Meinung

Eklat im Schweizer öffentlich-rechtlichen: Das RTS und der Israelhass

Das israelische Zweierbob-Team konnte die Hasstiraden des Schweizer TV-Kommentators auf RTS erst im Nachhinein hören. Pilot Adam Edelman und sein Bremser Menachem Chen waren auf der Zielgeraden des Eiskanals in Mailand-Cortina und konzentrierten sich auf ihr Rennen. Während der 58-sekündigen Abfahrt kommentierte der Sportjournalist Stefan Renna jedoch nicht das Rennen, sondern Edelmans Tätigkeit in den sozialen Medien.

Der Bobfahrer sei »Zionist durch und durch« und würde den »Genozid in Gaza« gutheißen, so der Kommentator. Außerdem sei »Genozid« der entsprechende Terminus, der auch »von der UN-Untersuchungskommission für die Region in Gaza verwendet« werde. Eine sportliche Einordnung? Mitnichten. Was Renna hier in den Äther jagte, waren persönliche politische Bewertungen, die mit Sportberichterstattung nichts zu tun haben.

Ein Journalist, der während eines sportlichen Wettkampfs seine eigenen politischen Ansichten kundtut, macht die Übertragung zur persönlichen Kommentarbühne.

Dass ein TV-Kommentator seine persönlichen Befindlichkeiten ins Mikrofon redet, kann vorkommen. Und ist menschlich. Denn Sport sorgt für Emotionen, auch bei Journalisten. Aber es ist nicht verwegen, zu behaupten, dass Renna hier eine rote Linie weit überschritten hat.

Ein Journalist, der während eines sportlichen Wettkampfs seine eigenen politischen Ansichten kundtut, unabhängig der Nationalität des Sportlers oder der Sportlerin, verlässt aber die Rolle des Beobachters und macht die Übertragung zur persönlichen Kommentarbühne.

Lesen Sie auch

Hinzu stellt sich die Tatsache, dass es sich um einen israelischen Sportler gehandelt hat. Es ist zweifelhaft, ob der Kommentator auch bei einem chinesischen oder sudanesischen Team seine Beobachtungen auf politische Berichterstattung umgestellt hätte. Vermutlich nicht. Doch das ist nur des Skandals erster Teil.

Problematisch ist, wie der öffentlich-rechtliche Sender RTS, der Rundfunk für das französischsprachige Publikum in der Schweiz, der zur SRG-Gruppe gehört, darauf reagiert. Wie der Sender mitgeteilt hat, wollte der Journalist »die Politik des IOC (Internationalen Olympischen Komitees) bezüglich der Äußerungen des betroffenen Athleten hinterfragen«.

Lesen Sie auch

Offenbar hält es die SRG mit dem publizistischen Auftrag eines öffentlich-rechtlichen Senders für vereinbar, wenn ein Sportkommentator während einer Live-Übertragung Athleten politisch etikettiert (»durch und durch Zionist«), statt ihre sportliche Leistung zu kommentieren.

Das ist der eigentliche Skandal, zumal eine Rundfunkanstalt wie die SRG bei aller Kritik stets betont, wie ausgewogen ihre Berichterstattung sei. Offenbar gelten andere redaktionelle Richtlinien bei der SRG für politische Einordnungen im Sport.

Die SRG hat sicherzustellen, dass persönliche und politische Bewertungen eines Kommentators nicht als redaktionelle Haltung des Senders wahrgenommen werden – insbesondere bei hochsensiblen Themen wie dem Nahostkonflikt. Somit ist es auch nicht angemessen, während einer laufenden Wettkampfleistung schwerwiegende politische Vorwürfe zu thematisieren.

dreyfus@juedische-allgemeine.de

Uganda

Entebbe-Entführung 1976: Debatten um Linksterror und Antisemitismus

Vor 50 Jahren entführten zwei Deutsche und zwei Palästinenser einen Airbus aus Israel nach Uganda. Dabei sollen sie Geiseln nach antisemitischen Kriterien voneinander getrennt haben. Die Tat befeuerte das Unbehagen vieler Linker mit Gewalt

von Nils Sandrisser  22.06.2026

Kommentar

Wie Holger Friedrich und seine »Berliner Zeitung« Juden instrumentalisieren

Ob in der Debatte über den Umgang mit KI oder Kreml-Diktator Wladimir Putin: Der Verleger interessiert sich nur dann für Juden, wenn es seinen Interessen dient

von Matthias Meisner  19.06.2026

St. Petersburg

Im Licht der Weißen Nächte

Die Mitternachtsdämmerung des Nordens weckt Erinnerungen an Märchen und führt unseren Autor zurück in seine Kindheit im damaligen Leningrad

von Vladimir Vertlib  18.06.2026

Schweiz

Jugendlicher plante Blutbad

Der Prozess gegen einen Schüler, der einen Juden in Zürich töten wollte, beginnt am 1. Juli. Die Anklageschrift zeichnet das Bild eines sich früh radikalisierenden Jugendlichen

von Nicole Dreyfus  18.06.2026

USA

Nach antisemitischer Bewerbung: Rechtsextreme feiern Cornell-Studenten

Der 19-jährige Austin Franco wird für ein Praktikum von einem Softwareunternehmen der Brüder Gabe und Aiden Einhorn angenommen. Doch dann schreibt er, er sei »nicht daran interessiert, für einen Juden zu arbeiten«

 18.06.2026

Belarus

Antisemitische Ausfälle aus Minsk

Ein Interview des belarussischen Machthabers Alexander Lukaschenko belastet das bilaterale Verhältnis mit Israel

von Alexander Friedman  17.06.2026

Bonn/Berlin

»Habt keine Angst«: Zeitzeuge Marian Turski vor 100 Jahren geboren

Er gehörte zu den bekanntesten Schoa-Überlebenden. Seine Worte ermutigen viele Menschen auch über seinen Tod im Jahr 2025 hinaus. Zum 100. Geburtstag blickt ein Freund Turskis auf die Zukunft des Erinnerns

 16.06.2026

Interview

»Mir wurde immer wieder vorgeworfen, ich sei zu proisraelisch«

Der Schweizer Politiker und Ständerat Daniel Jositsch über die wahren Gründe für seinen Austritt aus der SP, postkoloniale Irrwege und den Antisemitismus innerhalb der Linken

von Nicole Dreyfus  16.06.2026

Albanien

Flamingos gegen Kushner

In Tirana wächst der Widerstand gegen einen Inselverkauf. Präsident Edi Rama wirft den Demonstranten Antisemitismus vor. Zu Recht?

von Adelheid Wölfl  16.06.2026