine Ku-Klux-Klan-Mützen über dem Kopf trugen und uns auch sonst nicht wie Gangster aufführten, hielt uns niemand für schießwütige Agenten der amerikanischen Einwanderungsbehörde ICE, und Jesús, der Wirt, begrüßte uns wie alte Freunde. Nun wagte ich ein riskantes pädagogisches Experiment: Ich bestellte Guacamole. »Mach die Augen zu«, sagte ich zu unserem Sohn. Ich nahm einen Nacho, tauchte kräftig ein und steckte ihm den Bissen in den Mund. Er sperrte die Augen weit auf. Und schaufelte praktisch die ganze Guacamole in sich hinein, obwohl es sich hier ohne Zweifel um so etwas wie Gemüse handelte. Hinterher verspeiste er mit Behagen zwei Steak-Tacos und ließ sich den dritten einpacken.

Interessante Beobachtung: Er mochte also Steak! Gewiss hätte ich ihn zu einem der Steakhäuser schleppen können, von denen es in New York sehr viele gibt; ein koscheres Restaurant für diese Art von fleischlichen Gelüsten befindet sich ganz in der Nähe des Times Square. Ich wollte unseren Sohn aber mit einer weiteren Parallelgesellschaft vertraut machen, und so gingen wir nach Koreatown.

Koreatown: Ein halber Erfolg

Von den herrlichen Vorspeisen rührte er leider nichts an: nichts von dem eingelegten Kürbis, keinen scharfen Kimchi. Aber er schaute fasziniert zu, wie die für unseren Tisch zuständige Dame mit einer Schere das Rindfleisch zerschnitt und es auf dem kleinen Grill platzierte, der vor uns aufgebaut worden war. Unser Sohn sah dann aber nicht ein, warum man das gegrillte Fleisch in XXL-Salatblätter einwickeln sollte. Er aß nur das gegrillte Fleisch mit nichts dazu. Ich verbuchte das als halben Erfolg.

Ein richtiger Reinfall wurde dann ausgerechnet mein Versuch, ihn für die ostjüdische Küche zu begeistern. Dabei gibt es in unserem Viertel ein Deli, in dem die Zeit circa 1953 stehen geblieben ist: mit grünem Plastik bezogene Sitzbänke, die angeordnet sind wie in einem Zugrestaurant, niedrig hängende Lampen über im Boden verschraubten Tischen, an der Wand ein kitschig-buntes Bild von Jerusalem. Eigentlich nehme ich alle Freunde aus Deutschland hierhin mit. Ein deutscher Konsul, den ich anschleppte, war von dem Ambiente regelrecht begeistert.

Inzwischen ist mein Sohn ein Meister im Zwiebelschneiden.

Unseren Sohn ließ das alles ungerührt. Er verschmähte das hausgemachte Cole-slaw, obwohl es köstlich ist; er verschmähte die eingelegten Gurken, die ihm groß und grün vor die Nase gelegt wurden. Gut, damit hatte ich gerechnet, aber nun kam der Schock: Unserem Sohn schmeckte auch das Pastrami-Sandwich nicht. Und dabei ist die Pastrami in unserem Deli (bitte sagen Sie’s nicht weiter) besser als bei Katz’s in der Lower East Side! Unserem Sohn indessen war die Sache zu salzig, zu fett, zu opulent. Haben wir bei seiner jüdischen Erziehung etwas falsch gemacht?

Liebe zum Döner Kebab

Was unser Sohn hingegen liebt: Döner Kebab. Er hatte das Fladenbrot mit dem Fleisch bei einem Hamburg-Urlaub entdeckt, und jawohl, er isst auch den Salat mit. Als neue Errungenschaft gibt es im East Village ein Döner Haus. Das ist kein Schreibfehler, es muss wirklich »Haus« heißen, denn Döner gilt in Amerika als urdeutsche Angelegenheit. Bei einem unserer Ausflüge nach Manhattan haben wir das Döner Haus getestet. Zunächst besuchten wir den Strand Bookstore, einen der heiligen Orte in New York, an dem man drei Stockwerke voller antiquarischer Bücher durchstöbern kann. Danach holten wir uns unseren Lunch und setzten uns – es war Sommer – auf den Union Square. »Tati«, sagte unser Sohn mampfend, »das schmeckt ja wie zu Hause.« Zu Hause?

Was ich nun gern noch mit ihm ausprobieren möchte: afrikanische Küche – bei uns in der Bronx leben zum Glück recht viele Einwanderer aus Ghana, Nigeria, dem Senegal. Vorübergehend leider nichts für ihn ist das Tsion Café in Harlem, das von einer äthiopischen Jüdin aus Israel betrieben wird, denn es ist vegan. Aber demnächst könnte ich ihn in die Geheimnisse der persischen Küche einführen. Vielleicht ließe sich sogar meine Frau überreden, uns bei diesem Abenteuer zu begleiten.

Die Barmizwa kann kommen

In der Zwischenzeit habe ich angefangen, mit meinem Sohn zu kochen. Auf YouTube haben wir ein koscheres Rezept für Chicken Tikka Masala gefunden, das ist mittlerweile ein Lieblingsgericht. (Die Inder marinieren das Hühnchen in Joghurt; man kann dafür aber auch Kokosmilch verwenden.) Er ist mittlerweile ein Meister im Zwiebelschneiden, hat klare Meinungen zu Gewürzen (ein bisschen scharf darf es für ihn – im Unterschied zu seiner Mutter – sein); und ich habe ihm beigebracht, dass zur Arbeit des Kochens auch das Abwaschen und Saubermachen danach gehört. Mit anderen Worten: Die Barmizwa kann kommen.

Durch all diese Erfahrungen habe ich jetzt eine Antwort für Tucker Carlson gefunden. Carlson, ein amerikanischer Nazi mit Millionenpublikum, stellte seinen Fans vor ein paar Jahren die rhetorische Frage: »Was ist eigentlich der Vorteil einer multikulturellen Gesellschaft? Könnt ihr mir auch nur einen einzigen nennen? Wirklich jetzt: Was spricht dafür?«

Hochverehrter und vielbegabter Herr Carlson, möchte ich ausrufen. Ich glaube ja nicht, dass die Meinung eines Einwanderers aus Mitteleuropa, für den es keine höhere Zivilisationsleistung gibt als das gute alte Habsburgerreich, Ihnen etwas bedeutet. Aber just for the record: Die multikulturelle Gesellschaft hat meinen Sohn das Essen gelehrt.

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