Finanzwesen

Brasiliens Währungshüter

Zentralbankchef Ilan Goldfajn, der Interimspräsident von Brasilien, Michel Temer, und der Finanzminister Henrique Meirelles (v.l.) Foto: dpa

Nach dem von einigen als »kalter Putsch« bezeichneten Machtwechsel in Brasilien ist Ilan Goldfajn zum neuen Chef der brasilianischen Zentralbank ernannt worden. Der in Haifa geborene Goldfajn war bisher Chefökonom bei Itau Unibanco, dem größten privaten Geldinstitut Brasiliens.

Wie viele liberale Ökonomen im Land studierte er an der Katholischen Universität von Rio de Janeiro, später promovierte er am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Goldfajn arbeitete viele Jahre als Berater bei der Weltbank und beim Weltwährungsfonds. Über Goldfajns Privatleben ist nur wenig bekannt: Er ist mit der Psychoanalytikerin Denise Salomão Goldfajn verheiratet, hat drei Kinder und ist aktives Mitglied der jüdischen Gemeinde.

Kompetent Goldfajns Ernennung muss noch vom Senat bestätigt werden. Ob dies bereits vor der nächsten Zentralbanksitzung am 8. Juni geschieht, ist ungewiss. Aus Bankerkreisen erhält der 50-Jährige viele Vorschusslorbeeren. »Seine technischen Fähigkeiten sind unbestritten, und er wird seine fundamentale Erfahrung in der momentanen wirtschaftlichen Situation der Zentralbank gut einbringen«, lobt der frühere Zentralbankchef Carlos Thadeu de Freitas, derzeit Chefökonom der Nationalen Handelskammer. Ähnlich begeistert äußerte sich Segio Werlang, Professor der Stiftung Getulio Vargas: »Goldfajn ist ein extrem kompetenter und geeigneter Banker für diese Funktion.«

Ilan Goldfajn übernimmt den Vorsitz von Brasiliens Zentralbank in einem kritischen Moment. Galoppierende Inflation und politische Einmischung haben die Position der Bank geschwächt. Allgemein wird erwartet, dass Goldfajn weniger anfällig für politische Einmischung ist als sein Vorgänger Alexandre Tombini, der seine Karriere in der Staatsbank gemacht hat und dem von der Regierung vorgegebenen monetären Kurs folgte.

Brasilien steckt derzeit in der schwersten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten. Arbeitslosenquote und Inflation sind hoch, die Wirtschaft des Landes ist 2015 um fast vier Prozent eingebrochen, Staatsschulden und Haushaltsdefizit haben Rekordhöhen erreicht. Zudem lähmt der Machtkampf um das Präsidentenamt das Land seit Monaten.

Rouseff Die bisherige Staatschefin Dilma Rousseff von der linken Arbeiterpartei (PT) war vor zwei Wochen in einem verfassungsrechtlich höchst umstrittenen, politisch motivierten Amtsenthebungsverfahren vom Parlament vorläufig suspendiert worden. Ihr wird die Manipulierung des Staatshaushalts vorgeworfen.

Die Regierung von Übergangspräsident Michel Temer von der rechten Partei der Demokratischen Bewegung Brasiliens (PMDB) hat ein rigides Sparprogramm und Privatisierungen angekündigt, um das »Vertrauen der Märkte wiederherzustellen« und die malträtierte Wirtschaft wiederzubeleben. Kritiker befürchten hingegen einen Kahlschlag bei den zahlreichen Sozialprogrammen. Unmut rief auch hervor, dass weder Frauen noch Farbige dem neuen Kabinett »der weißen, alten Männer« angehören. Wenn auch ohne Ministerrang – der neue Zentralbankchef Ilan Goldfajn ist da keine Ausnahme.

Kommentar

250 Gründe, die USA zu lieben

Am 4. Juli 1776 wurden die Vereinigten Staaten gegründet. Eine etwas andere Liebeserklärung

von Imanuel Marcus  03.07.2026

Großbritannien

London ehrt Stefan Zweig

84 Jahre nach seinem Tod wird der berühmte österreichische Schriftsteller Stefan Zweig in London geehrt. Dorthin war er 1936 vor den Nazis geflohen

 02.07.2026

Schweiz

Zürcher Attentäter schweigt vor Gericht

Der 17-jährige Angeklagte, der am 2. März 2024 in Zürich einen orthodoxen jüdischen Mann fast tötete, verweigert vor Gericht jede Aussage. Ihm droht wegen mehrfachen versuchten Mordes die höchstmögliche Jugendstrafe von einem Jahr Freiheitsentzug.

von Nicole Dreyfus  02.07.2026

USA

Es war einmal ein »Reich der Güte«

Vor 250 Jahren wurden die Vereinigten Staaten gegründet. Aus jüdischer Perspektive war die Entstehung der Neuen Welt auch der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte

von Paul Bentin  02.07.2026

Großbritannien

Oberrabbiner Mirvis fordert, den Ruf »Tod der IDF« unter Strafe zu stellen

Oberrabbiner Mirvis hat die Politik seines Landes zu einem schärferen juristischen Vorgehen gegen anti-israelische und antisemitische Hassrede aufgefordert

 01.07.2026

Proteste gegen Kushner-Projekt

Ein Land sieht pink: Albaniens Flamingo-Revolution ist nicht zu stoppen

Flamingos überall - und kein Ende in Sicht: EU-Beitrittskandidat Albanien ist fest im Griff einer Protestwelle. Fällt die Regierung unter der pinken Revolution?

von Markus Schönherr  30.06.2026

Österreich

Rabbiner Yaron Nisenholz wird Wiens neuer Oberrabbiner

Nach einem internationalem Auswahlverfahren übernimmt Rabbiner Yaron Nisenholz die religiöse Führung der IKG Wien

von Nicole Dreyfus  29.06.2026

Venezuela

Jüdische Gemeinde beklagt drei Tote, mehr als 100 Obdachlose

Das Erdbeben in Venezuela hat auch für die rund 5000 Mitglieder zählende jüdische Gemeinschaft des Landes schwere Folgen

 29.06.2026

Eva Erben

»Oft weiß man gar nicht, wie viel Kraft in einem steckt«

Die 95-jährige Holocaustüberlebende war aus Israel nach Prag gekommen, um bei der Verlegung der »Stolpersteine« für ihre in der Schoa ermordeten Eltern dabei zu sein

von Michael Thaidigsmann  26.06.2026