Der jüdische Kardinal

Kardinal Jean-Marie Lustiger bei der Karfreitagsprozession Foto: picture-alliance / dpa

Die Pariser Kathedrale Notre-Dame und ihr Vorplatz waren zum Bersten voll, als sie ihn zu Grabe trugen. Es war ausgerechnet das Kaddisch, das den Auftakt machte zur Trauerfeier für einen Kardinal, der mit seinem Anderssein aneckte - und es zelebrierte. Aron Jean-Marie Lustiger, geboren als Jude, konvertiert zum Katholizismus und immer Jude geblieben, wäre am 17. September 100 Jahre alt geworden.

»Jude wie Jesus Christus, Pole wie unser Papst und Franzose wie wir alle«, charakterisierte die französische römisch-katholische Zeitung »La Croix« Lustiger, als Papst Johannes Paul II. den Pariser Pfarrer 1979 zum Bischof von Orleans machte. Es war der Auftakt einer schnellen kirchlichen Karriere.

412 Tage nach seiner Bischofsweihe trat Lustiger ein Amt an, das er bis zu seinem alters- und krankheitsbedingten Rückzug im Februar 2005 innehaben sollte: die Leitung des Erzbistums Paris. Auf den Tag genau zwei Jahre später, am 2. Februar 1983, nahm der Papst Lustiger ins Kardinalskollegium auf.

Autoritär, charismatisch und konservativ

Lustiger galt als enger Vertrauter und Freund des polnischen Papstes, als dessen potenzieller Nachfolger er zwischenzeitlich gehandelt wurde. Die ihn kannten, beschreiben auch seine Charakterzüge als nicht ohne Widerspruch. Autoritär soll er gewesen sein und impulsiv, charismatisch, aber ein »Bulldozer«, ein großartiger Redner ohne Prunk und Pomp und seiner Zeit irgendwie voraus. In Sachen kirchlicher Lehre und Liturgie aber war er kompromisslos, konservativ wie das Kirchenoberhaupt seiner Zeit.

In einer zunehmend säkularen Moderne kämpfte er für den öffentlichen Raum für Religion. Er initiierte den Bau mehrerer neuer Kirchen und gründete als katholische Stimme in der säkularen Gesellschaft Frankreichs einen katholischen TV- und Radio-Sender. Das Christentum und der Gottesbezug in der Verfassung der EU waren für ihn eine Frage der europäischen Identität.

Der Horror von Auschwitz

Lustiger wurde als Franzose geboren - unfreiwillig. Seine Eltern, Strickwarenhändler im oberschlesischen Bendzin, waren vor dem osteuropäischen Antisemitismus geflohen. Der Horror der Nazis sollte sie auch in Paris nicht verschonen - und zu einer schwer vernarbenden Wunde im Leben des späteren Kardinals werden.

Im September 1942 wurde seine Mutter ins französische Abschiebelager Drancy gebracht. Einige Monate später starb sie wie Arons Großmutter, weitere Familienangehörige und Millionen andere im Gas von Auschwitz. Mehr als 30 Familienangehörige wurden in nationalsozialistischen Vernichtungslagern getötet.

Lustiger überlebte im Internat, als Arbeiter in einer Kleinstadt und schließlich in einer von Jesuiten geführten Landwirtschaftsschule. »In Paris gibt es Grabsteine, die an zwei Mitglieder meiner Familie erinnern. Aber hier, in der Gedenkstätte für die Holocaust-Opfer Yad Vashem, sind die Namen aller Familienangehörigen verzeichnet, die ich verloren habe«, sagte er 1995 bei einem Israelbesuch, der seinerzeit für bittere Kontroversen sorgte.

Gegen die Eltern - für Christus

Als seine Mutter für ihr Jüdischsein hingerichtet wurde, war Aron bereits Christ. 1940, im Alter von 14 Jahren, ließ er sich wie seine jüngere Schwester Arlette taufen - trotz der Skepsis der Eltern. Später kam es zu einer zweijährigen Sendepause zwischen Vater und Sohn, als Aron nach Kriegsende seinen Willen kundtat, Priester zu werden.

Für den Kardinal waren Christ-Sein und Jude-Sein kein Widerspruch, sondern eine Art Erfüllung. »Ich bin als Jude geboren. Ich habe den Namen meines väterlichen Großvaters bekommen, Aron. Durch den Glauben und die Taufe Christ geworden, bleibe ich jüdisch, wie die Apostel jüdisch geblieben sind.«

Die Inschrift zu seinem jüdisch-christlichen Erbe auf der Gedenktafel in Notre-Dame verfasste Lustiger selbst. Das Kaddisch, vorgetragen am Sarg von seinem jüdischen Cousin Arno, entsprach seinem Wunsch nach einer Verbindung von jüdischer Herkunft und christlichem Glauben.

Brückenbauen zwischen Juden und Christen

Zeit seines kirchlichen Lebens diente Lustiger seine Doppelidentität als Pfeiler jener Brücke, die er zwischen Juden und Christen baute. Skepsis und Kritik, die der jüdische Kardinal anfangs von beiden Seiten für sein Engagement für eine Annäherung und gegen Antisemitismus erntete, wichen mit der Zeit einem tiefen Respekt bis auf internationale Ebene.

Es war seine Vermittlung, die 1993 eine Krise um ein Karmelitinnenkloster löste, das sich 1984 in einem ehemaligen Zyklon-B-Lager am Konzentrationslager Auschwitz niedergelassen hatte. Lustiger konnte Johannes Paul II. davon überzeugen, die Ordensfrauen umzusiedeln.

Zum Auschwitz-Gedenken entsandt

Als eine seiner letzten großen Rollen vor dem Rücktritt vertrat er im Januar 2005 seinen Vertrauten Johannes Paul II. bei den Gedenkfeiern zum 60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Der Papst habe ihn geschickt, »auch um die Schoa-Opfer und das jüdische Volk zu ehren«, erklärte Lustigers Cousin Arno, der seinerseits beim Gedenken im deutschen Bundestag ein härteres Vorgehen der deutschen Politik gegen Neonazis und Rechtsradikale anmahnte.

Am 5. August 2007 starb Lustiger im Alter von 80 Jahren. Jüdische und christliche Trauergebete umgaben den Sarg eines Mannes, der bis zum Schluss manchen Katholiken zu jüdisch und manchen Juden zu katholisch war. Er füllte diese Zwischenwelt mit Einzigartigkeit.

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