Meinung

Mit Kufiya und Waffen

Das Ausmalbuch "From the river to the sea" in einer Buchhandlung in Zürich.
Das Ausmalbuch »From the river to the sea« in einer Buchhandlung in Zürich. Foto: Privat

Meinung

Mit Kufiya und Waffen

Ein Kinderbuch mit Folgen

von Zsolt Balkanyi-Guery  27.11.2025 11:41 Uhr

Ein buntes Ausmalbuch im Schaufenster einer Zürcher Buchhandlung – für sich genommen ein unscheinbarer Gegenstand. Doch gerade seine kindliche Form verleiht diesem Buch eine Wirkung, die weit über die des Mediums hinausgeht. »From the river to the sea: A Coloring Book« richtet sich an Sechs- bis Zehnjährige und präsentiert ihnen einen der kompliziertesten politischen Konflikte unserer Zeit in Form einer moralisch eindeutig strukturierten Geschichte.

Ein idealisiertes, altes Palästina, ausschließlich friedlich, bäuerlich, harmonisch auf der einen Seite, die israelischen Soldaten, brutal, gesichtslos, aggressiv, auf der anderen Seite. Kinder werden dazu aufgefordert, diese Welt nicht nur anzusehen, sondern aktiv auszumalen – ein Prozess, der Botschaften verinnerlicht, lange bevor abstrakte Kritikfähigkeit entsteht.

Besonders problematisch ist der Titel. »From the river to the sea« ist keine neutrale geografische Formel. Der Spruch fungiert seit Jahrzehnten als Chiffre für die Delegitimierung Israels. Die Ästhetisierung dieses Slogans in einem Kinderbuch – verknüpft mit heroischen, aber anonymisierten Figuren in eine Kufiya gehüllt – überträgt eine erwachsene politische Radikalität unmittelbar in die Bildwelt von Kindern. Damit wird nicht bloß ein Konflikt auf entsprechende Weise erklärt, sondern eine Erlösungsvision inszeniert, die die Existenz Israels negiert.

Kinderbücher über politische Themen müssen besonders sorgfältig mit historischen Zusammenhängen umgehen.

Die pädagogische Tragweite dessen lässt sich kaum überschätzen. Kinderbücher über politische Themen müssen besonders sorgfältig mit Mehrperspektivität, Ambivalenzen und historischen Zusammenhängen umgehen. In diesem Buch jedoch dominiert ein geschlossenes, stereotypes Narrativ.

In Zeiten, wo jüdische Einrichtungen europaweit mit erhöhten Sicherheitsmaßnahmen leben müssen, verstärkt jede ideologisch gefärbte Darstellung des Nahostkonflikts das gesellschaftliche Klima, in dem Misstrauen gegenüber Jüdinnen und Juden gedeiht. Nicht, weil ein einzelnes Buch Hass erzeugt, sondern weil es zur stillen Normalisierung einer Erzählung beiträgt, in der Israel nicht als Staat unter Staaten erscheint, sondern als moralischer Makel. Wer Kinder früh in diese Weltsicht einführt, prägt Wahrnehmungen, die später schwer aufzubrechen sind.

Kinder sind durchaus in der Lage, Komplexität zu ertragen, wenn wir sie ihnen nicht mutwillig vorenthalten.

Wir wissen aus Erfahrung, wie früh antisemitische Bilder wirken, wie tief sie sich einprägen lassen und wie schwer sie wieder zu korrigieren sind. Eine demokratische Gesellschaft kann es sich nicht leisten, Kinder an ein einziges Narrativ zu binden, das keinen Raum für Widerspruch, Nebentöne und Perspektivenvielfalt offenlässt.

Verantwortliche Bildungsangebote müssen multiperspektivisch sein. Sie müssen Ambivalenzen zulassen, Widersprüche kenntlich machen, verschiedene historische Erfahrungen nebeneinanderstehen lassen. Kindern kann man erklären, dass es unterschiedliche Narrative gibt. Man kann ihnen vermitteln, dass Geschichte aus konkurrierenden Wahrheiten besteht, aus Traumata und Hoffnungen auf beiden Seiten. Sie sind durchaus in der Lage, Komplexität zu ertragen, wenn wir sie ihnen nicht mutwillig vorenthalten.

Lesen Sie auch

Ideologische Erzählungen lassen sich nicht verbieten, aber man kann ihre Wege erkennen. Und man kann sich der Verantwortung bewusst sein, welche Bücher wir Kindern übergeben. Nur so lässt sich verhindern, dass aus pädagogischer Nachlässigkeit gesellschaftliche Verhärtung erwächst.

Der Autor ist Lehrer und Schulleiter in Zürich.

Los Angeles

Rekord-Deal in der NBA: Iger und Kushner kaufen die LA Lakers

Die beiden jüdischen Geschäftsmänner Bob Iger und Joshua Kushner übernehmen das Basketball-Team für 12,5 Milliarden US-Dollar

 16.08.2026

Österreich

Vermisste Israelinnen in Wien: Polizei stellt Suche ein

Europol hat die Ermittlungen im Fall der in Wien vermissten Israelinnen übernommen. Auch der Mossad soll vor Ort sein. Es wird davon ausgegangen, dass Mutter und Tochter nicht mehr in der Stadt sind

 14.08.2026

Antisemitismus

»Schade, dass Hitler den Job nicht vollendet hat«

Ein Mann aus Irland äußerte sich bei einer Begegnung mit jüdischen Touristen in einem französischen Supermarkt antisemitisch und drohte dem Paar gar mit Erschießung.

 14.08.2026

Wien

Vermisste Israelinnen: Gerüchte sorgen für Aktiensturz

Im Fall der vermissten Mutter und Tochter in Österreich haben Gerüchte in den sozialen Medien zu einem Kurssturz bei der israelischen Bank geführt, bei der eine der Frauen arbeitet

 13.08.2026

Italien

Ein Tempel für alle

Über der Biennale in Venedig schwebt eine Synagoge. Was sich die ukrainische Künstlerin Anna Kamyshan dabei dachte und wie sie es geschafft hat

von Sophie Albers Ben Chamo  13.08.2026

Judenhass

Tourist mit Kippa in Rom zweimal attackiert

Antisemitische Vorfälle in Italien nehmen seit Jahren zu. Nun wurde ein junger Tourist in der Hauptstadt gleich zweimal angegriffen. Er trug eine Kippa

von Severina Bartonitschek  12.08.2026

Bern

Verantwortung lässt sich nicht neutralisieren

Die Schweiz debattiert anlässlich einer Volksabstimmung über ihre Neutralität

von Nicole Dreyfus  12.08.2026

Österreich

Vermisste Israelinnen in Wien: Familie befürchtet das Schlimmste

Im Fall der vermissten Mutter und Tochter gibt es neue Details. Unter anderem über die Unterkunft in Wien. In Israel wurde eine Nachrichtensperre erlassen

 12.08.2026 Aktualisiert

Schweiz

Den eigenen Weg gehen

Kollektive Begeisterung macht blind und dumm, ganz gleich, ob sie von rechts oder links kommt, findet Berns Botschafter in Israel. Und liefert literarische und filmische Quellen als Inspiration für das Schwimmen gegen den Strom

von Simon Geissbühler  11.08.2026