Nachruf

Clive Davis: Der Mann, der den Sound ganzer Generationen prägte, ist tot

Clive Davis (1932 - 2026) Foto: picture alliance / abaca

Die Musikwelt verliert eine ihrer einflussreichsten Figuren: Clive Davis ist im Alter von 94 Jahren gestorben. Der legendäre Musikmanager, Produzent und Talentscout, der Karrieren von Künstlern wie Whitney Houston, Janis Joplin, Bruce Springsteen, Billy Joel und vielen anderen entscheidend prägte, starb am Montag in seinem Haus in Manhattan. Nach Angaben seines Sprechers sei Davis friedlich an altersbedingten Beschwerden im Kreis seiner Familie und seiner Angehörigen eingeschlafen.

Für viele Künstler war der Jude Clive Davis weit mehr als ein Plattenmanager. Er galt als jemand, der außergewöhnliche Stimmen und Songs früh erkannte und ihnen den Weg zu einem Millionenpublikum ebnete. Sein Einfluss reichte über Jahrzehnte und Genres hinweg – von Rock und Soul über Jazz und Country bis hin zu Hip-Hop.

Seine Familie würdigte ihn als eine Persönlichkeit, deren Vision und unermüdlicher Anspruch an Qualität die Musikgeschichte verändert hätten. »Für die Welt war unser Vater die legendäre Musikikone, deren Vision, Instinkt und unermüdliches Streben nach Perfektion den Soundtrack unzähliger Leben geprägt haben«, hieß es in einer Erklärung. »Er entdeckte, förderte und unterstützte die größten Künstler der modernen Musikgeschichte und hinterlässt einen unauslöschlichen Einfluss auf die Kultur, der über Generationen hinweg bestehen wird.«

Harte Arbeit

Geboren wurde Clive Jay Davis am 4. April 1932 in Brooklyn. Seine Eltern starben früh, dennoch schaffte er den Aufstieg durch Bildung und harte Arbeit. An der New York University und später an der Harvard Law School studierte er erfolgreich. Mit Musik hatte seine Ausbildung zunächst wenig zu tun: Seine Karriere begann als Anwalt.

»Es gab keinen Ersatz für harte Arbeit. Man musste es sich verdienen«, sagte Davis 2011 in einem Interview. »Ich habe jedes Stipendium verdient, das ich brauchte, um mich durch die juristische Fakultät und das College zu bringen.«

Der Weg ins Musikgeschäft begann eher zufällig. Nach seinem Jurastudium wurde er aus einer Anwaltskanzlei heraus zum Chefjuristen von Columbia Records berufen. »Ich wurde drei Jahre nach meinem Abschluss aus einer Anwaltsfirma herausgeholt, um der oberste Anwalt von Columbia Records zu werden. Das habe ich fünf Jahre lang gemacht.«

Streisand und Manilow

Dabei behauptete Davis stets, er verfüge nicht über ein klassisches musikalisches Gehör. Trotzdem wurde er zu einem der erfolgreichsten Hit-Entdecker der Branche. Er erkannte früh das Potenzial von jüdischen Künstlern wie Simon & Garfunkel, Barbra Streisand und Barry Manilow sowie nicht-jüdischen Talenten wie Earth, Wind & Fire, Alicia Keys, Luther Vandross, Patti Smith und The Notorious B.I.G.

Ein Moment, der seinen Instinkt symbolisiert, war die Begegnung mit Simon & Garfunkels »Bridge Over Troubled Water«. Davis erinnerte sich: »Ich weiß, wann ich einen Hit höre. Und ich werde nie vergessen, als sie mir ›Bridge Over Troubled Water‹ vorspielten, sagte ich: ›Das muss die erste Single sein.‹« Der Song sei »so klassisch« gewesen und bis heute sein Lieblingslied.

Zu den Künstlern, deren Leben und Karriere besonders eng mit Davis verbunden waren, gehörte Whitney Houston. Die Sängerin betrachtete ihn nicht nur als Produzenten, sondern auch als eine Art väterliche Bezugsperson. Davis hatte sie entdeckt und begleitete ihren Aufstieg zu einem der größten Popstars aller Zeiten.

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Zurückgewiesene Vorwürfe

Nach Houstons Tod 2012 sprach Davis über seine Sorge um sie. Er erzählte, sie habe vor ihrem Tod nicht geglaubt, ein ernstes Problem zu haben. »Leute müssen erst auf die Ebene absinken, auf der sie wirklich Hilfe haben wollen«, sagte er. Später habe er ihr nach einer Begegnung bei einem Konzert von Michael Jackson geschrieben: »Die Macht der Drogen ist tödlich. Sie wird Dich überwältigen.«

Auch die berühmte Pre-Grammy-Party von Davis im Jahr 2012 sorgte damals für Diskussionen. Wenige Stunden nach Houstons Tod fand die Veranstaltung im Beverly Hilton Hotel statt, obwohl sie ursprünglich als Gast erwartet worden war. Davis widmete den Abend schließlich dem Andenken der Sängerin.

Davis’ Karriere verlief allerdings nicht ohne Konflikte. 1973 trennte sich Columbia Records von ihm und warf ihm unter anderem einen falschen Umgang mit Firmengeldern vor – Vorwürfe, die Davis zurückwies. Außerdem musste er sich wegen Steuervergehen verantworten und eine Geldstrafe zahlen.

Faszinierende Arrangements

Doch der Rückschlag stoppte ihn nicht. Davis gründete Arista Records, später auch J Records, und wurde Chef der RCA Music Group. In den folgenden Jahrzehnten arbeitete er mit unzähligen Stars zusammen. Zu seinen Entdeckungen und Förderungen gehörten auch Bands, die faszinierende Arrangements mit Bläser-Sektionen lieferten, nämlich Chicago, Blood, Sweat & Tears und Earth, Wind & Fire.

Gerade bei Earth, Wind & Fire zeigte sich sein Gespür für außergewöhnliche Künstler. Maurice White, der Gründer der Band, beschrieb Davis als visionäre Persönlichkeit, die das Potenzial der Gruppe erkannt habe. Davis habe Künstler unterstützt, ohne ihnen seine eigenen Vorstellungen aufzuzwingen.

Der Produzent Narada Michael Walden, der mit Whitney Houston an Hits wie »How Will I Know« und »I’m Every Woman« arbeitete, erinnerte sich an Davis als Perfektionisten mit großer Leidenschaft. »Er war ein Perfektionist und von seiner Art her sehr großzügig, weil er Menschen wie mir, die Musik lieben und sie wirklich weiterbringen wollen, Türen geöffnet hat«, sagte Walden gegenüber CBS News. »Ich bin sehr froh, dass ich all diese Jahre mit Clive arbeiten durfte.«

Ältester Entscheidungsträger

Auf die Frage, warum Davis ein so gutes Gespür für Talente gehabt habe, antwortete Walden: »Er liebte es, ich würde sagen, zu meditieren. Er schloss die Augen und stellte sich vor, was ein weltweiter Hit werden würde.«

Im Laufe seiner Karriere erhielt Davis fünf Grammys und zahlreiche weitere Auszeichnungen. Bis zuletzt blieb er der Musikbranche verbunden, zuletzt als weltweiter Kreativchef von Sony Music Entertainment. Dort galt er als einer der ältesten aktiven Entscheidungsträger der Branche.

Sein Erfolgsgeheimnis beschrieb der Komponist und Musiker David Foster mit einem einfachen Satz: »Er ist vollkommen künstlerfreundlich und der Künstler kommt immer zuerst.« Barry Manilow bezeichnete Davis als Inspiration für sich selbst und für die gesamte Musikindustrie.

Ohne Clive Davis wäre die Welt um viele prägende Songs ärmer. Von Janis Joplin über Bruce Springsteen und Santana bis hin zu Whitney Houston: Der Produzent hinterließ eine Spur, die sich durch mehr als ein halbes Jahrhundert Popgeschichte zieht. Seine größte Fähigkeit war es, Musik zu erkennen, bevor Millionen Menschen sie hörten. im

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