Mexiko

Auf dem Weg nach oben

Gab vergangene Woche ihr Amt als Oberbürgermeisterin von Mexiko-Stadt auf: Claudia Sheinbaum Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com

In der zweiten Hälfte der 70er-Jahre war Mexiko-Stadt in mancherlei Hinsicht eine Katastrophe. Die Luftverschmutzung, die verstopften Straßen und die bittere Armut waren nicht die einzigen Probleme. Es grassierte auch die Korruption. Die Regierung war weder in der Lage noch gewillt, eine Verbesserung der Situation herbeizuführen.

Im Sommer 1977 war Claudia Sheinbaum 15 Jahre alt. Die Tochter jüdischer Eltern der 68er-Generation hatte zu Hause politische Diskussionen mitbekommen und begann, sich mehr dafür zu interessieren. Die Tatsache, dass nur wenige junge Mexikaner die Möglichkeit hatten, wie sie weiterführende Schulen zu besuchen, empfand sie als ungerecht. So begann sie, sich sozialpolitisch zu engagieren. Und auch, wenn sie zunächst einen naturwissenschaftlichen Werdegang wählte, ebbte dieses Interesse nie ab.

kandidatur Inzwischen ist Claudia Sheinbaum über 60, und aus der Schülerin ist eine starke Frau geworden, die im kommenden Jahr Präsidentin des Landes werden könnte. Für die angestrebte Kandidatur musste sie vergangene Woche ihr Amt als Bürgermeisterin von Mexiko-Stadt aufgeben.

In den Umfragen liegt die studierte Physikerin vorn.

»Ich gehe guten Gewissens, weil ein großartiges Team bleibt, vor allem das Sicherheits- und Justizteam«, so Sheinbaum, die auf eine gute Bilanz verweist, für die sie und ihre Hauptstadtregierung gesorgt hätten: Seit ihrem Amtsantritt Ende 2018 seien die Schwerverbrechen um 58 Prozent zurückgegangen, Tötungsdelikte um 51 und Morde an Frauen um 26 Prozent.

Um Umweltpolitik kümmerte sich Claudia Sheinbaum bereits zu Beginn des Millenniums, als Umweltbeauftragte der Stadt. Gleichberechtigung war in den vergangenen Jahren eines der zentralen Anliegen, an dem sie ebenfalls mit Überzeugung arbeitete.

FRAUEN Wird es Claudia Sheinbaum gelingen, die Situation des ganzen Landes zu verbessern? Gute Chancen, Präsidentin zu werden, hat sie. Zwei Hürden muss sie allerdings noch nehmen: Zuerst wird sie offizielle Kandidatin ihrer Mitte-Links-Partei Movimiento Regeneración Nacional (Bewegung für Nationale Erneuerung, MORENA) werden müssen. Am 6. September wird bekannt gegeben, wer zum Rennen um das höchste Amt antreten darf. Dann, im Juni 2024, folgen die Wahlen. Beliebt ist Sheinbaum durchaus. Gerade Frauen und junge Mexikaner könnten für sie stimmen.

Vor 2016 gab es die MORENA-Partei noch gar nicht. Zwei Jahre nach der Gründung schaffte es ihr Mitglied Andrés Manuel López Obrador, für das Bündnis Juntos Haremos Historia (»Gemeinsam werden wir Geschichte schreiben«), dessen Teil MORENA geworden war, als Präsident im Palacio Nacional zu landen. Doch laut Gesetz darf er nicht noch einmal antreten.

Viele glauben, dass Sheinbaum es schaffen wird, sich gegen Rivalen in ihrer Partei, darunter der derzeit amtierende Außenminister Marcelo Ebrard und sein Kollege, Innenminister Adán Augusto López, zu behaupten. In den Umfragen liegt sie vorn und macht generell eine gute Figur.

opposition Mexikos Opposition hat es bisher nicht geschafft, eine Persönlichkeit zu finden, die als Kandidat überzeugen und MORENA oder dem Bündnis Juntos Haremos Historia gefährlich werden könnte. Auch daher spricht viel für Claudia Sheinbaum, die derzeitige Favoritin. Sie könnte nächstes Jahr die erste Präsidentin des Landes und zugleich die erste jüdische Person in diesem Amt werden.

Die Zeit der Frauen sei gekommen, erklärte sie vergangene Woche und versprach, die von Präsident López Obrador betriebene Transformation Mexikos fortzusetzen.

Das Land mit seinen 126 Millionen Einwohnern hat allerdings weiterhin erhebliche Probleme. Weil der Staat jahrzehntelang kriminelle Aktivitäten tolerierte, wuchsen die Drogenkartelle, die nun regelrechte Kriege führen – sowohl gegeneinander als auch gegen das Land und seine Behörden.

Armut, Korruption und Gewalt sind weitere Probleme, die gelöst oder zumindest eingedämmt werden müssen.

Armut, Korruption und Gewalt sind weitere Probleme, die gelöst oder zumindest eingedämmt werden müssen. Denn die Bevölkerung leidet erheblich darunter. Gleiches gilt für die Tourismusbranche. Vor allem Reisen innerhalb Mexikos auf dem Landweg sind äußerst gefährlich, Überfälle und Morde an der Tagesordnung. Tägliche Horrormeldungen und die Reisewarnungen des Auswärtigen Amts sprechen Bände.

Hinzu kommen die empfindlichen Umweltprobleme Mexikos, des bevölkerungsreichsten spanischsprachigen Landes, das nach Brasilien die zweitgrößte Volkswirtschaft in Lateinamerika ist. Wer auch immer das Präsidentenamt übernimmt, wird mit enormen Herausforderungen konfrontiert sein.

BIOGRAFIE Die potenzielle Präsidentschaftskandidatin Claudia Sheinbaum wurde 1962 in Mexiko-Stadt geboren. Die Eltern ihres Vaters waren aschkenasische Juden aus Litauen, die vor ungefähr 100 Jahren nach Mexiko auswanderten. Sheinbaums Großeltern mütterlicherseits, sefardische Juden aus Bulgarien, kamen in den 40er-Jahren auf der Flucht vor den Nazis ins Land. Viele ihrer Familienmitglieder waren oder sind ebenfalls Wissenschaftler. Sheinbaum ist geschieden und hat zwei Kinder. Die studierte Physikerin gehört als Expertin für Energietechnik der Mexikanischen Akademie der Wissenschaften an.

Von 2000 bis 2006 war sie die Verantwortliche für Umweltfragen in der Hauptstadt, kehrte dann vorübergehend in die Wissenschaft zurück und wurde 2015 Bürgermeisterin von Tlalpan, dem größten Bezirk von Mexiko-Stadt. Vor fünf Jahren wurde sie schließlich Oberbürgermeisterin der riesigen Metropole.

Der Ausbau der Ringautobahn Periférico in eine zweistöckige Verkehrsader sowie die Metrobuslinien in der chronisch verstopften Stadt gehen auf ihre Arbeit zurück. Zum Abschied erklärten sieben Bürgermeisterkollegen ihrer Partei, Sheinbaum habe die Lebensbedingungen von Millionen Mexikanern verbessert.

Ihre Großeltern kamen vor 100 Jahren aus Litauen und Bulgarien.

Ihre Zeit als Bezirksbürgermeisterin war jedoch nicht leicht. 2017 wurde sie für den Einsturz einer Schule während eines Erdbebens verantwortlich gemacht, bei dem 26 Menschen starben. Ähnliche Beschuldigungen wurden 2021 erhoben, als ein Fußgängerübergang im Stadtteil Tláhuac mitsamt zweier Metro-Waggons auf eine Straße fiel und ebenfalls 26 Menschen tötete.

gewalt Zuletzt beschäftigte sich die bisherige Bürgermeisterin auch mit Maßnahmen, die die alarmierende Gewalt gegen Frauen in Mexiko-Stadt eindämmen sollen.

Am vergangenen Donnerstag sprach Sheinbaum vom »Beginn einer entscheidenden Phase für unser Land«. Sie sei bereit, die Geschicke der Nation in die Hand zu nehmen. Und sie sei zuversichtlich, »der von López Obrador eingeleiteten Transformation echte Kontinuität zu verleihen«.
Eine ihrer Ideen, die sich auch auf die Landesebene übertragen ließe, wäre die Nutzung von Wissen und Technologie, um die Lebensbedingungen für die Bewohner zu verbessern. Gleichstellung, Nachhaltigkeit und Transparenz sind weitere Anliegen.

»Null Aggression und mehr Sicherheit« war schon vor Jahren einer der Slogans der Problemlöserin und prominenten »Chilanga«, wie die Bewohnerinnen von Mexiko-Stadt im lokalen Slang heißen.

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