USA

Bidens Mannschaft

Der künftige US-Präsident Joe Biden stellte am Samstag seine wichtigsten Mitarbeiter der Öffentlichkeit vor. Foto: imago images/ZUMA Wire

Über die Diversität von Joe Bidens neuem Kabinett ist schon viel geschrieben worden. Bisher weniger bekannt ist, dass zu dieser Vielfalt eine große Gruppe amerikanischer Juden zählt. Noch nie war ein Kabinett so jüdisch wie das des irischstämmigen Katholiken Joseph Robinette Biden.

Antony Blinken (Außenminister, 58): Der Spross einer jüdischen Familie ungarischer Herkunft aus New York erlebte Diplomatie schon als Kind: Sein Vater Donald war US-Botschafter in Ungarn, sein Onkel Alan in Belgien. Sein Stiefvater Samuel Pisar, mit dem Blinken im Alter von neun Jahren nach Paris zog, war ein Holocaust-Überlebender aus Polen, der bei einem der berüchtigten Todesmärsche bei Evakuierung der Lager fliehen konnte und schließlich in die USA kam.

Meir Blinken, Antonys Urgroßvater, war zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein bekannter jiddischer Schriftsteller aus dem Schtetl Pereyaslav, demselben Ort in der heutigen Ukraine, aus dem der jiddische Großdichter Scholem Alejchem stammt.

Der Harvard-Absolvent Antony Blinken praktizierte als Rechtsanwalt in New York und Paris, bevor er in die Politik ging. Unter Bill Clinton arbeitete Blinken im Nationalen Sicherheitsrat. Er war unter Obama Vizeaußenminister und gilt als Gegner Chinas und des Iran.

Avril Haines (Nachrichtendienste, 51): Sie wuchs in Manhattan als Tochter einer Malerin auf. Nach dem frühen Tod der Mutter und dem Abschluss der Highschool ging Avril Haines nach Japan, um Judo zu lernen.

Zurück in den USA, studierte sie Physik und baute alte Flugzeuge wieder auf. Sie fing an, für eine Doktorarbeit zu forschen, brach jedoch ab, eröffnete eine Bar und wandelte sie in eine Buchhandlung um – die sehr erfolgreich wurde. Ab 2003 arbeitete Haines im Außenministerium. In der Regierung Obama wurde sie stellvertretende Sicherheitsberaterin und Vize-CIA-Chefin. Sie ist die erste Frau auf ihrem Posten.

Janet Yellen (Finanzen, 74): Das Kind polnischer Juden aus Brooklyn war bei allen wichtigen beruflichen Etappen die erste oder einzige. Das begann mit ihrer Promotion in Wirtschaftswissenschaften 1971 in Yale – als einzige Frau. In der Regierungszeit Obamas und bis ins Jahr 2017 war sie die erste Frau an der Spitze der amerikanischen Notenbank – und wird nun die erste Frau an der Spitze des Finanzministeriums. Die emeritierte Wirtschaftsprofessorin der Universität Berkeley gilt als erfolgreichste Notenbankchefin, was den Arbeitsmarkt betrifft. Erfolgreich war sie auch nach dem vorläufigen Ende ihrer finanzpolitischen Karriere. Nach Angaben des Wallstreet Journal verdiente sie in den Jahren 2019 und 2020 allein sieben Millionen Dollar mit Reden. Für einen ihrer Auftritte zahlen Veranstalter zwischen 50.000 und 300.000 Dollar.

Merrick Garland (Justiz, 68): Seine Großeltern flüchteten Anfang des 20. Jahrhunderts vor antisemitischen Pogromen im zaristischen Russland. Die Eltern erzogen ihn nach Art konservativer Juden in den USA. Garland, der wie der ehemalige Präsident Barack Obama aus Chicago stammt, studierte nach anfänglichem Flirt mit der Medizin Jura in Harvard. Er begann seine Karriere 1981 im Justizministerium, machte sich dann als Anwalt und juristischer Berater einen Namen.

Seit der Clinton-Administration wurde Garland auf mehrere hohe Richterstellen berufen, scheiterte aber 2017 an der Blockadepolitik der Republikaner – 293 Tage nach seiner Nominierung durch Präsident Barack Obama als Kandidat für den Obersten Gerichtshof. Seine Berufung zum Justizminister hat also etwas von verspäteter politischer Gerechtigkeit.

Alejandro Mayorkas (Homeland Security, 61): Er wurde als Kind eines jüdischen Kubaners und einer Schoa-Überlebenden aus Rumänien in Havanna geboren. Nach der Revolution und der Machtübernahme Fidel Castros flüchtete die Familie 1960 nach Florida. Präsident Bill Clinton machte den Topjuristen 1998 zum Bundesstaatsanwalt für Los Angeles. Mayorkas Einstellung zu nationaler und kommunaler Sicherheit, so sagt er es immer wieder, »wurden durch den Mangel an Sicherheit geprägt, den ich als Jude in Kuba erlebte«. Alejandro Mayorkas wird das erste Hispano-Flüchtlingskind und der erste im Ausland Geborene sein, der es an die Spitze des Department of Homeland Security gebracht hat.

Ron Klain (Stabschef, 59): Der Harvard-Jurist ist langjähriger Vertrauter Bidens und war schon dessen Stabschef, als Biden Vizepräsident war. Zuvor war Klain Stabschef für den ehemaligen Vizepräsidenten Al Gore. In der Obama-Administration machte sich Klain als Koordinator gegen die Ebola-Pandemie einen Namen. Er ist auch der Kopf hinter dem Covid-19-Aktionsplan, den Joe Biden ins Zentrum seines Wahlkampfes stellte. Ron Klain stammt aus einer jüdischen Familie in Indianapolis. Seine drei Kinder aus der Ehe mit seiner nichtjüdischen Frau Monica Medina wurden jüdisch erzogen, feiern mit der Familie aber genauso Weihnachten, wie Klain 2007 in einem Interview mit der »New York Times« sagte.

Eric Lander (Wissenschaftsberater, 63): Der aus Brooklyn stammende Mathematiker und Genetiker leitete bisher das renommierte Broad Institute des Massachusetts Institute of Technology und der Harvard University. Er fiel schon früh durch seine naturwissenschaftliche Begabung auf, gewann für die USA Silber bei der Mathe-Olympiade. Er ist der Erste, der die Wissenschaft im Weißen Haus im Kabinettsrang vertritt. Von ihm werden klare Worte in Sachen Corona und Klimawandel erwartet.

Ebenfalls im Kabinettsrang ist die stellvertretende Nationale Sicherheitsberaterin für Cybersecurity, Ann Neuberger (45). Sie stammt aus Brooklyns orthodoxem Viertel Borough Park. Ihre Eltern, George und Renne Karfunkel, gehörten 1976 zu den Passagieren des Air-France-Flugs, der von Terroristen ins ugandische Entebbe entführt und von israelischen Kommandos gerettet wurde. Neuberger arbeitet seit 2009 für die National Security Agency (NSA).

Auch David Cohen (58) hat Kabinettsrang. Der 58-Jährige aus Boston wird stellvertretender Direktor der CIA und damit der ranghöchste jüdische Amerikaner in der legendären Bundesbehörde.

Als erste Frau und somit als erste Jüdin wird Wendy Sherman (71) aus Baltimore stellvertretende Außenministerin. Von 1997 bis 2001 war sie Sonderberaterin von US-Präsident Bill Clinton sowie Politische Koordinatorin für Nordkorea. Danach saß sie an der Spitze des Vorstands von Oxfam America, einer international tätigen Organisation für Entwicklungs- und Katastrophenhilfe. 2011 kehrte sie ins Außenministerium zurück und wurde Leiterin der Abteilung für politische Angelegenheiten. Sherman stand als Chefunterhändlerin hinter dem umstrittenen Atom-Abkommen mit dem Iran.

Die Kinderärztin Rachel Levine (63) soll stellvertretende Gesundheitsministerin werden. Sie ist Transgender und wurde als Richard Levine in Massachusetts geboren. 2011 entschied sie sich, künftig als Frau zu leben. Sie wuchs in einer Familie auf, die sich dem konservativen Judentum nahe fühlte, bezeichnet sich heute aber als Reformjüdin, da die Reformbewegung transsexuellen Menschen offener gegenüberstehe. Levine studierte Ende der 70er-Jahre an der Harvard University Medizin und arbeitete danach in führenden Postionen an bedeutenden amerikanischen Kliniken. Seit 2017 ist sie Gesundheitsministerin des US-Bundesstaates Pennsylvania und Professorin für Kinderpsychiatrie an der Penn State University. Levine wird die erste Transgender-Person sein, die einem amerikanischen Kabinett angehört.

Und dann ist da noch Doug Emhoff (56) – Jobbeschreibung: erster Second Gentleman der US-Geschichte. Der Ehemann von Vizepräsidentin Kamala Harris, den Freunde neuerdings »Second Mensch« nennen, lehrt Jura an der Georgetown University und hat gewaltigen Einfluss auf seine Frau, die in der Familie »Momala« genannt wird – was amerikanisch ausgesprochen wie Mamele klingt …

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