Mauricio Rosencof

»Das Morse-Alphabet neu erfunden«

In Uruguay wurde seine Lebensgeschichte zum Kinohit: Mauricio Rosencof Foto: Victoria Eglau

Mauricio Rosencof

»Das Morse-Alphabet neu erfunden«

Der 85-Jährige erinnert sich an seine Zeit im Gefängnis während der Militärdiktatur

von Victoria Eglau  25.07.2019 10:01 Uhr

Der Blick aus Mauricio Rosencofs Wohnzimmerfenster verliert sich im Blau des Himmels über Montevideo und im Grau des Río de la Plata. Der uruguayisch-jüdische Schriftsteller und Dramaturg wohnt nur wenige Schritte von der Strandpromenade des »Silberflusses« entfernt, der hier so breit ist wie ein Meer. Man ahnt, was die grandiose Aussicht für einen Menschen bedeutet, der zwölf Jahre lang in den dunklen Kerkern von Uruguays Militärdiktatur (1973–1985) eingesperrt war, ohne je das Tageslicht zu erblicken.

Befreiung Rosencof, heute 85 Jahre alt, war Mitgründer der Nationalen Befreiungsbewegung Tupamaros. 1972 wurden er und viele andere Mitglieder dieser linken Guerillagruppe festgenommen. Mit dem Beginn der Militärdiktatur im Jahr darauf verschärften sich ihre Haftbedingungen drastisch.

»Wir wurden informiert, dass wir nun nicht mehr Gefangene, sondern Geiseln waren«, sagt Mauricio Rosencof. Er und acht weitere Tupamaros verschwanden in geheimen Verliesen. Die Militärs ließen keinen Zweifel daran, dass man sie umbringen werde, falls die Untergrundorganisation noch einmal Anschläge verüben sollte.

Einzelhaft »Wir wurden die meiste Zeit in unterirdischen Räumen festgehalten, in die niemals frische Luft gelangte. Wir durften nicht miteinander sprechen und uns nicht sehen«, erinnert sich Rosencof, der die Haft mit José »Pepe« Mujica, Uruguays späterem Präsidenten (2010–2015), und Eleuterio Fernández Huidobro teilte. Sie saßen zwar in Einzelzellen, aber wurden zu dritt Dutzende Male verlegt – eine »Tour de Uruguay« der Diktatur-Kerker, bemerkt Rosencof mit bitterer Ironie.

Die Geschichte von Rosencof, Fernández Huidobro und Mujica ist in Uruguay 2018 zum Kinohit geworden.

Als Geiseln der Militärdiktatur in Uruguay heißt die deutschsprachige Neuauflage des berühmten Berichts (Originaltitel: Memorias del Calabozo), den Rosencof und Fernández Huidobro nach ihrer Freilassung 1985 gemeinsam verfassten. Im Juni ist er im Berliner Verlag Assoziation A erschienen. Kerkerjahre beschreibt ein Leben im Dunkeln, mit Folter, abgrundtiefer Einsamkeit und ständigem Hunger und Durst.

Das Buch ist ein Zeugnis der Unmenschlichkeit in Form eines Dialogs, den Rosencof und Fernández Huidobro bereits in der Haft begonnen hatten: durch Klopfzeichen an der Wand zwischen ihren Zellen. Ein Jahrzehnt lang verständigten sie sich auf diese unglaubliche Weise. »Wir haben das Morse-Alphabet neu erfunden«, schmunzelt Mauricio Rosencof.

Kerker Durch die Kerkerwände hindurch erfanden er und Fernández Huidobro Geschichten, fantasierten von Revolutionen, spielten Schach und erzählten sich von ihren Freundinnen. Sogar Gedichte klopfte Rosencof mit dem Fingerknöchel in die Wand, hinüber zu seinem Freund – während der Dritte im Bund, José Mujica, die meiste Zeit psychisch zu angeschlagen war, um sich an den Klopfgesprächen zu beteiligen. Der Schriftsteller Rosencof schrieb in der Kerkerhaft sogar Theaterstücke – auf Zigarettenpapier, das er in den Nähten von Hemden versteckte, die er seiner Familie zum Waschen schickte.

Die Geschichte von Rosencof, Fernández Huidobro und Mujica ist in Uruguay 2018 zum Kinohit geworden. Der Regisseur Álvaro Brechner hatte sie, basierend auf dem Buch Memorias del Calabozo, verfilmt. Das Drama trägt den Titel La noche de 12 años (Die zwölfjährige Nacht) und ist auf Netflix.com zu sehen. In einer seiner erschütterndsten Szenen zeigt der Spielfilm, wie Mauricio Rosencof im Diktaturgefängnis zum ersten Mal Besuch von seinem Vater erhält.

Verhör »Sie holten mich aus dem Verhör, zogen mir die Kapuze vom Gesicht, mein Vater schaute mich an und sagte: ›Ich bin gekommen, um meinen Sohn zu sehen – aber das ist nicht mein Sohn‹«, schildert Rosencof die Begebenheit. In dem von der Folter übel zugerichteten, abgemagerten Menschen hatte Isaac, der jüdische Einwanderer, seinen Sprössling nicht erkannt.

Wie er den Vater bei dessen Besuch im Kerker schließlich überzeugen konnte, dass er tatsächlich sein Sohn war, beschreibt Mauricio Rosencof in seinem Familienroman Die Briefe, die nicht ankamen (2004 auf Deutsch erschienen).

Kindheitserinnerungen Der gefangene, misshandelte Guerillero erzählte dem Vater von seinen Kindheitserinnerungen: Als er, Mauricio, noch Moishe war und mit seinen Eltern Isaac und Rosa in Montevideo sonntags zum jüdischen Friedhof La Paz fuhr, wo León, sein älterer Bruder, begraben lag. León, genannt Leibu, war in der neuen Heimat Uruguay mit 16 Jahren an einer Hirnhautentzündung gestorben. Nur eine der vielen Tragödien im Leben der Familie Rosencof.

Rosas und Isaacs Leben in Uruguay, wohin sie 1931 aus Polen emigriert waren, wurde überschattet von den Briefen, die nicht ankamen. In seinem Roman erzählt Mauricio Rosencof, wie der Vater, ein Schneider, auf dem Balkon auf den Briefträger wartete, unzählige Male. Aber die ersehnte Post von den Verwandten in Polen kam nicht.

Die Eltern sprachen
Jiddisch und lasen das
kommunistische Blatt »Unzer Fraint«.

Nach dem Krieg schließlich erfuhr die Familie, dass fast alle Verwandten Isaacs und Rosas in den Gaskammern der Nazis umgekommen waren. Mauricio Rosencof, 1933 geboren, erlebte die Trauer der Eltern um ihre ermordeten Angehörigen und um den verstorbenen Leibu aus der Perspektive des Kindes.

IMMIGRANTEN Seine Eltern sprachen Jiddisch miteinander – zu Hause wurde das kommunistische Blatt »Unzer Fraint« gelesen. Isaac und Rosa gehörten zu den vielen jüdischen Immigranten in Uruguay, die während der 30er-Jahre in linken politischen Bewegungen aktiv waren.

Isaac Rosencof war Kommunist und Mitglied der Schneidergewerkschaft. Zusammen mit seiner Frau engagierte er sich in einem Komitee, das die internationalen Brigaden im spanischen Bürgerkrieg bei ihrem Kampf gegen Franco unterstützte. »Bei den Versammlungen wurde oft auf Jiddisch diskutiert«, erinnert sich Sohn Mauricio.

Gesellschaft Die »kommunistische Kinderstube« trug wohl dazu bei, dass Rosencof, wie so viele andere junge Lateinamerikaner seiner Generation, von einer sozial gerechteren Gesellschaft träumte – und bereit war, die bestehenden Verhältnisse mit Gewalt zu verändern. Als der Schriftsteller und Ex-Guerillero 1985, nach der »zwölfjährigen Nacht«, freikam, besuchte er sofort seine Eltern. Es war spätabends, und Isaac und Rosa, die mittlerweile in einem jüdischen Altersheim lebten, lagen schon im Bett. »Das Erste, was meine Mutter mich gefragt hat, war: Hast du schon gegessen?«

Mauricio Rosencof und Eleuterio Fernández Huidobro: »Kerkerjahre. Als Geiseln der Militärdiktatur in Uruguay«. Aus dem Spanischen von Lydia Hantke. Assoziation A, Berlin 2019, 384 S., 19,80 €

Brasilien

Kein Freund Israels

Nach dem überraschenden Wahlsieg des linken Präsidenten Lula gibt sich die jüdische Gemeinde des Landes dennoch zuversichtlich

von Andreas Knobloch  04.11.2026

USA

Jüdische MAGA-Aktivistin an der Uni mit Tod bedroht

Die jüdische Studentin und Trump-Unterstützerin Liz Benichou wurde auf dem Campus der University of Michigan attackiert und zu Boden gestoßen

von Nicole Dreyfus  04.11.2026

USA

»Viele jüdische Wähler haben mit zugehaltener Nase abgestimmt«

Der jüdische Rechtsanwalt und Historiker Michael Traison über den Erdrutschsieg der Demokraten bei den Midterms und die möglichen Folgen für Amerikas Beziehungen zu Israel

von Michael Thaidigsmann  04.11.2026

Internetbetrug

Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau warnt vor Fake-Webseite

Wer die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau besuchen will, muss bei der Buchung aufpassen. Denn aktuell gibt es eine gefakte Webseite, teilte die Gedenkstätte mit

von Christiane Laudage  03.11.2026

USA

Die innere Sicherheit

Wie jüdische Gemeinden ihren Alltag gegen wachsenden Antisemitismus verteidigen – und sich zunehmend selbst schützen müssen. Ein Ortsbesuch in Washington, D.C. und Miami

von Katrin Richter  02.11.2026

Sprachen

Neues Spanisch-Wörterbuch: »Jüdisch« bleibt ein Synonym für »geizig«

Die Real Academia Española weigert sich, einen argentinischen Richterspruch umzusetzen - auch in der Neuausgabe ihres Kompendiums der spanischen Sprache findet sich ein Beispiel für Alltagsantisemitismus

von Michael Thaidigsmann  02.11.2026

Polizisten und Demonstranten vor der US-Botschaft in London

Proteste

Erneut Hunderte Festnahmen bei Gaza-Demo in London

Seit dem Verbot von Palestine Action sind in Großbritannien Tausende Menschen festgenommen worden. Auch bei einer Kundgebung in London griff die Polizei ein

 01.11.2026

Italien

Mann in Mailand wegen Anschlagsplänen auf Synagoge festgenommen

Im Großraum Mailand stellt die Polizei einen 22 Jahre alten Mann, der Anschläge auf eine Synagoge und eine islamische Einrichtung geplant haben soll. Die Hintergründe sind noch unklar

 29.10.2026

»A young woman in a dress and a man in a plaid shirt sit at a small outdoor restaurant table at night, smiling and talking, with food and drinks on the table and city lights in the background.«

Hollywood

Nach dem Happy End ist davor

In der dritten Staffel der Erfolgsserie »Nobody Wants This« machen Joanne und ihr »Hot Rabbi« den Neben-Romanzen Platz. Und dann wird auch noch konvertiert. Spoiler Alert

von Sophie Albers Ben Chamo  29.10.2026