Proteste gegen Kushner-Projekt

Ein Land sieht pink: Albaniens Flamingo-Revolution ist nicht zu stoppen

Seit Wochen protestieren Menschen in Albanien gegen das geplante Luxus-Ressort der Kushners Foto: picture alliance / NurPhoto

Die rosarote Brille, die Ministerpräsident Edi Rama der Bevölkerung bezüglich Wohlstand und Entwicklung aufsetzte, hat Albanien längst abgelegt. Trotzdem sieht das ganze Land pink: Die sogenannte Flamingo-Revolution hat den Westbalkan-Staat fest im Griff. Einen Monat nach Ausbruch der Proteste sehen Experten kein Zurück mehr.

»Nie zuvor in Albanien hat ein Protest so viele Bürger über so lange Zeit vereint«, sagt Ardian Hackaj. Er ist Direktor des Instituts für Zusammenarbeit und Entwicklung, eines Thinktanks in der Hauptstadt Tirana, der Albaniens EU-Beitritt begleitet. Bis 2030 will der Adria-Staat Teil der Union werden - bisher ein realistisches Ziel, befand sich Albanien doch in den vergangenen Jahren, gemeinsam mit Montenegro, auf der Überholspur in Richtung EU. Zuletzt erlitten diese Ambitionen aber einen unerwarteten Dämpfer.

Trumps Schwiegersohn und die Trauminsel

Die Wut war groß, als im Mai Bagger an Albaniens Südküste anrollten. Büsche und Dünen wurden niedergewalzt, die Lagune beim Dorf Zvernec mit Stacheldraht abgezäunt. Hier und auf der gegenüberliegenden Insel Sazan soll ein neues Luxusresort entstehen. Investor ist Trump-Schwiegersohn Jared Kushner. Er und Ehefrau Ivanka Trump schwärmten davon, die Insel bei einem Badeausflug auf der Jacht eines Freundes entdeckt zu haben. Für das Bauvorhaben im Naturschutzgebiet erteilte die Regierung einen speziellen Investorenstatus, auf eine Umweltverträglichkeitsprüfung wurde verzichtet.

Zum kollektiven Wutausbruch führte schließlich eine auf Video festgehaltene Szene, bei der private Sicherheitsleute einen Gegner des Projekts wegzerrten und verletzten. Seither gehen täglich Tausende Albanerinnen und Albaner auf die Straße. Symbol ihres Kampfes wurde der durch das Bauvorhaben bedrohte Flamingo, der in der Lagune nistet. Pappfiguren mit dem Abbild des Tieres schweben bei den abendlichen Protestmärschen neben Parolen wie »Hände weg von Albanien, Ivanka«.

Rückendeckung vom Regierungschef

Edi Rama, seit 13 Jahren Regierungschef des aufstrebenden, ehemals kommunistischen Landes, bleibt indes dabei: »Wenn es nicht Jared Kushner wäre, würde sich niemand um Flamingos, Albanien oder sonst irgendetwas scheren.« Hinter den Protesten, die jeden Abend den Boulevard vor seinem Büro lahmlegen, vermutet der Politiker ausländische Kräfte: den Iran etwa oder die Diaspora aus Kosovo und Nordmazedonien. Die jungen Demonstranten bezeichnete er als »algorithmisches Proletariat«, das über Social Media gesteuert werde. Ihnen sei Albaniens Entwicklung egal.

Längst geht es bei den »Flamingo-Protesten« um mehr als gefährdete Tiere und Pflanzen, wie Florian Bieber, leitender Südosteuropa-Forscher der Uni Graz, erläutert: »Die Generation Z akzeptiert nicht mehr die Korruption und den Machtmissbrauch, an die sich ältere Generationen gewöhnt haben.« Für Albanien seien die Proteste in Größe und Ausdauer historisch. Neben einem Stopp des Kushner-Projekts und strengeren Umweltauflagen fordern die Demonstranten insbesondere den Rücktritt von Rama.

»Rama ins Gefängnis!«

Hat jetzt die Stunde der Opposition geschlagen? Unwahrscheinlich, meint der Balkan-Experte. Denn laut Bieber zeigt sich bei diesen Protesten erstmals die Unzufriedenheit mit beiden Parteien, die seit 1991 das Land regieren. Das betrifft neben Ramas Sozialisten auch die Demokraten des früheren Staats- und Regierungschefs Sali Berisha. Sein Name ist in Albanien ebenfalls eng mit Vorwürfen von Vetternwirtschaft und Amtsmissbrauch verbunden. Oder wie es die Protestplakate in Tirana formulieren: »Rama ins Gefängnis, Berisha ins Gefängnis!«

Wie es angesichts der anhaltenden Proteste weitergehen kann? »Ich halte es für realistisch, dass die Investoren vom Bauprojekt abrücken«, sagt Bieber - und verweist auf Ermittlungen, die Albaniens Staatsanwaltschaft zur Vergabe von Teilen des Schutzgebiets in Privathände eingeleitet hat. »Das Risiko wäre für sie zu groß.« Und auch Rama müsste um seine Position in der Partei fürchten.

Einen Schritt weiter geht der albanische Europaexperte Hackaj: »Im Moment scheint das realistischste Szenario die Bildung einer technischen Regierung.« Deren einziges Ziel wäre der Abschluss der 33 EU-Verhandlungskapitel bis Ende 2027 - und die Organisation des Nato-Gipfels im nächsten Jahr.

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