Donald Trump und Gustavo Petro haben nicht viel gemeinsam. Aber beide sind große Meister darin, demokratische Wahlergebnisse in Frage zu ziehen, ohne dafür Beweise vorzulegen.
Am Sonntag fand in Kolumbien, mit 53 Millionen Einwohnern das drittgrößte lateinamerikanische Land nach Brasilien und Mexiko, die Stichwahl für das Präsidentenamt statt. Der bisherige Amtsinhaber Petro durfte qua Verfassung nicht zur Wiederwahl antreten. Petro hatte die Koordinaten der Politik in den letzten vier Jahren weit nach links verschoben. Unter ihm wurde das traditionell eher konservative Kolumbien plötzlich zum Verbündeten anderer linker Führer wie Brasiliens Lula da Silva. Auch die bis 2022 engen Beziehungen zu Israel wurden beeinträchtigt.
2024 brach der einstige Guerilla-Kämpfer Petro die diplomatischen Beziehungen zu Jerusalem wegen des Gaza-Krieges ab. Er war auch einer der ersten Staats- und Regierungschefs, die Israel einen Genozid an den Palästinensern vorhielten.
Auf der Plattform X war der Präsident fast so aktiv wie einst Donald Trump, als das soziale Medium noch Twitter hieß. Vor zwei Wochen postete Petro als Reaktion auf eine Äußerung des rechtspopulistischen Kandidaten Abelardo de la Espriella den Nazi-Gruß »Heil Hitler«, was international Empörung auslöste.
Petro hat Amtskollegen als »Nazis« diffamiert
Israels Botschafter bei den Vereinten Nationen, Danny Danon, kritisierte Petro dafür scharf. »Was auch immer in Ihrem Leben vor sich geht, es gibt Grenzen, die niemals überschritten werden dürfen«, schrieb Danon auf X. »Die Verwendung nationalsozialistischer Parolen ist ein beschämender Tiefpunkt, von dem aus es kein Zurück gibt.« Doch Petro löschte den Tweet keineswegs und entschuldigte sich nicht. Zuvor hatte er auch schon seine Amtskollegen in Argentinien und Chile, Javier Milei und José Antonio Kast, als »Nazis« diffamiert.
Auch den knappen Wahlsieg des Rechtpopulisten und Trump-Fans de la Espriella will Petro nicht anerkennen. Er vermutet ausländische Einflussnahme. Handfeste Beweise lieferte Petro bislang nicht. Dennoch zeigt er ungeniert mit dem Finger auf Trump und auf Israel und wirft ihnen vor, den Urnengang zugunsten de la Espriellas manipuliert zu haben. Dass er selbst nicht vor einer Einmischung in die Angelegenheiten seiner Nachbarländer zurückschreckt, hat Petro in der Vergangenheit mehrfach unter Beweis gestellt. So brach Peru zeitweise die Beziehungen zu Kolumbien ab.

Nach Ansicht von Marcos Peckel, Geschäftsführer der jüdischen Gemeinde in Kolumbien, hat der Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Israel die Interessen Kolumbiens schwer beeinträchtigt. »Die für unser Land strategisch wichtige Zusammenarbeit im Sicherheitsbereich wurde erheblich eingeschränkt. Kooperationsprogramme in den Bereichen Landwirtschaft, Wasser, Cybersicherheit und Umwelt wurden ausgesetzt, und der Export kolumbianischer Kohle nach Israel wurde per Präsidialdekret verboten. Diese radikale antiisraelische Haltung mit stark antijüdischen Untertönen hat Petro und Kolumbien geschadet und dem Palästinensern keinerlei Nutzen gebracht«, schrieb Peckel in der Zeitung »El Espectador« am Mittwoch.
De la Espriella hat auch einen amerikanischen Pass
Bei der Stichwahl am Sonntag betrug der Vorsprung des ultrarechten Bewerbers de la Espriella vor seinem ultralinken Kontrahenten Iván Cepeda nur rund 25.000 Stimmen. Insgesamt 26 Millionen Bürger hatten sich am zweiten Wahlgang beteiligt. Beim ersten Ende Mai hatte de la Espriella noch viel deutlicher vor Cepeda gelegen, aber die absolute Mehrheit der Stimmen verfehlt. Eine moderat-konservative Bewerberin lag weit abgeschlagen hinter den beiden Antipoden.
Die Präsidentschaft Petros war nicht nur international, sondern auch innenpolitisch hoch umstritten. Noch nie war die Kokainproduktion so hoch wie heute. Auch die Zahl gewalttätiger Vorfälle stieg im ganzen Land dramatisch an. Zehntausende wurden aus ihren Häusern vertrieben. Auf der anderen Seite versuchte Petro eine Sozialpolitik durchzusetzen, die die Armut verringern sollte. Zwar wurde der Mindestlohn angehoben. Doch nach wie vor leben viele Kolumbianer am oder unter dem Existenzminimum.
Vom Wahlsieger, dem 47-jährigen Juristen und Unternehmer Abelardo de la Espriella, wird nun erwartet, dass er vieles, wenn nicht alles ganz anders machen wird als Petro. De la Espriella wurde in Bogotá geboren und durch die Verteidigung prominenter Mandanten bekannt. Unter ihnen waren zahlreiche Politiker, denen Verbindungen zu rechten Paramilitärs vorgeworfen wurden. Von vielen wird de la Espriella als Rechtsextremer tituliert. Für Kritik sorgte auch, dass er 2023 die amerikanische Staatsbürgerschaft erworben hatte. Zuvor hatte er mehr als zehn Jahre in Miami gelebt.
Als Kind sprengte er Katzen in die Luft
De la Espriella ist Anhänger einer neoliberalen Wirtschaftspolitik. Er befürwortet das Recht aller Bürger, Waffen zu tragen, will aus den UN-Organisationen und dem Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte austreten. Auch befremdliche Details wurden über ihn bekannt: So hat de la Espriella selbst berichtet, er habe als Kind gerne Knallkörper an Katzen befestigt und diese dann in die Luft gesprengt. Im Wahlkampf sorgte er dann für Irritationen, weil er einer Journalistin beim Interview Fotos seiner Genitalien zeigte. Ein Gericht verdonnerte de la Espriella, sich bei der Frau zu entschuldigen.
Sollte das Endergebnis amtlich bestätigt werden, woran trotz der Einwände Petros kaum Zweifel bestehen, will de la Espriella will auch die Beziehungen zu Israel wieder aufnehmen und sogar eine Botschaft in Jerusalem eröffnen. In Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sieht der Wahlsieger einen natürlichen Verbündeten im Kampf gegen den Terrorismus und bewaffnete Gruppen. Er werde nicht vor dem Terror niemals »in die Knie« gehen, sagte er 2025 in einem Interview.
Kokaplantagen und Drogenproduktionsstätten und -lager will de la Espriella gemäß dieser Maxime ausräuchern lassen. Gustavo Petro hatte hingegen eine tolerante Linie verfolgt, um den »totalen Frieden« nach innen nicht zu gefährden.
Am 7. August soll der neugewählte Präsident in sein Amt eingeführt werden. Es dürfte ein abrupter Kurswechsel für Kolumbien werden. Der Populismus von links wird voraussichtlich einem Populismus von rechts weichen. Einige Beobachter befürchten, dass nach dem fanatischen Trump-Kritiker Petro nun ein Schoßhund des US-Präsidenten in den Nariño-Palast in Bogotá einziehen wird.