Russland

Der Kreml bleibt stur

Väterchen Russland: Premier Wladimir Putin möchte die frommen Schriften gern selbst behalten. Foto: dpa

Ende Juli veröffentlichte das Bezirksgericht in Washington sein Urteil: Die Russische Föderation müsse alle »religiösen Bücher, Manuskripte, Dokumente und anderen Gegenstände«, die zur »Schneerson-Sammlung« gehören, der Organisation Chabad aushändigen. Sämtliche Kosten für die Übergabe habe der Beschuldigte zu tragen.

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: »Für jeden Juristen ist klar erkennbar, dass der Urteilsspruch rechtlich hinfällig ist und einen groben Verstoß gegen die Normen und Prinzipien des internationalen Rechts darstellt«, erklärte das russische Außenministerium am 11. August. An eine Übergabe sei nicht zu denken.

Der Gegenstand des Streits, die Schneerson-Sammlung, besteht aus zwei Teilen: der Bibliothek, die sich in der Russischen Staatsbibliothek befindet, und dem Archiv, das im Russischen Militärarchiv untergebracht ist. Insgesamt soll es sich um etwa 12.000 Bücher, rund 50.000 andere Dokumente und 381 Manuskripte handeln, darunter einzigartige handschriftliche Aufzeichnungen des dritten Rabbiners Menachem Mendel Schneerson (1902–1994), dem langjährigen Oberhaupt der Chabad-Bewegung. Etliche der Manuskripte werden zu den Grundlagen des Chassidismus gezählt. Wissenschaftler schätzen vor allem diese Handschriften als wertvoll ein. Für viele chassidische Juden ist die gesamte Sammlung heilig.

geschichte Gegen Ende des 18. Jahrhunderts begannen die Rabbiner der Familie Schneerson in der zum Zarenreich gehörenden Kleinstadt Ljubawitschi, religiöse Bücher, Dokumente und Handschriften zu sammeln. In den Wirren des Ersten Weltkriegs und des russischen Bürgerkriegs konfiszierten die Bolschewiken die Bibliothek. Als Feind der Revolution zum Tode verurteilt, reiste der sechste Rabbiner Josef Isaak Schneerson mit dem Archiv nach Polen aus. 1939 floh er vor der vorrückenden deutschen Wehrmacht in die USA. Das zurückgelassene Archiv verschleppten zuerst die Nazis nach Berlin, dann die Rote Armee nach Moskau.

Seit den 90er-Jahren fordert Chabad die Rückgabe der Sammlung. Die Organisation ist heute eine der größten chassidischen Vereinigungen weltweit, versteht sich als rechtmäßige Nachfolgerin des kinderlosen Rabbiners. 2004 kam die Angelegenheit in den USA vor Gericht. Nach einer einstweiligen Verfügung der Übergabe stieg Russland 2009 aus dem Prozess aus. Daraufhin ließ Richter Royce C. Lamberth am 30. Juli 2010 das Default Judgement zugunsten des Klägers veröffentlichen.

Sowohl die einstweilige Verfügung als auch das Urteil weist Russland mit der Begründung ab, Staaten seien juristisch immun. Kein Richter könne ein Urteil gegen einen Staat sprechen, wenn Letzterer dem Prozess nicht zustimme. Aus amerikanischer Sicht dagegen ist das Urteil einwandfrei. Der U.S. Foreign Sovereign Immunities Act ermöglicht es, gegen einen fremden Staat zu prozessieren, wenn dieser Eigentum eingezogen und dabei gegen internationales Recht verstoßen hat. Für Richter Lamberth trifft dies für das Schneerson-Archiv zu, das die Rote Armee außerhalb Russlands beschlagnahmte.

aufgeheizt Dass der Prozess politisch aufgeheizt wurde, hat die Patt-Situation zusätzlich begünstigt. Zwischen 2007 und 2010 wollte die Klägerseite Russland unter Druck setzen. Die Übergabe der Sammlung sollte mit der Aufhebung von Jackson-Vanik belohnt werden – Wirtschaftssanktionen gegen die Sowjetunion aus dem Jahr 1974, die bis heute lediglich ausgesetzt sind. Der russischen Führung, die sich gerade um die Mitgliedschaft in der Welthandelsorganisation WTO bemühte und seit den 90er-Jahren höchst allergisch auf jede amerikanische Beeinflussung reagiert, musste dieses Manöver bitter aufstoßen.

Vertreter der jüdischen Gemeinde in Moskau rufen nun dazu auf, sich nicht in juristischer Haarspalterei zu verlieren. Die Schriften müssten den Chassiden zugänglich gemacht werden. »Auch in Russland gibt es viele Organisationen, die der Bewegung Chabad-Lubawitsch angehören.

Es gibt also Möglichkeiten, die Bücher und Handschriften zu übergeben«, findet Juri Kanner, Präsident des Russischen Jüdischen Kongresses (REK). In Russland diskutiert man derzeit zudem einen Gesetzentwurf zur Rückgabe von religiösen Gütern, die von den Sowjets nationalisiert wurden. Womöglich, so hofft Kanner, ist das eine Chance.

Kanada

Ein wenig Mizwa, sehr viel Macho

Das Magazin »Rolling Stone« kürte Drake einst zum »größten jüdischen Rapper aller Zeiten«. Doch der Anfang war hart

von Sarah Thalia Pines  05.11.2026

London

Banal, schlicht und ironisch

Julia Pascals Theaterstück »The Banality of Evil: Hannah Arendt, France, 1940« erzählt von Hannah Arendt, Charlotte Salomon und Eva Daube als deutsche Jüdinnen in Frankreich und ihrem Leben zwischen zwischen Exil, Gefangenschaft und Überlebenskampf

von Daniel Zylbersztajn-Lewandowski  05.11.2026

Treffen

Bob Dylan bei Papst Leo XIV. im Vatikan - mit Cap und Kapuze

Der Musiker und Songwriter Bob Dylan ist 1997 zum ersten Mal einem Papst begegnet - damals in Bologna, bei einem Jugendtreffen. Nun kam er in den Vatikan und sprach dort mit einem Landsmann

von Ludwig Ring-Eifel  05.11.2026

Meister der Melancholie

Leonard Cohen: »Jikan der Stille« lebte seine Religion - und auch eine andere

Seine Lieder sind geheimnisvoll, oft düster - und doch von beklemmender Schönheit. Leonard Cohen war nie zu greifen, mit niemandem zu vergleichen. Vor zehn Jahren ist er gestorben

von Alexander Brüggemann  05.11.2026

Internetbetrug

Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau warnt vor Fake-Webseite

Wer die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau besuchen will, muss bei der Buchung aufpassen. Denn aktuell gibt es eine gefakte Webseite, teilte die Gedenkstätte mit

von Christiane Laudage  04.11.2026

Brasilien

Kein Freund Israels

Nach dem überraschenden Wahlsieg des linken Präsidenten Lula gibt sich die jüdische Gemeinde des Landes dennoch zuversichtlich

von Andreas Knobloch  04.11.2026

USA

Jüdische MAGA-Aktivistin an der Uni mit Tod bedroht

Die jüdische Studentin und Trump-Unterstützerin Liz Benichou wurde auf dem Campus der University of Michigan attackiert und zu Boden gestoßen

von Nicole Dreyfus  04.11.2026

USA

»Viele jüdische Wähler haben mit zugehaltener Nase abgestimmt«

Der jüdische Rechtsanwalt und Historiker Michael Traison über den Erdrutschsieg der Demokraten bei den Midterms und die möglichen Folgen für Amerikas Beziehungen zu Israel

von Michael Thaidigsmann  04.11.2026

USA

Die innere Sicherheit

Wie jüdische Gemeinden ihren Alltag gegen wachsenden Antisemitismus verteidigen – und sich zunehmend selbst schützen müssen. Ein Ortsbesuch in Washington, D.C. und Miami

von Katrin Richter  02.11.2026